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Kinderbetreuung : Krippenöffnung bis in die Nacht?

Mittagessen in einer Hamburger Kinderkrippe. Doch muss es auch „Vollpension“ sein? Bild: dpa

Die Wirtschaft fordert, dass Kinderkrippen sonntags und nachts öffnen. Das würde ihr so passen. Aber die Familien haben auch ein Recht auf Faulheit.

          Manchmal täuschen wir uns über unsere Freiheit. Es gibt, die Arbeit betreffend, zwei Begriffe von Freiheit, die so unterschiedlich sind wie Winter und Sommer. Das eine ist die Freiheit, arbeiten zu gehen, und das andere ist die Freiheit, nicht arbeiten gehen zu müssen.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Am Beispiel des Krippenausbaus, über dessen Fortschritt die Ministerinnen und Minister von Bund und Ländern an diesem Donnerstag verhandeln, werden beide Freiheitsbegriffe anschaulich. Als persönlichen Freiheitsgewinn empfindet zum Beispiel eine Mutter, Anfang dreißig, das Krippenangebot.

          Sie erzählte, ihr einjähriger Sohn habe sich schnell eingefunden, denn er sei ein selbständiger Charakter. Bei anderen Kindern gebe es Probleme, doch wenn sie ihn abends abhole, „dreht er sich nicht mal nach mir um“. Das wird wohl stimmen, auch die Wahrnehmung des Sachverhalts als Freiheitsgewinn. Womöglich ist sie aber etwas eindimensional. Es handelt sich um einen Gewinn von Selbständigkeit und Ungebundenheit, um eine Freiheit voneinander. Aber was können Kleinstkinder mit einem solchen Begriff von individualistischer Freiheit anfangen?

          Starre Betreuungszeiten passen nicht mehr

          Die politische Krippenoffensive befasst sich derzeit mit Verbesserungen der Betreuungsqualitätsstandards. Sie ist aber zunehmend auch mit Forderungen nach verlängerten Öffnungszeiten der Einrichtungen konfrontiert. Vor Beginn des Gipfels äußerten Wirtschaftsverbände und die Arbeitsagentur den Wunsch, dass die Kitas abends und an Wochenenden öffnen. Für Schichtarbeiter, Ärzte, Kellnerinnen und Callcenterarbeiter, denen es wenig nützt, dass die Kommunen in den vergangenen Jahren die Zahl der Betreuungsplätze für Unter-Drei-Jährige verdoppelt haben. Denn die bestehenden Plätze nützen nur morgens bis nachmittags arbeitende Eltern.

          Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, sagte, solche „starren Betreuungszeiten“ (gemeint ist etwa: von 8 Uhr bis 17.30 Uhr) passten nicht mehr „zur heutigen Lebens- und Arbeitswelt“. Eine Erweiterung würde familiär gebundene Fachkräfte länger verfügbar machen. Vor allem Alleinerziehende und gering-Qualifizierte.

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          Zwar sprach er nicht von Freiheit, aber der Vorschlag polarisiert, weil es um Freiheiten geht. Und weil nicht jeder das Gleiche darunter versteht. Der Glaubenskrieg um die Krippen ist - abgesehen davon, dass viele Eltern die Betreuungsangebote benötigen, weil sie das Einkommen brauchen - ein Konflikt von zwei Freiheitsbegriffen. Auf der einen Seite der Freiheit zur Selbstbestimmung. In dieser Perspektive ist der Krippenausbau ein kulturelles Fortschrittsprojekt.

          Mit Familienfreundlichkeit hat das wenig zu tun

          Dagegen steht ein Begriff von der Freiheit der Mütter und Väter, einige Jahre mit ihren Kindern zu verbringen. Also einer Freiheit, mal nicht arbeiten zu müssen - oder zumindest den späten Nachmittag, den Abend, das Wochenende gemeinsam zu haben. Weil es Freude macht, oder weil sie es kindgerecht finden. Das muss nicht wertkonservativ motiviert sein, sondern hat auch eine Verwandtschaft zur anarchistischen Idee von einem „Recht auf Faulheit“. Dieses gibt es natürlich nicht. Der Mensch muss sich der Arbeitswelt anpassen: umziehen, umschulen, auf Dienstreise gehen. Dafür bekommt er ein Einkommen und die Chance zur Entwicklung. Aber die Anpassung an die Wirtschaft hat Grenzen, umso mehr, wenn Kinder ins Spiel kommen.

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