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Verstopfte Lesesäle : Stau in der Uni-Bibliothek

  • -Aktualisiert am

Wenn es dunkel wird, ist es für Studierende noch lange nicht Zeit nachhause zu gehen. Viele Universitätsbibliotheken haben bis 24 Uhr geöffnet. Bild: Picture-Alliance

Die Universitäten in Deutschland sind voller denn je, in den Lesesälen werden die Plätze knapp. Besonders zu Stoßzeiten ist es eng. Jetzt sollen neue Ideen für Abhilfe sorgen. Doch längst nicht jede funktioniert.

          Die einen sind in ihre Bücher vertieft, andere lassen den trüben Blick durch die hell beleuchteten Gänge oder über den grau-grünen Teppich schweifen. Es ist Mitternacht. Mitten in der Klausurphase haben sich Hunderte Studenten in der Universitätsbibliothek Köln eingerichtet. Heute findet eine der wenigen langen Lernnächte statt, an denen die Bücherei bis fünf Uhr morgens öffnet. Es ist ein Versuch, am Tag für Entlastung zu sorgen. Denn wenn alle für Abschlussarbeiten und Prüfungen pauken, platzt die Bibliothek wochenlang aus allen Nähten.

          Das Problem kennt man nicht nur an der Kölner Uni. Auch an anderen Hochschulen drängen in den Wochen vor Klausuren so viele Studenten zum Lernen in die Büchereien, dass nicht alle einen Platz finden. „Vor der Uni-Bibliothek Aachen bildet sich schon morgens um sieben Uhr eine lange Schlange“, sagt die 20 Jahre alte Celine Losch, die dort Geowissenschaften studiert. Der Grund: Viele kommen schon, bevor die Bibliothek öffnet, um sich nachher Stress zu ersparen. „Später ist es unmöglich, noch einen Platz zu bekommen.“ Zu Stoßzeiten kauern viele Studenten dann auf dem Boden, angelehnt an die Fensterscheiben und mit ihren Büchern auf dem Schoß.

          Weniger Ablenkung in der Bibliothek

          In den vergangenen Jahren hat sich die Lage immer weiter verschärft. Die Zahl der Studenten ist nach Angaben des Statistischen Bundesamts seit dem Jahr 2002 bundesweit um fast eine Million auf nun insgesamt 2,85 Millionen gestiegen. Ein Ende des Trends ist nicht in Sicht. Studenten, die sich zu Hause kaum konzentrieren können, lernen am liebsten in der Bibliothek, geht aus einer Studie des Hochschul-Informations-Systems hervor. Demnach lernen Uni-Studenten im Schnitt etwa vier Stunden hier.

          Gerade einmal zwei Prozent der Befragten bevorzugten zum Lernen andere Orte abseits des Campus. Der wichtigste Grund für diese Lernvorliebe: In der Bibliothek lassen sich Studenten nicht so leicht ablenken, für viele muss es dafür auch unbedingt die auf dem Unigelände sein. „In der Stadtbücherei ist es viel zu laut“, sagt eine Jura-Studentin der Uni Bochum. „Da kann ich mich nicht aufs Lernen konzentrieren.“ Auf dem Campus sitzen außerdem viele Kommilitonen, die ebenfalls fleißig büffeln. Das motiviert. Nicht zuletzt sind Lehrbücher und Nachschlagewerke in Reichweite. Und je mehr Stoff Studenten außerhalb der Vorlesungen aufarbeiten müssen, desto dringender sind sie auf die Lernplätze zwischen Bücherregalen angewiesen. Besonders für Juristen und Ingenieure ist die Bibliothek ein beliebter Lernort.

