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Introvertierte im Beruf : Die Stillen haben viel zu sagen

Denn zurückhaltende Naturen bringen eine Menge Fähigkeiten mit, die Tüchtige auszeichnen. Zum Beispiel hören sie ausgezeichnet zu, eine Eigenschaft, die nicht nur im Kundenkontakt und in Verhandlungen immens wichtig ist. „Eine wertvolle Ressource insbesondere auch auf der Führungsebene“, betont die Psychologin Paruch. Konzentration, analytisches Denken, beharrliches Handeln zeichneten diese Menschen oft aus. „In vielerlei Hinsicht bergen ihre grundlegenden Eigenschaften ein großes Potential für nachhaltige und kreative Ergebnisse. Die Fähigkeit, sich über lange Zeiträume konzentriert und alleine einer Aufgabe oder Fragestellung zu widmen, ist in vielen Bereichen sehr wertvoll beziehungsweise notwendig“, sagt Paruch.

Genauso klar ist aber auch: Introvertierte finden eher in der Revision, der Buchhaltung oder im Controlling einen guten Arbeitsplatz, viele zieht es in die Wissenschaft. Denn auch Forscher sind mit der Notwendigkeit konfrontiert, mit dem wahrgenommen zu werden, was sie zu bieten haben. Sylvia Löhken formuliert entscheidende Fragen auf dem Weg zum perfekten Biotop leiser Leute: „Wie nutze ich die Stärken, die mich selbst authentisch machen? Wie schaffe ich es mit meiner Persönlichkeit, sinnvolle Verbindungen zu anderen zu schaffen und meine Leistung sichtbar zu machen?“

Denn die Haltung, dass gute Arbeit zwangsläufig auch anderen auffallen muss, dient dem beruflichen Fortkommen tatsächlich nicht. Wohl aber zu überlegen, wie man es schafft, Netzwerke aufzubauen, in denen man sich wirklich wohl fühlt, also etwa gezielt einzelne Kollegen zu kontaktierten. Während extrovertierte Menschen Außenweltimpulse brauchen wie die Luft zum Atmen, unter vielen quirligen Kollegen aufblühen und gerne und oft Rückmeldungen einholen, ist das für Introvertierte belastend. „Sie sind leichter überstimuliert, reagieren sensibler auf Reize. Das lässt sich übrigens auch hirnphysiologisch nachweisen“, erklärt Löhken, die sich selbst auch als eher introvertiert bezeichnet.

Ein gutes Team braucht laute und leise Menschen

Doch ein gut funktionierendes Team braucht beide Typen, laute wie leise, die unabhängig von ihrer genetischen Prägung eine Bereitschaft zur Zusammenarbeit mitbringen. Das bedeutet holzschnittartig: Die Stillen benötigen mehr Rückzugsorte, die Lebhaften mehr Außenkontakte, um ihr Potential entfalten zu können.

Ein IT-Beratungsunternehmen hat das erkannt und die Konferenzen durch eine Kartenabfrage ritualisiert. Jeder soll einen Satz aufschreiben, wie er das konkrete Problem lösen möchte. „Das zwingt Extros zur Konzentration und Disziplin, und der Intro weiß, dass seine Meinung zählt“, erläutert Löhken. Später gibt es eine Rückmeldungsrunde, jeder kommt unabhängig von Status und Schnelligkeit zu Wort, das hat sich im Vergleich zum Brainstorming als effizienter herausgestellt. Davon ist die Münchener Kanzlei noch weit entfernt. Aber die Juristin hat Glück. Denn ihr Chef schätzt das Können der ruhigen Kollegin. „Er gönnt mir Auszeiten, auch von Routinekonferenzen.“ Wie viel Kraft in der Ruhe liegt, hat die amerikanische Juristin Susan Cain aufgeschrieben. „Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“ heißt ihr mit vielen Beispielen und Forschungsergebnissen angereicherter Band, in dem sie ausführt, weshalb es ohne Introvertierte weder eine Relativitätstheorie, Chopins Klavierstücke, Google oder aber auch „Harry Potter“ gäbe. Und möglicherweise auch keine Finanzkrise: Cain behauptet, diese hätte verhindert werden können, wenn introvertierte Controller nicht von extrovertierten Abenteurern als Bedenkenträger gedeckelt worden wären.

Zehn Stärken der Stillen

Karriereberaterin Sylvia Löhken erklärt, warum auch die ruhigen Vertreter im Team wichtig sind:

  1. Vorsicht: Introvertierte gehen behutsam vor, beobachten aufmerksam und denken vor dem Reden.
  2. Substanz: Sie schöpfen aus der eigenen Erfahrung, vermitteln Inhalte mit Tiefe.
  3. Konzentration: Sie bleiben intensiv und beständig bei der Sache.
  4. Zuhören: Sie filtern aus den Äußerungen des Gegenübers Informationen und Bedürfnisse. 
  5. Ruhe: Sie sorgen für innere Ruhe als Basis für Konzentration.
  6. Analytisches Denken: Sie planen und strukturieren, sehen in komplexen Zusammenhängen die einzelnen Elemente und leiten daraus systematisch Informationen ab.
  7. Unabhängigkeit: Sie können allein sein, leben innerlich losgelöst von der Meinung anderer.
  8. Beharrlichkeit: Sie gehen geduldig und mit langem Atem einer Sache nach, um Ziele zu erreichen.
  9. Schreiben statt Reden: Sie kommunizieren lieber und leichter schriftlich als mündlich.
  10. Einfühlungsvermögen: Sie können sich in die Lage des Gegenübers versetzen, sind kompromissbereit.

Sind Sie introvertiert oder eher extrovertiert? Machen Sie den Test!

Quelle: F.A.Z.

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