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Interview : „Im Silicon Valley ist niemand ausgeschlafen“

Stehen Google, Airbnb und Co. für die Arbeitswelt der Zukunft, oder funktioniert diese Digitalwirtschaft nur in Kalifornien? Bild: (c) Charles O'Rear/Corbis

Im Silicon Valley sind Innovation, Intelligenz und Kreativität zu Hause: Aber wie lange kann man eigentlich die Arbeitsbedingungen dort durchhalten? Der Soziologe Andreas Boes verrät im Gespräch, wie das Valley tickt.

          Herr Boes, wie würden Sie Ihre Tour durch das Silicon Valley in einem Satz zusammenfassen?

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Wir waren in einem Biotop, das einen Katapultstart in die digitale Welt erlebt.

          Was meinen Sie mit Biotop?

          In einer vergleichsweise kleinen Region leben eineinhalb Millionen Menschen, die nur damit beschäftigt sind, wie dieser Katapultstart gelingt. Diese Leute machen nichts anderes, so als lebten sie auf einem eigenen Planeten.

          Was sind dessen Kernelemente?

          Andreas Boes

          Das sind erstens die Universitäten Stanford und Berkeley, die - viel stärker als deutsche Universitäten das tun - einen hohen Beitrag für die Innovationskraft der Region leisten. Zweitens kommt eine gigantische Masse an Risikokapital hinzu, das gibt es derzeit nirgendwo sonst auf der Welt. Dadurch wird eine Gründerszene als Plankton für die Digitalwirtschaft genährt. Und drittens sitzen dort eben die großen Player in mehreren Generationen. Von HP über Google bis zu Uber oder Airbnb. Wenn Sie abends durch Palo Alto spazieren, sehen Sie eine Unmenge hochinnovativer Unternehmen.

          Was hat Sie am meisten beeindruckt?

          Dass sich alle hinter dem Projekt „digitale Gesellschaft“ so motiviert versammeln. Das ist eine Art digitale Mitmachgesellschaft. Jeder will teilhaben, jeder macht sich Gedanken darüber, was neue Geschäftsmodelle sein könnten und wie sich die traditionelle Wirtschaft aus den Angeln heben lässt. Auf jeder Party und jedem Geburtstag bilden sich neue Netzwerke. Selbst die großen Unternehmen sind in solche Netzwerke eingebunden und gehen mit Geschäftsgeheimnissen so offen um, wie wir es nie tun würden.

          Zieht das Valley die digitale Elite aus aller Welt an, oder formt es die Menschen in diese Richtung?

          Schwierig zu sagen, wahrscheinlich ist beides der Fall. Schon bei meinem Besuch 2008 war das Valley das digitale Innovationszentrum der Welt. Aber die Menschen waren damals ganz anders. Wer als Kreativer gelten wollte, fragte sich morgens erst einmal: „Gehe ich surfen oder ins Büro?“ Ein Deutscher sagte mir damals, er sei doch nicht nach Kalifornien ausgewandert, um noch mehr zu arbeiten als zu Hause. Von dieser Lässigkeit ist heute nichts mehr übrig. Die Geschwindigkeit hat extrem zugenommen, die Entwicklung hat aggressive Züge bekommen. In der Startup-Szene finden sie morgens keine ausgeschlafenen Gesprächspartner mehr. Die haben meistens nur drei, vier Stunden geschlafen und schon viel Kaffee getrunken. Trotzdem sind sie sehr freundlich und offen. Aber Sie spüren, dass da richtig viel Druck dahinter ist.

          Wie alt sind die Beschäftigten?

          Auf dem Google-Campus würde ich den Altersdurchschnitt auf 28, 29 Jahre schätzen. Es gibt auch mal jemanden, der älter als 35 Jahre ist, aber die meisten kommen von der Uni und sind dann zwei, drei Jahre im Unternehmen. Viele sind auch innerhalb des ersten Jahres wieder weg.

          Wie lange hält man mit so wenig Schlaf durch?

          Das geht schon eine Zeitlang. Man hat dort einen Modus gefunden, extrem schnell und viel zu arbeiten und gleichzeitig extrem motiviert zu sein. Diese Arbeit hat nämlich auch gesundheitsförderliche Potentiale. Die Menschen erkennen einen Sinn in ihrer Aufgabe, sie können etwas gestalten und bewirken. Die Absolventen kommen schon von der Uni mit dem Gefühl, dass ihnen die Welt offen steht. Die wollen etwas erreichen.

          Die amerikanische Mentalität des „Think bigger“?

          Ja, das wird dort gelebt. Wenn Sie im Valley mit einer Geschäftsidee um eine halbe Million Dollar Startkapital werben, bekommen sie als Antwort, dass Sie Ihre Pläne noch mal überdenken und beim nächsten Mal 2 Millionen fordern sollen. Dafür muss die Idee aber zehnmal größer sein. Dieses Sich-größer-Denken prägt das Selbstbewusstsein und lässt die Menschen mit dem Stress besser umgehen.

          Dennoch die typisch deutsche Frage: Kann man in solch einer Verschleiß-Ökonomie bis zur Rente arbeiten?

          Das ist die spannende Frage. Meiner Meinung nach können wir das nicht. Das ganze System muss sich immer schneller erneuern. Aus Risikokapital werden Start-ups, die wiederum der Treibstoff für das System sind. Für den Einzelnen heißt das, dass er nach ein paar Jahren Festanstellung versucht, seine eigene Geschäftsidee umzusetzen. Dann arbeitet er zwei Jahre lang wie ein Besessener, um das Ding zum Fliegen zu bringen. Weil es aber seine eigene Vision ist und er viele positive Vorbilder hat, brennt er für die Aufgabe. Das Problem ist nur, dass dieses System für Menschen eigentlich nicht geeignet ist.

