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Lachen gegen Stress : Bitte recht freundlich

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Entspannt im Hier und Jetzt: Die Lachyoga-Gruppe in München trifft sich einmal in der Woche nach Feierabend. Bild: Jan Roeder

Lachyoga ist in Mode, auch für Berufstätige – zum Stressabbau und zur Prävention gegen Burnout. Aber ist das nicht furchtbar albern? Ein Erfahrungsbericht.

          Meine Mundwinkel fühlen sich an, als ob jemand sie in der Nähe meiner Ohren festgetackert hätte. Ich sehe dabei sicher aus wie die berühmte Grinsekatze aus Lewis Carolls „Alice im Wunderland“, die verschwinden kann, während ihr Lächeln sichtbar bleibt. Ein kleines bisschen würde auch ich gerade gerne einfach verschwinden. Doch ich habe mir fest vorgenommen, mich auf das Experiment einzulassen. Deshalb grinse ich weiter, während ich wildfremden Menschen tief in die Augen schaue und dabei sage: „Schön, dass du da bist!“

          Mein Unbehagen hat weniger damit zu tun, dass ich hier mit 20 anderen Erwachsenen an einem lauen Schönwetterabend mitten in München am Königsplatz stehe und auf das Kommando von Lachtrainerin Cornelia Leisch laut lache, während ich die Blicke vorbeieilender Passanten und schlendernder Touristen auf mir spüre. Am lebenden Objekt kann ich an diesem Ort studieren, was der amerikanische Anthropologe Edward T. Hall schon in den 1960er Jahren herausgefunden hat: Je nach Vertrautheitsgrad bilden Menschen verschieden große räumliche Abstände zueinander.

          Dabei unterschied Hall die intime, die persönliche, die soziale und die öffentliche Distanzzone. Menschen, die uns sehr vertraut sind, lassen wir auf mindestens 40 Zentimeter und sogar weniger an uns heran, ohne dies als unangenehm zu empfinden. In großen Gruppen, in denen wir von fremden Menschen umgeben sind, etwa bei einem öffentlichen Vortrag, bevorzugen wir hingegen in der Regel einen Abstand von mindestens vier Metern, um uns nicht unbehaglich zu fühlen. Mit dieser Erkenntnis erklärt die Forschung auch das peinliche Schweigen und den Versuch, Blickkontakt zu vermeiden, wenn wir mit anderen in einem Aufzug stehen. Denn dann werden wir gezwungen, Menschen in unsere persönliche, wenn nicht sogar intime Zone vordringen zu lassen, obwohl wir sie kaum oder gar nicht kennen.

          Lachen beugt Burnout vor

          Allerdings bin ich selbst ein offener Mensch, der gerne auf fremde Menschen zugeht und Neues ausprobiert. Außerdem mache ich seit Jahren Pilates und Yoga. Die körperlichen und mentalen Übungen, die beide Sportarten beinhalten, helfen mir, vom Arbeitsalltag abzuschalten und zur Ruhe zu kommen. Und Lachen ist schließlich gesund, heißt es ja im Volksmund. Lachyoga, wie mein heutiges Freizeitprogramm suggeriert, kombiniert beides. Cornelia Leisch behauptet sogar, Lachyoga eigne sich zur Burnout-Prävention: „Beim Lachen lassen wir los, dadurch fühlt man sich hinterher wieder frisch und energiegeladen“, sagt sie. Ich bin gespannt!

          Dass der Begriff „Yoga“ in meinen Augen allerdings nicht ganz richtig gewählt ist, offenbart schon die Kleiderwahl der anderen Lach-Yogis. In Erwartung der gewohnten Dehnübungen habe ich die besonders elastischen Sportklamotten gewählt. Alle anderen tragen ihre Alltagskleidung; Lachtrainerin Leisch hat eine weite Bluse und eine weiße Hose an, mit der sie in jedem Büro eine gute Figur machen würde. Die roten Haare der Mittfünfzigerin sind zu einem akkuraten Pagenschnitt frisiert, sie trägt zu Rechtecken geschliffene Ohranhänger aus Glas, die in der Sonne funkeln. Eine ältere Dame hingegen ist dank ihres Habits deutlich als Ordensfrau zu erkennen und mit einem Rollator ausgestattet, auf dem sie nach den Übungen immer wieder Platz nimmt und verschnauft, da ihr das Gehen schwerfällt. Im „herabschauenden Hund“, einer beliebten Yoga-Übung, kann ich sie mir nur schwer vorstellen.

          An solchen Spitzfindigkeiten soll meine gelöste Stimmung heute allerdings nicht scheitern – ich will einfach lachen, bis die gute Laune kommt. Also trabe ich, wie mir aufgetragen, brav mit den anderen Lach-Yogis durcheinander und klatsche alle ab, die vorbeikommen und all jene sanft auf den Rücken, die ich nur von hinten erwische, während wir gemeinsam im Takt aus möglichst vollen Lungen „Ho ho, ha ha ha“ rufen sollen.

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