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McKinsey im Kloster : „Ich bin froh, dass ich nicht mehr Chef bin“

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Pater Martin Werlen im Eingang des Klosters Werlen, dessen Abt er bis 2013 war. Bild: Waldner, Amadeus

Pater Martin Werlen war 13 Jahre lang Abt von Kloster Einsiedeln in der Schweiz. Er brachte das unrentable Stift wirtschaftlich auf einen neuen Kurs. Denn er weiß um den Wert von Karriere und McKinsey auch im Kloster.

          Pater Martin, Sie twittern gern. Ihre Kurzmitteilungen aus dem Zug sind als „Bahngleichnisse“ sogar in Buchform erschienen. Was haben Sie zum Bahnstreik gezwitschert?

          Wenn die Bahn nicht fährt, bringt das viele in Fahrt.

          Ist die Wartezeit am Gleis besser zu ertragen, wenn man seinen Ärger in einen Tweet packt?

          Die größten Errungenschaften auf der Welt sind durch Situationen entstanden, die einfach mühsam waren. Geniale Leute stellen sich dieser Situation und machen daraus etwas Großartiges.

          Sich als Geisel der Lokführergewerkschaft zu fühlen ist doch eher ein beklemmendes Gefühl.

          Die Deutsche Bahn war schon lange nicht mehr so im Gespräch wie jetzt. Dabei müsste es eigentlich umgekehrt sein. Man müsste über die Bahn sprechen, wenn sie gut funktioniert. Da zeigt sich, dass wir viele Dinge für selbstverständlich nehmen. Das ist mir bewusst geworden, als ich 2012 beim Badmintonspielen auf den Hinterkopf gefallen bin und zwei Monate im Krankenhaus verbringen musste. Es ist eben überhaupt nicht selbstverständlich, gesund zu sein.

          Sie hatten eine Hirnblutung und konnten sich an nichts mehr erinnern.

          Ich konnte selbst das Vaterunser nicht mehr sprechen, obwohl ich wusste, dass ich es kenne. Selbst einzelne Wörter daraus fielen mir nicht mehr ein. Das war schlimm. Ich fühlte mich unsicher und hilflos, zumal ich nicht wusste, ob das Sprachvermögen jemals zurückkehren würde.

          Leben Sie heute bewusster als vor dem Unfall?

          Ja. Aber manche Ängste sind geblieben. Ich habe zum Beispiel seither nicht mehr Badminton gespielt. Als ich wieder daheim war, wählte ich bewusst wie früher den Zug. Als der Schaffner kam, ist mir der Schweiß ausgebrochen, so groß war meine Furcht davor, dass mir die Worte fehlen würden, falls er mich etwas fragte. Noch heute muss ich manchmal länger nach einem Wort suchen.

          Die Bahn ist für Sie viel mehr als nur ein Transportmittel. Warum?

          Als Abt und Mitglied der Bischofskonferenz hatte ich viel Verantwortung und auch Macht. Gerade deshalb war es für mich immer sehr wichtig, mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen. Wenn man abgeschottet ist, fehlt das Korrektiv. Beim Zugfahren trifft man unvermittelt auf andere Leute und wird mit unterschiedlichen Meinungen konfrontiert. Das ist sehr hilfreich, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Manager, die Gefahr laufen abzuheben, sollten öfter mal in den Zug steigen.

          Nach zwölf Jahren als Vorsteher des Klosters Einsiedeln sind Sie Ende 2013 zurück ins Glied getreten. Fiel Ihnen das schwer?

          Nein, überhaupt nicht. Ich bin dankbar für die Erfahrungen, die ich machen durfte. Aber ich habe mich auch sehr gefreut, das Amt weiterzugeben. Nur einmal habe ich gedacht, es wäre gut, wenn ich jetzt noch im Amt wäre: im vergangenen Februar vor der Abstimmung zur Begrenzung der „Masseneinwanderung“. Diese Initiative haben die Schweizer mit denkbar knapper Mehrheit angenommen. Mit einem starken Auftritt in der Öffentlichkeit hätte die Bischofskonferenz zu einem anderen Resultat beitragen können. Davon bin ich überzeugt.

          Sie lehnen eine Zuwanderungsschranke also ab.

          Es geht um weit mehr. Es geht um dahinterliegende Haltungen. Wir als Getaufte, und 70 Prozent der Schweizer sind getauft, können nicht Haltungen unterstützen, die mit Verachtung zu tun haben. Wenn mir der Pass eines Menschen wichtiger ist als der Mensch selbst, dann ist das keine christliche Haltung. Menschenverachtende Initiativen hätten keine Chancen, wenn wir als Getaufte unsere Verantwortung wahrnehmen würden.

          In Ihrer Zeit als Abt sind Sie neue Wege gegangen. Ist das Kloster jetzt wirtschaftlich erfolgreicher?

          Ja. Wir arbeiten jetzt professioneller. Wir haben uns die einzelnen Bereiche angeschaut und überlegt: Wo sind wir bereit, Geld zu investieren, obwohl dabei keine Rendite herausspringt? Zum Beispiel in die Schule. Und wie können wir das durch Einnahmen aus anderen Quellen wieder hereinholen? Die Einnahmen reichen allerdings nie aus, um die Ausgaben zu decken.

          Warum nicht?

          Der Unterhalt der Gebäude und die verschiedenen nötigen Projekte verschlingen enorme Summen. Allein die Sanierung und Aufarbeitung unseres Archivs hat 12 Millionen Franken gekostet. Da Klöster in der Schweiz keine Kirchensteuergelder bekommen, sind wir auf Spenden und Sponsoren angewiesen. Also mussten wir uns etwas einfallen lassen. Den Klosterplatz zum Beispiel haben wir in 18.100 Stücke unterteilt, die Sie virtuell kaufen und an Freunde oder Verwandte verschenken können. Über 10.000 sind schon weg.

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