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Langzeitarbeitslose : Arbeitsunfähig – für immer?

Langzeitarbeitslos: In Frankfurt Unterliederbach sind Arbeitslose mit dem Sortieren von Altkleidern beschäftigt. Bild: Helmut Fricke

Selten war es so leicht, in Deutschland eine Stelle zu finden. Trotzdem gibt es Menschen, die niemals auf dem Arbeitsmarkt bestehen werden. Warum nicht und wer sind sie? Eine Spurensuche.

          Wer eine neue Arbeit sucht, der kann sich derzeit vor Angeboten kaum retten. Auf Abertausenden Taxen, Bussen und Handwerker-Sprintern werden Mitarbeiter gesucht. Supermärkte plakatieren direkt vor der Eingangstür, dass schnellstmöglich Verkäufer gebraucht werden. Auch McDonald’s sucht Leute für den Service. Formale Qualifikationen werden in der Stellenanzeige nicht verlangt. Lediglich ein gepflegtes Aussehen, Einsatzbereitschaft, außerdem sollte der Bewerber gerne mit Menschen zu tun haben. Klingt überschaubar, für jeden machbar. Und dennoch gibt es noch immer 860.000 Menschen in Deutschland, die seit mehr als zwölf Monaten keine feste Stelle bekommen, viele von ihnen schon seit Jahren. Woran liegt das?

          Christoph Schäfer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wer wissen will, warum selbst einfache Stellen nicht besetzt werden, der muss sich mit denen unterhalten, die seit Jahren keine reguläre Arbeit haben. Eine gute Gelegenheit dafür bietet der Kleiderladen am Alleehaus in Frankfurt-Unterliederbach. Diese Einrichtung der Caritas hat sich darauf spezialisiert, Sozialhilfeempfänger als Ein-Euro-Jobber zu beschäftigen und an den Arbeitsmarkt heranzuführen.

          Es geht um Menschen wie Marion Krebs. Die 51 Jahre alte Frau legt gerade fest, welches gespendete Kleidungsstück zu welchem Preis weiterverkauft werden soll. Alles zwischen zehn Cent und 40 Euro ist möglich, meist bleibt es sehr billig. Ein Unterhemd kostet 50 Cent, ein BH einen Euro, ein ärmelloses Kleid drei Euro. Der Durchschnittspreis je Teil beträgt 1,85 Euro.

          Keine Berufsausbildung, keine Zeugnisse

          Während Frau Krebs fleißig Preisschild um Preisschild beschriftet, erzählt sie, warum sie hier ist, bei der Caritas, für 1,50 Euro die Stunde. Sie hat die Hauptschule abgeschlossen, aber keine Berufsausbildung. Vor mehr als 30 Jahren fing sie eine Ausbildung als Friseurin an, brach sie aber ab, weil sie möglichst schnell von zu Hause wegwollte. „Das habe ich oft bereut“, erzählt sie im Nachhinein. Um an Geld zu kommen, hat sie zunächst Büros geputzt, dann in einer Boutique gearbeitet. Der Chef sei aber nicht seriös gewesen. „Der hat mich beim Gehalt beschissen.“

          Deshalb zog sie weiter zu einem Stand mit Süßigkeiten in einem Hertie-Kaufhaus. Inmitten der Lollies und Gummibärchen gefiel es ihr prima. Doch eines Tages kam sie ins Kaufhaus, und der Shop war halb abgebaut. Mit Krebs hatte niemand geredet. Mit den Süßigkeiten verschwand auch der Arbeitsplatz. Krebs machte in einer Kaufhalle weiter, wo sie an der Kasse saß und Regale auffüllte. Später ging es weiter zu einem Elektronikladen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie häufig die Stelle gewechselt, sie konnte keine Berufsausbildung vorweisen und hatte sich nie Zeugnisse geben lassen. („Das war nicht so wichtig“). Mangelnden Einsatz aber konnte ihr niemand vorwerfen.

          Die Wende zum Schlechten kam vor zwanzig Jahren, als sie sich von ihrem Ehemann trennte. In Fachbüchern gelten Scheidung, Krankheit und Arbeitslosigkeit als Hauptursachen für langfristige Armut. Im Fall von Krebs kam alles zusammen, denn ihre kleine Tochter war häufig sehr krank. Jahrelang lang litt sie unter Pseudokrupp-Husten, einer Atemwegserkrankung, die anfallartig kommt, zu starker Luftnot führt und sogar lebensbedrohlich werden kann.

          Mit 43 war das Knie kaputt

          Frau Krebs suchte keine Arbeit. Sie setzte ihr Kind an erste Stelle und bezog neun Jahre Sozialhilfe. Das Amt habe sie in der Zeit in Ruhe gelassen. „Die wussten ja, dass ich keine Betreuung hatte.“ Für die kleine Familie war die Zeit entbehrungsreich, für den Steuerzahler teuer. Doch Frau Krebs verteidigt ihre Entscheidung. „Wer weiß, wie sich meine Kleine entwickelt hätte, wenn ich mich nicht gekümmert hätte.“ Und mit allem Stolz, den eine Mutter haben kann, sagt sie: „Ich habe sie gut hinbekommen!“

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