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Landwirtschaft und Berufsleben : Karrieretipps vom Bauernhof

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Der frühe Bauer melkt die Kuh: Standardaufgaben strukturieren den Tag und geben Sicherheit. Bild: Hauri, Michael

Unsere Arbeitswelt hat heute nur noch wenig mit Ackerbau und Viehzucht zu tun. Dabei bietet der Bauernberuf allerhand Inspiration fürs Berufsleben.

          Haben Sie schon einmal Urlaub auf dem Bauernhof gemacht? Wenn nicht, dann sollten Sie darüber zum Wohle Ihrer beruflichen Zufriedenheit nachdenken. Wer ein paar Tage bei Landwirten verbringt und dort nicht nur ausspannt, sondern die Augen und Ohren offen hält, kann für die eigene Zukunft einiges mitnehmen. Ein paar Lektionen mit bewusst selektiver Wahrnehmung und der Betonung auf dem Positiven.

          Setzen Sie auf Ernst statt auf Ironie und Zynismus!

          Stellen Sie sich vor, Sie stehen am Pferdestall und sagen Ihrer fünf Jahre alten Tochter, dass es auch mal gut ist mit dem Striegeln des Ponys. Es reichten ja auch 80 Prozent - das ist doch so ein geflügelter Satz aus vielen Unternehmen. Der Bauer kann das nicht unkommentiert lassen. „Das ist aber eine sehr schlechte Einstellung“, würden Sie garantiert zu hören bekommen. Denn Landwirte entwickeln keine Distanz zu ihrer Arbeit, was in hierarchischen Konzernen oft anders aussieht. Platt formuliert: Bauern nehmen ihre Arbeit ernst. Etwa Markus Schwendenmann, 39 Jahre alt, aus Fischerbach im Schwarzwald, der Milchkühe, Forstwirtschaft und Tourismus zusammenbringt. „Wenn jemand sagt, dass ihn die Arbeit nervt oder er keine Motivation mehr verspürt, dann muss er den falschen Beruf haben“, findet er schlicht.

          Arbeiten Sie mit langfristigem Sinn!

          Wie entsteht Identifikation mit dem eigenen Beruf? Schon sind wir bei der Sinnfrage. Regelmäßig tauchen in den Medien Karrieristen auf, die den Sinn ihrer Tätigkeit vollends hinterfragen und darüber in Krisen geraten. Sprechen Sie hingegen mit Bauern, dann sieht das zumeist anders aus. Denn ihre Arbeit wächst auf einem fruchtbaren Boden, der oft über Generationen gepflegt wurde - ihr Berufsleben ist geprägt von Werten und Einstellungen. Christian Rohlfing, 39 Jahre, betreibt konventionellen Ackerbau sowie einen Biobetrieb mit Fleischrindern in Mecklenburg-Vorpommern. Er spricht über das Fundament, das sein Großvater seinem Vater und sein Vater wiederum ihm weitergegeben habe. „Dazu gehört der schonende und rücksichtsvolle Umgang mit dem Boden“, sagt Rohlfing.

          Während viele Unternehmensabteilungen oft im Schatten einer Corporate-Mission vor sich hinwurschteln und nach Gewinnen hetzen, gehen die Bäuerinnen und Bauern ihrer Maloche auf der Grundlage dieser Überzeugungen nach. Thomas Fabry, 23 Jahre alt, ist gerade in den Beruf eingestiegen, betreibt gemeinsam mit dem Vater einen Hof mit Ackerbau, Forst und Schweinehaltung im Sauerland. Er steht fest zu dieser Wahl: „Wir sorgen über Generationen dafür, dass unsere Böden besser werden, mit Kalkung, Stroh- und Humuszufuhr. Das ist nicht nur praktisch, sondern gibt mir auch ein sehr positives Gefühl, einen Sinn.“ Das geht so weit, dass Fabry nach einem Sturm den Wald aufforstet, obwohl er ahnt, dass sich diese Arbeit zeit seines Lebens nicht auszahlen wird. Wer mit solchen Landwirten spricht, kann lernen: Es motiviert ungemein, wenn man seine Arbeit an langfristigen Zielen und Werten orientiert.

          Vergessen Sie Work-Life-Balance!

          „Wir haben keine Zeit zum Jammern.“ Milchbauer Schwendenmann lacht, als er das sagt, und er lebt mit Sicherheit kein sorgloses Leben - Stichwort Milchpreis. Eine Woche mit weniger als sechs Arbeitstagen gibt es nicht, 70 Stunden sind üblich. Doch das sind eben nur starre Werte, die nicht viel bedeuten und nicht den Blick auf die Arbeit bestimmen sollten. Es passt ins Bild, dass Landwirt Rohlfing aus dem Nordosten den Begriff „Work-Life-Balance“ noch nie gehört hat - und er ist mit Sicherheit kein Hinterwäldler, wenn man sich die Ausrichtung seines Betriebes anschaut. Nachdem er die Erläuterung gehört hat, sagt er: „Wir leben mit dem Betrieb, deswegen müssen wir nichts in die Balance bringen. Wir sind glücklich, weil wir so arbeiten können. Aber natürlich habe ich auch im Blick, dass Zeit ist für meine Kinder, dass ich private Dinge erleben kann.“ Es ist eben die Frage, ob man einen schematischen Begriff wie Work-Life-Balance als Anspruch formuliert - oder genauer betrachtet, was die unternehmerische Arbeit den Bauern ermöglicht. Und da ist schon Erstaunliches zu beobachten.

          Franziska Schmieg arbeitet in der Nachwuchswerbung beim Deutschen Bauernverband, sie kennt die Ergebnisse der wichtigen Studien über Jugendliche. „Sie wünschen sich interessante und erfüllende Tätigkeitsprofile, Flexibilität sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie und einen sicheren Arbeitsplatz“, sagt Schmieg, „mit diesen Aspekten können wir in der Landwirtschaft punkten.“ Natürlich ist die Flexibilität für Arbeitnehmer eingeschränkt, man hängt an Regeln und Sitten des Unternehmens. Aber den konstanten Anspruch, die Gegenpole Leben und Arbeit auszutarieren, diesen Anspruch und diese Einstellung kann jeder Mensch für sich überdenken.

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