          Warum das?

          Weil Menschen irgendwann mal Kinder kriegen und älter als 35 Jahre werden - dann wird das System problematisch. Ein Beispiel: Informatiker können dort Einstiegsgehälter von 85.000 Dollar erzielen, das klingt erst mal gut und ist mehr als in Deutschland. Aber rechnen Sie mal die Kosten dagegen. Wenn Sie eine Familie gründen wollen, brauchen Sie ein Haus. Aber die Immobilienpreise sind extrem, deutlich höher als etwa in München. Dazu kommen später Kosten für die Privatschule. Eine Informatikerin erzählte uns von 20.000 Dollar im Jahr je Kind. Um gut über die Runden zu kommen, brauche man ein Familieneinkommen von rund 150.000 Dollar - das ist auch im Valley eine Menge Geld. Kommt in dieser Planung etwas ins Wanken, ist das Risiko für überschuldete Haushalte sehr hoch, wie die Immobilienkrise 2008 gezeigt hat. Und die soziale Sicherung ist schwach.

          Welche Wirkung hat die milliardenschwere Digitalwirtschaft im Valley auf die Old Economy? Ist auch dort alles schöner, größer, schneller?

          Nein, im Gegenteil. Sobald Sie diesen engen Kern verlassen, befinden Sie sich in einem Land, das nicht den Entwicklungsstandard einer hochindustrialisierten Gesellschaft hat: umständlich, unprofessionell und fehleranfällig. Schauen Sie sich nur mal in den Hotels an, wie die Duschen montiert sind. Das würde Ihnen in Deutschland kein Handwerksmeister durchgehen lassen.

          Hilft der Wohlstand den Ärmsten?

          Es gibt zwei Gruppen: Die Dienstbotenklasse, die häufig aus „Hispanics“ besteht, bekommt für einfache Arbeit geringe Löhne und lebt häufig vom Trinkgeld. Ich würde das eine Almosen-Ökonomie nennen. Daneben habe ich eine große Zahl von Menschen gesehen, die auf der Straße leben unter aussichtslosen Bedingungen. Mein Eindruck ist, dass die tabuisiert werden. Von Spendengalas oder großzügigen Hilfen habe ich jedenfalls nichts gesehen.

          Viele Ihrer Schilderungen hören sich an wie der Albtraum deutscher Gewerkschaften, und auch viele Unternehmer dürften diese Verhältnisse nicht für erstrebenswert halten. Ließe sich das System Silicon Valley überhaupt kopieren?

          Ich glaube, dass dieses System nur dort funktioniert. Selbst in Asien, wo ähnliche Entwicklungszentren entstehen, sind die Abläufe andere. Wir müssen in Europa auch aufpassen, dass wir uns mit unserer kulturellen Intelligenz nicht in die altmodische Ecke stellen lassen.

          Was meinen Sie damit?

          Ich habe mit einer Amerikanerin gesprochen, 35 Jahre, zwei Kinder. Die hat genau überlegt, was sie von einem Arbeitgeber erwartet, und gelandet ist sie im Silicon Valley bei einem deutschen Softwareunternehmen, weil das am familienfreundlichsten und nachhaltigsten war. Eine Gesellschaft muss Sicherheit bieten, damit Menschen ihr Leben planen können. Dieses Wissen haben wir uns in einer langen geistesgeschichtlichen Tradition entwickelt und seit den 1950er Jahren verallgemeinert. Denn eine Ökonomie, die diese Sicherheit untergräbt, ruft irgendwann auch Gegenreaktionen hervor. Denken Sie an die Maschinenstürmer.

          Lässt sich von den Erfolgsgeschichten aus dem Valley also nichts lernen?

          Doch, eine ganze Menge. Vor allem über eines müssen wir nachdenken: Wie bekommen wir es hin, dass Menschen sich trauen, sich selbst größer zu denken? Dazu brauchen wir eine neue Form von Fehlerkultur und Fremdkapital, damit die Menschen sich nicht bis über beide Ohren verschulden, wenn ihr Projekt floppt. Vor allem brauchen wir aber Menschen, die nicht nur dazu erzogen werden, im Unternehmen zu funktionieren. Dieser Prozess braucht jedoch Zeit. Sie können nicht zu Ihrem Mitarbeiter sagen: „Jetzt sei mal risikofreudig!“, und im Unternehmen alles beim Alten lassen. Da geht es um ehrliche Beteiligung, ja sogar um Demokratie im Unternehmen.

          Tour durchs Tal

          Tour durchs Tal In diesem Herbst machte sich eine Forschungsgruppe vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung in München unter Leitung von Andreas Boes (Foto) auf den Weg ins Silicon Valley, um in vielen Interviews die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft zu erforschen. Zwei Wochen lang trafen die Wissenschaftler mit vielen Vorreitern der Digitalisierung zusammen und sammelten zahlreiche Fallstudien über die einzigartige Entwicklung in Kalifornien ein. Unter den vielen Gesprächspartnern waren Vertreter namhafter Konzerne der digitalen Ökonomie ebenso wie von den zahllosen aufstrebenden Start-ups. Dadurch gewannen die Forscher Einblicke zu Themen wie Fehlerkultur, Netzwerken, Work-Life-Balance oder die Entwicklung sozialer Ungleichheiten ANTWORT: im digitalen Umfeld. Wer nicht auf die wissenschaftlichen Publikationen warten will, findet muntere Reiseberichte im Tagebuch-Blog der Gruppe unter www.idguzda.de

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