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Journalistenberuf in der Krise : „Nur 30 Prozent mit fester Stelle“

  • Aktualisiert am

Auf der Jagd nach dem Zitat: Journalist galt trotz solcher Szenen lange als Traumberuf. Und in der Medienkrise? Bild: ddp

Medienkrise hin, Medienkrise her: Journalismus ist weiter ein Traumberuf, sagt der Leiter der Deutschen Journalistenschule, Jörg Sadrozinski, im F.A.Z.-Interview. Vorausgesetzt, man weiß sich zu vermarkten.

          Herr Sadrozinski, die Zahl der Bewerber an Ihrer Schule ist in den vergangenen Jahren um ein Viertel gesunken. Ist Journalist kein Traumberuf mehr?

          Das würde ich so nicht sagen. Journalist ist nach wie vor ein Traumberuf, weil man mit den unterschiedlichsten Themen und Menschen zu tun hat. Aber wer sich für diesen Beruf interessiert, weiß natürlich, dass die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schlechter geworden sind. Die „Financial Times Deutschland“ gibt es nicht mehr, die Nachrichtenagentur DAPD ist insolvent, auch anderswo werden Redakteure entlassen - da orientiert sich mancher Hochschulabsolvent lieber gleich in Richtung PR. Früher haben wir jedes Jahr 2000 Bewerbungen bekommen, jetzt sind es nur noch 1500. Angesichts von 45 Ausbildungsplätzen ist das aber immer noch komfortabel.

          Mit welchen Ambitionen kommen die jungen Leute an Ihre Schule?

          Daran hat sich im Lauf der Jahre nicht viel geändert: Die meisten wollen später entweder die Seite 3 einer großen Zeitung vollschreiben, oder für einen Fernseh- oder Radiosender arbeiten. Interessant finde ich, dass die Schüler diese traditionellen Medien im Alltag selbst kaum nutzen. In ihrem Leben spielen Online-Portale eine viel wichtigere Rolle. Aber dort arbeiten wollen sie nicht so gerne.

          Wie groß ist am Ende der Ausbildung die Enttäuschung, wenn es mit der Wunschstelle nicht klappt?

          Unsere Dozenten machen den Schülern schon früh klar, dass die Chancen auf eine Festanstellung bei einer renommierten Zeitung oder einem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gering sind. Je weiter die Ausbildung fortschreitet, desto realistischer werden die Leute. Wenn dann wieder ein Dozent mit dem Thema anfängt, rollen sie schon genervt die Augen und sagen: Ja, wir wissen, dass es schwierig wird, ihr müsst es uns nicht ständig sagen.

          Wie viele Jung-Journalisten bekommen noch eine Festanstellung?

          Bei uns waren es im letzten Jahrgang rund 30 Prozent. Die große Mehrheit arbeitet als freie Journalisten. Vor der Medienkrise war es genau umgekehrt, da war die Festanstellung noch die Regel und das freie Arbeiten die Ausnahme.

          Viele freie Journalisten sagen, die Honorare seien so niedrig, dass sie auf Dauer nicht davon leben könnten.

          Manche Angebote lassen einen tatsächlich schaudern, so schlecht sind sie bezahlt. Aber das gilt nicht für die gesamte Branche. Gerade erst hat ein bekanntes Magazin einen Reporter gesucht, der mit einem Fotografen von Garmisch nach Sylt reitet und darüber schreibt. Solche Projekte sind nicht nur spannend, sondern auch lukrativ. Ich kenne viele freie Journalisten, die von ihrer Arbeit gut leben können.

          Solange sie jung und kinderlos sind und kein Haus abzuzahlen haben?

          Auch später. Wichtig ist, sich ein Netzwerk aufzubauen und dieses Netzwerk zu pflegen. Man braucht eine gewisse Kontinuität, Redaktionen, die einem regelmäßig Aufträge erteilen. Hilfreich ist es auch, sich die Zeit aufzuteilen. Manche Journalisten bestreiten ein Drittel ihrer Arbeitszeit mit Schichten in einer Nachrichtenredaktion. Das reicht, um die Miete zu zahlen. Ein weiteres Drittel ihrer Zeit arbeiten sie an Buchprojekten, und das restliche Drittel an Magazingeschichten.

          Red Bull macht ein Hochglanzmagazin, das es am Kiosk zu kaufen gibt, Coca Cola eine Internetseite, die aussieht wie die einer Zeitung - tut es Ihnen weh, wenn Journalisten für Unternehmen arbeiten?

          Ich sehe das relativ gelassen. Wichtig ist, dass sie ihren Job gut machen, also präzise recherchieren, verständlich schreiben und mit Begeisterung bei der Sache sind. Die Kundenmagazine einiger großer Unternehmen unterscheiden sich in ihrem Anspruch und ihrer Aufmachung kaum von den klassischen Publikumszeitschriften. Das ist mitunter richtig guter Journalismus.

          Kritische Berichte gibt es dort aber nicht.

          Natürlich kommt das alles ein wenig weichgespült daher. Im BMW-Magazin werden Sie keinen kritischen Artikel übers Autofahren finden. Wer für ein Kundenmagazin schreibt, muss sich bewusst machen, für wen er da arbeitet und welche Interessen das Unternehmen damit verfolgt. Es geht um Markenpflege. Aber man kann dort eben auch tolle - und gut bezahlte - Geschichten schreiben.

          Inwieweit spiegelt sich der Wandel der Medienwelt in Ihrem Lehrplan wider?

          Am Grundgerüst hat sich nichts geändert. Eine Nachricht ist eine Nachricht, ein Kommentar ist ein Kommentar, ganz gleich, für welches Medium man arbeitet. Was wir ausbauen werden, sind Unterrichtseinheiten zur Selbstvermarktung von freien Journalisten, Tipps zur Gründung von Redaktionsbüros und Ähnliches. Und Online spielt natürlich eine wichtige Rolle: Jeder lernt, mit Content Management Systemen für Internetseiten umzugehen. Ohne Technik geht im Journalismus nichts mehr.

          Wie finden die Schüler das?

          Das kommt drauf an, was sich daraus entwickelt. Zum Lehrplan gehört es zum Beispiel auch, einen Blog einzurichten, also ein Internettagebuch. Eine Schülerin hat darüber gebloggt, wie ihr Opa das Internet für sich entdeckt hat. Darauf wurden Radio- und TV-Sender aufmerksam, sie hat Interviews gegeben, und nun entsteht ein Buch daraus. Das zeigt: Hauptsache, die Idee ist gut. Alles Weitere entwickelt sich dann von selbst.

          Das Gespräch führte Julia Löhr.

          Quelle: F.A.Z.

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