          Lernplätze online buchen

          Die Universitäten suchen auf unterschiedlichen Wegen nach Lösungen, um den Platzmangel zu beheben. Die Uni Freiburg ließ Anfang des Jahres 2016 beispielsweise 100 zusätzliche Stühle in der Bibliothek aufstellen. Die Studenten waren davon wenig begeistert: Denn an Tischen, die gerade einmal für fünf Leute ausgelegt sind, saßen sie plötzlich zu sechst. Auch die Universitätsbibliothek München ist kreativ: Hier können Studenten Lernplätze für eine bestimmte Zeitspanne online reservieren. Ein „Platzfinder“ auf der Homepage zeigt, ob und wie viele Sitzplätze noch frei sind. So muss keiner mehr umsonst zur Bibliothek gehen oder lange anstehen.

          Münchener Studenten dürfen außerdem in einem Pilotprojekt die Essensräume der Mensa Leopoldstraße zum Lernen nutzen. Wenn die Küche geschlossen hat, können sie nachmittags und abends an den Esstischen ihre Bücher aufklappen. Ähnliche Projekte laufen in Siegen, Kassel und Wuppertal. Viele Studenten bekämpfen ihrerseits die Platznot, indem sie sich Plätze reservieren, ähnlich wie Mallorca-Touristen ihre Strandliegen. Nachdem sie einen freien Platz mit ihren Unterlagen oder einer Jacke belegt haben, treffen sie sich zunächst mit Freunden in der Cafeteria oder verschwinden in die nächste Vorlesung. So bleiben die beliebten Lernplätze oft lange Zeit ungenutzt.

          Mit Pausenuhren gegen Reservierungen

          Universitäten wirken diesem Verhalten mit „Pausenuhren“ entgegen: Sie ähneln handelsüblichen Parkscheiben. Ist die angegebene Pausenzeit von maximal einer Stunde überschritten, darf der nächste Student die Materialien des Vorgängers in die dafür vorgesehenen Körbe legen und den Platz selbst nutzen. Die Maßnahme soll außerdem ein faires Miteinander unter den Bibliotheksbesuchern fördern. Die Universitätsbibliothek Köln nutzt solche Pausenuhren seit etwa fünf Jahren.

          Ist hier frei oder schon reserviert? Studenten in der Bibliothek der Universität Köln.
          Ist hier frei oder schon reserviert? Studenten in der Bibliothek der Universität Köln. : Bild: dpa

          Ralf Depping, Leiter des Dezernats für Forschungs- und Publikationsunterstützung an der Universität zu Köln, hält die Maßnahme allerdings für „einen Tropfen auf den heißen Stein“. Es habe sich dadurch nicht viel an der Situation geändert. Der Grund: Der Bibliothek fehlt das Personal, um zu überprüfen, dass sich alle an die Pausenzeiten halten. Außerdem, sagt Depping, hätten viele Studenten Hemmungen, fremde Unterlagen vom Platz zu wegzuräumen – sie wollen keinen Streit.

          Kleine Bibliotheken werden umgebaut

          In Köln ist die Lage ganz besonders angespannt. Der Grund: In der Domstadt gibt es etliche Privathochschulen ohne eigene Bibliothek. Die Folge: Rund dreißig Prozent der Besucher in der zentralen Uni-Bibliothek sind gar nicht an der Uni Köln eingeschrieben, berichtet Depping. Anders als andere Hochschulen wollen die Kölner Uni-Externe in ihrer Bücherei aber weiter willkommen heißen und den Zugang nicht einschränken. Das Kölner Uni-Bibliotheksgebäude stammt indes aus einer Zeit, in der die Hochschule gerade einmal ein Drittel der Studenten beherbergte, die heute eingeschrieben sind. Die Uni weiß längst um die Platznot: Erweiterungsbauten sind im Gange. Der große Bibliothekssaal ist umgebaut und erneuert, als Nächstes sollen weitere Säle renoviert werden.

          Neben der Zentralbibliothek gibt es etwa 150 in der Stadt verteilte, kleinere Institutsbibliotheken und Lesesäle. Diese sind bei den Studenten eher unbekannt, freie Plätze würde es dort deshalb immer geben, sagt Depping. Um die Zentralbibliothek zu entlasten und neue, attraktive Lernstandorte zu schaffen, sollen die kleinen Bibliotheken nun weitestgehend zu großen Standorten umgebaut werden. So ist es schon in der Volkswirtschaftsfakultät geschehen. Allerdings ist es dort trotz des Umbaus zu Stoßzeiten immer noch eine Herausforderung, einen Platz zu ergattern. Die letzten Platzreserven, die es theoretisch gäbe, dürfen die Kölner nicht voll ausnutzen, da sie beispielsweise Notausgänge freihalten müssen.

