http://www.faz.net/-gyl-7zu30

Xing-Chef Vollmoeller : „Bewerber haben heute viel mehr Macht“

  • Aktualisiert am

Rund zwei Drittel der Unternehmen experimentieren mit neuen Modellen der Arbeit, weil alle merken, dass sie was ändern müssen. Die Mehrheit hat verstanden, dass alte Führungsstrukturen nicht mehr funktionieren. Studien zeigen interessanterweise, dass das auch die Führungskräfte so sehen. Ist aus dieser Erkenntnis schon eine Handlung geworden? Teils, teils. Manche Unternehmen sind weiter als andere, weil deren Mitarbeiter eine Veränderung früher eingefordert haben oder in schnelleren Märkten unterwegs sind, in denen sie besonders innovativ sein müssen, um im Wettbewerb bestehen zu können. Und Innovationen lassen sich nun mal nicht befehlen. Aber viele gerade traditionellere Branchen befinden sich noch im eher frühen Experimentierstatus.

Sie sagen, dass heute vor allem junge Mitarbeiter den Wert in der Arbeit suchen. Sind Sie genervt von dieser „Generation Weichei“?

Die Zahl der jungen Menschen, die mehr Selbstbestimmung wollen und mehr Sinn suchen, ist größer geworden. Das medial überhöht als Generation Weichei zu bezeichnen, fände ich absurd. Viele junge Absolventen sind stark von Ethik- und Moralfragen angetrieben, und wenn ich ehrlich bin, bin ich stolz auf diese Generation. Sie stellen die Fragen, die wir uns nicht zu stellen getraut haben. Nur ist die Frage, ob sie das auch durchhält. Denn fairerweise kann man es sich in einer wirtschaftlich guten Situation nahe der Vollbeschäftigung leisten, anspruchsvoll zu sein. In Italien oder Spanien, wo die Jugendarbeitslosigkeit groß ist, kann man diese Diskussion nicht führen - auch wenn man sie vielleicht gern führen würde.

Durch die Digitalisierung hat sich auch die Transparenz der Unternehmen erhöht. Sie sind als Arbeitgeber viel sichtbarer und werden von Mitarbeitern bewertet. Sind die Unternehmen bereit dafür?

Sie haben keine Wahl. Es ist wie mit dem Internet: Das geht nicht mehr weg. Es ist völlig illusorisch zu glauben, sich in einer Zeit der überall verfügbaren Informationen abschotten zu können. Wenn ich heute einen Urlaub buche, dann habe ich das Hotel vorher bis ins Detail im Netz durchleuchtet. Ich bin völlig informiert. Beim Urlaub geht es um eine Entscheidung, die einen Zeitraum von ein paar Wochen betrifft. Und wenn sich Menschen heute entscheiden, für die nächsten Jahre zu einem Arbeitgeber zu gehen, soll das anders sein? Wohl kaum. Bei einer so wichtigen Entscheidung wie der Arbeitsplatzwahl haben die Menschen ein Recht darauf, sich aus allen Richtungen Informationen zu suchen. Dass wir mit Kununu die größte Arbeitgeberbewertungsplattform im deutschsprachigen Raum bereitstellen, ist die geschäftliche Konsequenz daraus.

Arbeitgeber werden bewertet, aber die Arbeitnehmer können sich im Netz so darstellen, wie sie wollen. Ist die Information ungleich verteilt?

Früher lag die Informationshoheit eindeutig beim Unternehmen, das sich lediglich auf Bewerbermessen oder in Hochglanzprospekten als guter Arbeitgeber positionieren musste. Mittlerweile hat der Bewerber viel bessere Informationschancen. Auf der anderen Seite können aber auch Unternehmen Kandidaten immer besser prüfen. Bevor wir Programmierer einstellen, fragen wir zum Beispiel Programmierkenntnisse in einem Online-Test ab. Die Möglichkeiten für Unternehmen sind ebenfalls viel größer als früher. Was mir gefällt: Wir setzen uns heute intensiv mit der Persönlichkeit des Bewerbers auseinander und nicht nur mit einem dicken Stapel von Papier. Und am Ende ist es auch hier wie in einer Partnerschaft: Keiner hat was davon, dem anderen etwas vorzugaukeln.

Weitere Themen

Topmeldungen

Migranten aus Mittelamerika klettern am 29. Oktober auf den Anhänger eines Lastwagens, während eine Karawane von Menschen ihren langsamen Marsch zur amerikanischen Grenze fortsetzt.

Flüchtlingstreck nach Amerika : Endstation Mexiko?

Tausende Menschen schieben sich aus Honduras durch Mexiko in einer langen Karawane Richtung Amerika. Doch Donald Trumps Drohung zeigt bei den ersten Flüchtlingen Wirkung.
Quirinale: Sitz der italienischen Regierung.

Euro-Tief : Italien schwächt den Euro

Der Wechselkurs der Gemeinschaftswährung fällt auf den niedrigsten Stand seit Juni 2017. Am Markt herrscht Einigkeit: Schuld daran ist Italien. Und das Verhalten der populistischen Regierung in Rom verheißt auch für die Zukunft nichts Gutes.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.