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Anonyme Job-Apps : Bewerben in geheimer Mission

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Wer überlegt, seinem Arbeitgeber untreu zu werden, möchte diese Gedankenspiele meist erstmal nicht mit seinem Chef teilen. Bild: Picture-Alliance

Die Arbeit ist okay, aber eine neue Stelle wäre auch nicht schlecht: Wer so denkt, will meist nicht, dass der eigene Chef davon Wind bekommt. Apps für anonyme Bewerbungen sind daher im Trend.

          Sie heißen Truffls, Placing-You, Legalhead oder Meet Frank: Job-Apps und Stellenportale im Internet, auf denen sich Menschen anonymisiert bewerben können. So soll einerseits Diskriminierung vermieden werden, andererseits wollen die Plattformbetreiber verhindern, dass der derzeitige Chef davon Wind bekommt, dass sich jemand anderswo bewirbt – oder sich jedenfalls für einen Wechsel interessiert. Wie die Anonymität gewahrt werden soll und an welchem Punkt der potentielle neue Arbeitgeber schließlich erfährt, welchen Bewerber er vor sich hat, ist unterschiedlich.

          Mit einem Profil der App Truffls etwa bleibt der Bewerber nur bis zu dem sogenannten Match anonym. Der Bewerber erstellt – ähnlich wie bei einer Xing- oder Linkedin-Seite – ein Profil von sich, aus dem zum Beispiel Branche und Berufserfahrung hervorgehen. Die App gleicht dann die Wünsche und Voraussetzungen des Bewerbers mit denen des Unternehmens ab. Passt das zusammen, schlägt die App dem Unternehmen den Bewerber vor und andersherum. Unternehmen sehen dabei nicht den Namen, sondern lediglich die Initialen und den Lebenslauf des Bewerbers. Wenn sowohl Unternehmen als auch Bewerber Interesse haben, wischen sie das Angebot auf ihrem Smartphone nach rechts. Das ist dann ein Match. Nun sieht das Unternehmen auch persönliche Angaben wie den Namen, ein Foto und das Geschlecht des Bewerbers.

          Dass dieser Prozess an Online-Dating erinnert, ist kein Zufall: Das Vorbild für Truffls ist die Dating-App Tinder. Nach der ersten Kontaktaufnahme folgt häufig noch eine klassische Bewerbung mit Anschreiben und Zeugnissen. Die Zielgruppe sind dabei vor allem akademische Nachwuchskräfte.

          Fehlt die persönliche Note?

          In Bezug auf anonymisierte Bewerbungen wird häufig diskutiert, ob die Standardisierung einen Nachteil darstellt. Wenn Bewerber nur noch anhand von beruflichen Stationen im Lebenslauf beurteilt werden, gehe Individualität verloren, sagen Kritiker. Etwa die persönliche Note, die üblicherweise aus einem Anschreiben hervorgeht. Doch Tim Weitzel, Leiter des Centre of Human Resources Information Systems (CHRIS) der Otto-Friedrichs-Universität Bamberg, entgegnet: „Vielleicht bietet ein Anschreiben gar nicht mehr Informationen, sondern besteht aus hohlen Phrasen.“

          Es sei also nicht unbedingt ein Problem, dass Unternehmen weniger interpretierbare Informationen bekämen. Viel wichtiger sei der Matching-Prozess: Das Angebot und die Wünsche des Bewerbers müssten zu denen des Unternehmens passen. Objektive Kriterien – Weitzel jedenfalls ist ein Fan davon.

          Clemens Reichel geht es ähnlich. Er ist Geschäftsführer des Unternehmens Mobilehead und betreibt gemeinsam mit seinen Mitgründern mehrere Stellenplattformen, die auf klar definierte Branchen spezialisiert sind: Es gibt zum Beispiel eine Plattform für Mediziner, eine für Hoteliers, eine für Steuerberater und eine für Juristen. Letztere heißt „Legalhead“. Klare Bewerbungskriterien nur für eine einzelne Branche können deutlich leichter benannt werden als in gemischten Stellenbörsen, findet Reichel. So seien etwa im Fall von Legalhead der Master of Laws (LL.M.) und eine gute Abschlussnote für Kanzleien sehr wichtig. Auf Legalhead erstellen Bewerber ähnlich wie bei Truffls im ersten Schritt ein Profil. Und auch hier können Unternehmen die persönlichen Informationen erst nach einem Match sehen. Um die Anonymität der Bewerber zu schützen, können diese ihren aktuellen Arbeitgeber und andere Unternehmen angeben, denen sie nicht vorgeschlagen werden wollen. Außerdem können Bewerber auswählen, dass sie sich aktuell nicht auf Stellensuche befinden. Dann werden Stellenangebote zwar sichtbar, die Bewerber werden Unternehmen aber nicht als Option angezeigt.

          Bewerbern auf Legalhead gehe es darum, den eigenen Marktwert zu testen, sagt Reichel: „Ein Teil unserer Nutzer steigt mit einem Konjunktiv in die Suche ein: Was wäre möglich, wenn ich ernsthaft suchen würde?“ Die Individualität der Bewerber zeige sich im Bewerbungsgespräch früh genug, so Reichel: „Man braucht am Anfang des Bewerbungsprozesses noch nicht alle Informationen. Die müssen erst auf dem Tisch liegen, wenn die Entscheidung über eine konkrete Einstellung getroffen wird.“

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