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Kinderbetreuung : Maskottchen des EU-Parlaments

Drei Hände, eine Stimme... Bild: REUTERS

Die kleine Vittoria sorgt im EU-Parlament für Furore, weil die Mutter in Straßburg keine Betreuungsmöglichkeit hat. Deshalb nimmt Licia Ronzulli ihre Tochter einfach mit in den Plenarsaal. Das Modell ist nicht unkompliziert - findet aber Nachahmer.

          Vittoria weiß, was Familiendisziplin ist. Familien-Disziplin, das ist, wenn Mama Licia auf Platz 762 im Straßburger Europaparlament die Hand hebt. Dann streckt auch Vittoria die kleinen Fäuste in die Höhen des Plenarsaals, beide am besten, Teddy, Handy, Stift und was sonst zur Hand ist gleich mit. Es zählt schließlich jede Stimme, wenn in Straßburg über den Haushalt, Patentregeln und neue Auflagen für Flughäfen abgestimmt wird. Vittoria sitzt nun seit zwei Jahren im Europaparlament und kennt das Geschäft. Gut, ihr Sitz ist der Schoß von Mama Licia, und die Stimme der zwei Jahre alten Abgeordneten qua Geburt zählt nicht. Aber sie ist mit mindestens so viel Engagement dabei, wenn um 12 Uhr mittags die Abstimmungen beginnen, wie ihre Mutter Licia Ronzulli, Europaabgeordnete der italienischen Berlusconi-Partei Popolo della Libertà.

          Vittoria lässt sich kaum eine Abstimmung entgehen. Bilderstrecke
          Vittoria lässt sich kaum eine Abstimmung entgehen. :
          Hendrik  Kafsack

          Wirtschaftskorrespondent in Brüssel.

          Im Alter von sechs Wochen zog Vittoria im September 2010 ins Europäische Parlament ein. Damals schlummerte sie, eng an die Brust der Mutter gebettet, wenn die damals 35 Jahre alte Ronzulli ihre Stimme abgab. Das ist vorbei. Heute sitzt da ein hellwaches, freches, kleines, braunhaariges Mädchen, zupft der Mama an der Nase, versucht sich die Kopfhörer für die Synchron-Übersetzung über die Ohren zu stülpen - und wenn die Mutter sich im Plenum zu Wort meldet, steht Vittoria daneben, johlt und schlägt die Hand vor den Mund wie ein kleiner, rosaberockter Italo-Indianer. Es braucht Nerven, da ruhig zu bleiben, Fragen anzuhören, Antworten zu geben. Ronzulli hat sie.

          Die Sitznachbarn reagieren kaum noch

          Ihre Sitznachbarn im Parlament, der Franzose Jean Roatta und der Österreicher Paul Rübig, reagieren inzwischen kaum mehr auf den Wirbelwind an ihrer Seite. Andere hingegen - vor allem in der eigenen Fraktion - sehen die Präsenz von Vittoria nicht so gelassen. Immer wieder verpasse Ronzulli Abstimmungen, weil sie sich nicht auf den Ablauf konzentrieren könne, klagen die einen. Andere werfen ihr vor, ihr Kind zu Werbezwecken zu missbrauchen. Aufmerksamkeit erweckt Ronzulli allerdings, selbst ins japanische Fernsehen hat es Vittoria geschafft. Alles nur Neid?