          Bochum zeigt sich konsequent

          Bis dahin sollen Aktionen wie die „langen Lernnächte“ Abhilfe schaffen. Sie sind sehr beliebt und haben sich mittlerweile „als fester Bestandteil des Semesters etabliert“, schreibt die Studentenvertretung Asta in ihrem Magazin namens „VORLAUT“. Damit die Studenten gut durch die Nacht kommen, schenkt der Asta Energydrinks aus und verkauft belegte Brötchen und Waffeln. Die Kölner Uni-Bibliothek, die im vergangenen Jahr mehr als zwei Millionen Besucher verzeichnete, schließt aber auch an normalen Tagen erst um 24 Uhr.

          Die Universitätsbibliothek Bochum rückt der Problematik anders zu Leibe. In den Spitzenmonaten Januar bis Februar und Juli bis August besuchen bis zu 5000 Menschen täglich die Bibliothek. Um dem Reservierungsdrang der Studenten ein Ende zu setzen, kommen seit Anfang 2017 die bekannten Parkuhren zum Einsatz. Anders als in Köln greifen die Bochumer allerdings härter durch: Wenn einem Bochumer Studenten auffällt, dass jemand die Pausenzeit überschritten hat, kann er dies bei Angestellten der Bibliothek melden. Diese nehmen sich der Studenten dann an – beispielsweise wenn jemand sich weigert, seinen Platz zu räumen. Zu Problemen sei es daher noch nie gekommen, berichtet der stellvertretende Direktor der Universitätsbibliothek Bochum, Jörg Albrecht.

          In Freiburg wurde die Universitätsbibliothek erst vor wenigen Jahren saniert. Dennoch herrscht auch hier Platzmangel.
          In Freiburg wurde die Universitätsbibliothek erst vor wenigen Jahren saniert. Dennoch herrscht auch hier Platzmangel. : Bild: Picture-Alliance

          Viel Platz, wenig Steckdosen

          An manchen Universitäten können Studenten online sogar separate Gruppenarbeitsplätze für jeweils zwei Stunden buchen. In Bochum gibt es derzeit drei davon, an denen insgesamt fünf Kleingruppen Platz finden. Buchen können die Räume alle Studenten der Universitätsallianz Ruhr. Dazu zählen die Städte Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund. Seit dem Jahr 2010 sortieren Mitarbeiter außerdem stetig die Bücher aus, die mittlerweile digital zugänglich sind. Die dadurch geschaffenen Flächen sind mittlerweile renoviert und mit modernen Möbeln ausgestattet. Insgesamt gibt es nun 1300 Arbeitsplätze, weitere sind in Planung. Albrecht geht davon aus, dass die Umbaumaßnahmen noch etwa zwei Jahre andauern.

          Bochumer Studenten haben deshalb – anders als ihre Kommilitonen in Köln – kaum Probleme, einen Platz zu finden. Doch selbst wenn man sitzt, sind die Probleme noch nicht vorbei: Denn an den Tischen fehlen sowohl Steckdosen als auch Schreibtischlampen. Beides brauchen die Studenten aber zum Lernen. Besonders für Mediziner ist das ein Problem, zeigt die Studie des Hochschul-Informations-Systems. Viele Studenten würden gern öfter in der Bibliothek lernen, entscheiden sich in den Klausurphasen wegen der dort schlechten Arbeitsbedingungen aber bewusst dagegen. Und so sind nicht nur auf dem Boden hockende Studenten in vielen Uni-Bibliotheken Alltag, sondern auch meterlange Verlängerungskabel, quer durch den Lesesaal.

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          Quelle: F.A.Z.

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