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Scheitern im Arbeitsleben : „Selbst das eigene Elend kann irgendwann langweilig werden“

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Wer auf der Karriereleiter oben angekommen ist, kann auch dazu gezwungen sein, sie wieder hinabzusteigen. Bild: Picture-Alliance

Der Schriftsteller Michael Kleeberg beschreibt in seinem neuen Roman den Werdegang eines deutschen Angestellten samt Konkurrenzkampf, Karrieresprung und Burnout. Und erklärt, wie wichtig Scheitern dabei ist.

          Michael Kleeberg wurde 1959 in Stuttgart geboren. Zuletzt erschien unter dem Titel „Vaterjahre“ der zweite Teil einer Geschichte über den leitenden Angestellten Karlmann „Charly“ Renn. „Mir geht es darum, Menschen zu porträtieren, die es gewohnt sind zu handeln, ohne die Verhältnisse infrage zu stellen, in denen sie handeln“, sagt Kleeberg. Dieses Milieu werde von seinen Schriftsteller-Kollegen gerne denunziert - nach dem Motto: „Der Kapitalismus ist das Böse und die armen Leute sind ganz lieb.“ Kleeberg war von 1987 bis 1996 Mitinhaber einer Werbeagentur in Paris.

          Herr Kleeberg, wann ist ein Leben gelungen?

          Da gibt es verschiedene Konzepte, christliche, materialistische, hedonistische. Steht das Ich im Vordergrund oder der „Nächste“? Physisch entscheidend ist die Weitergabe des eigenen Lebens: die Gene streuen. Aber reicht das? Lernen, von sich abzusehen, wäre ein Gelingen. Und für den Schriftsteller, der ich bin: der Furie des Verschwindens bleibende Kunstwerke abtrotzen.

          Ihr neuestes Buch „Vaterjahre“handelt von den Schwierigkeiten, ein gelingendes Leben zu führen. Der Held des Buches heißt Charly. Wir würden gerne herausfinden, wie viel von Charly ins uns allen steckt. Was ist er für ein Typ?

          Charly kommt aus einer Familie des gehobenen Kleinbürgertums. Sehr materiell und erfolgsorientiert. Er macht eine Banklehre, studiert Volkswirtschaftslehre, will den Hochglanzbildern entsprechen, die er sich von seinem eigenen Leben macht: blonde Schönheit, Traumhochzeit, schicke Urlaube, tolle Karriere. Individuelle Erfüllung diesseits des Todes, weil er nicht an politische Ideologien, nicht an ein Jenseits, nicht an Transzendenz glaubt.

          Damit scheitert er?

          Ja, zunächst. Weil den Hochglanzbildern nichts Eigenes, kein eigener gewachsener Inhalt gegenübersteht. Charly muss, wie die meisten von uns, per aspera ad astra lernen, durch trial and error, wer er wirklich ist, was er tatsächlich kann und wie viele von den anfänglichen Träumen realistischerweise zu erreichen sind. Mit einem Wort: ein Leben der Kompromisse. Und Kompromisse eingehen zu müssen ist immer eine bittere Lektion.

          Was ändert Charlys Leben?

          Seine Niederlagen, die privaten wie die beruflichen. Gerade diese Erfahrungen des Scheiterns entpuppen sich als Fundus von Fähigkeiten, mit deren Hilfe er sein Leben zum Besseren wenden kann. Dazu eine stabile zweite Ehe und Kinder.

          Charly - der Typus des deutschen Angestellten?

          Ich gehe nicht von Typologien aus, sondern von Beispielen im realen Leben. Aus dem Individuellen versuche ich allgemeine Gesetzmäßigkeiten zu destillieren. Dann wird es glaubwürdig und wahrhaftig.

          Wie kommt es zu Katastrophen im Leben?

          Es gibt verschiedene: Unfälle, Krankheiten, Verluste. Das nennt man Schicksal. Und dann solche, die aus fehlerhaftem Handeln kommen. Wie tief man dabei fällt, hängt von Kontingenzen ab: Auffangnetze wie Geld, Familie, Freunde, Partner oder deren Fehlen beziehungsweise Versagen. Nicht zu vergessen das, was man Charakterstärke nennt. Während Charly glücklich davonkommt, scheitert sein alter Freund Jobst endgültig: Er landet am Ende auf der Straße und erfriert einsam auf einer Parkbank.

          Erzählen Sie uns von Jobst und seinem Scheitern!

          Jobst fehlen sowohl die Auffangnetze als auch die Charakterstärke und die Intelligenz oder besser Schläue. Der Vater hat einen Getränkehandel. Jobst schafft es nicht zum Abitur, sondern mit Ach und Krach zur mittleren Reife. Ohne besondere Ausbildung muss er Junior seines Vaters in der Firma werden. Als der Vater unerwartet stirbt, ist der Sohn hoffnungslos überfordert. Zwangsläufig trifft er unternehmerische Fehlentscheidungen, die zum Konkurs der Firma führen.

          Zu allem Überfluss verlässt ihn auch noch seine Frau. Weil sie den Versager verachtet?

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