          Ronzulli sieht die Aufregung gelassen. Es war keine politische Entscheidung, ihre Tochter mitzubringen, sondern die einer Mutter, sagt sie. An offene Kritik kann sie sich nicht erinnern. Im Gegenteil: Für viele ist Vittoria inzwischen so etwas wie das Maskottchen des Parlaments. Und überhaupt: Was soll sie machen? Der Vater des Kindes lebt in Italien, in Brüssel ist Vittoria in einer Kindertagesstätte, aber in der Sitzungswoche in Straßburg ist die Betreuung von Kindern im Europaparlament nur mangelhaft. Das sagt auch Franziska Brantner von den Grünen, selbst Mutter eines Kleinkinds. Die üblichen Straßburger Arbeitszeiten von morgens acht Uhr bis abends um zehn könne eine Mutter ohne Hilfe kaum bewältigen, sagt sie. Ihr selbst hilft meistens die eigene Mutter. Wenn Not an der Frau ist, hat aber auch Brantner ihr Kind mit in den Straßburger Plenarsaal genommen. Auch die schottische Sozialdemokratin Catherine Stihler kommt regelmäßig mit Nachwuchs zu den Abstimmungen.

          Alles Rabenmütter? Eine sehr deutsche Frage. Natürlich lässt sich auch Ronzulli von der eigenen Mutter helfen, wenn die in Straßburg dabei sein kann. Auch die Assistenten müssen „ran“, wenn die Straßburg-Woche von Mutter Licia volle Konzentration verlangt. Ansonsten geht es ihr nur darum, trotz des Stresses der Sitzungswochen möglichst viel Zeit mit der Tochter zu verbringen. Zumindest solange Vittoria noch mit Spaß Handy, Teddy und Fäuste in den Plenarhimmel streckt. Wenn ihr das zu langweilig wird und sie das Parlament ernsthaft zu stören beginnt, will Ronzulli nach einer anderen Lösung suchen. Bis dahin aber bleibt Sitz 762 doppelt besetzt.

          Ein Spielplatz im Büro

          Die Betreuung für den quirligen Nachwuchs ist gerade zusammengebrochen, im Büro stapelt sich die Arbeit. Für solche Notfälle rüsten immer mehr Unternehmen auf: Die Schwedische Bank SEB AG zum Beispiel bietet Eltern-Kind-Büros mit einem voll ausgestatteten Arbeitszimmer für die Eltern und Kinderspielzeug für die Kleinen. Auch viele Universitäten und Fachhochschulen haben so für den Notfall vorgesorgt. Der Energiekonzern Eon bietet gleich drei Räume, neben Arbeits- und Spielzimmer auch einen Schlafraum mit Kinderbett. Das hessische Wissenschaftsministerium setzt auf Flexibilität: Dort wird ein beweglicher Rollcontainer als Eltern-Kind-Arbeitszimmer eingesetzt, der bei Bedarf verrückt werden kann. Die Bundesagentur für Arbeit versucht derweil, Kinder am Arbeitsplatz auch anderen Unternehmen schmackhaft zu machen, mit Tipps für einen „Kindermitbringtag“ an Feiertagen wie Buß- und Bettag, an dem in einigen Ländern zwar schulfrei ist, die Eltern aber arbeiten müssen.

          Dagegen versucht das amerikanische „Institut für Kindererziehung am Arbeitsplatz“ die Ausnahme zur Regel zu machen - zumindest für kleine Babys bis zum Krabbelalter von maximal acht Monaten. In Wochenendseminaren können sich Eltern und Unternehmen gleichermaßen über die Vorzüge der Idee informieren: Unternehmen müssen so nicht auf ihre qualifizierten weiblichen Mitarbeiter verzichten, und Mütter könnten sich länger selbst um die Erziehung ihrer Kinder kümmern. Inzwischen umfasst die Liste rund 180 Unternehmen in Amerika, die ihren Mitarbeitern erlauben, ihre Babys jeden Tag mit zur Arbeit zu bringen, darunter Schulen, Kanzleien, die Handelskammer in Seattle sowie mehrere Landesministerien. Dabei ist es kein Zufall, dass das Konzept ausgerechnet in den Vereinigten Staaten immer mehr Anhänger findet. Ohne staatliche Förderung ist es oft schlicht eine finanzielle Notwendigkeit, dass die Frauen früh wieder zurück in den Beruf finden.

          Quelle: F.A.Z.

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