http://www.faz.net/-gyl-85j0v

Interim-Manager : Aushilfen für den Chefsessel

  • -Aktualisiert am

Manager auf Zeit: Vera Mintenig ist als Finanzexpertin in vielen Branchen zu Hause. Bild: Max Kesberger

Die Zahl der Interim-Manager steigt. Dabei hatte das Chefsein auf Zeit einst einen eher schlechten Ruf. Warum immer mehr Akademiker am Job des Aushilfs-Chefs viel Spaß haben.

          Interim-Management ist eine Beziehung auf Zeit. Die Männer und Frauen springen bei den Unternehmen nur dann ein, wenn es brenzlig wird oder wenn es um ein klar definiertes, zeitlich begrenztes Projekt geht. Das macht die Aufgabe besonders spannend. Und der Bedarf an den Aushilfen für den Chefsessel nimmt stetig zu: Die Dachgesellschaft Deutsches Interim Management (DDIM) schätzt, dass deren Zahl allein in diesem Jahr auf 7500 nach 7000 im Vorjahr steigt. Einer von diesen gefragten Spezialisten ist Volker Kiefer.

          Der 52 Jahre alte Informatiker und Elektrotechniker war jahrelang in Führungspositionen bei verschiedenen Unternehmen tätig, Zuletzt bei dem Halbleiterhersteller Qimonda. Als dieser in die Insolvenz ging, stellte sich für ihn die Frage: Wie geht es weiter? „Nur Beratung wollte ich nicht mehr machen. Ich wollte die Themen umsetzen.“ So kam er im Frühjahr 2010 zum Interim-Management. Eine Festanstellung kann er sich nur noch schwer vorstellen. „Ich bekomme Geld für genau das, was ich leiste, nicht mehr und nicht weniger“, sagt er. „Mich motiviert das viel mehr als der monatliche Automatismus des Gehalts.“ Und die zeitliche Begrenzung eines Mandats mache ihn unabhängiger von den Unzulänglichkeiten im Alltag.

          Informatiker Volker Kiefer hilft beim Sonderfahrzeughersteller WAS aus.
          Informatiker Volker Kiefer hilft beim Sonderfahrzeughersteller WAS aus. : Bild: Edgar Schoepal

          Aktuell ist der Vater von drei erwachsenen Kindern bei der Wietmarscher Ambulanz- und Sonderfahrzeug GmbH mit Sitz in norddeutschen Wietmarschen im Einsatz. Dort ist er auf Zeit Leiter der Abteilung Konstruktion und Entwicklung. Das mittelständische Unternehmen mit 360 Mitarbeitern und einem Umsatz von 85 Millionen Euro fasse diverse Abteilungen zu einer neuen Einheit zusammen. Dazu müssen die Entwicklungsprozesse standardisiert und die Produktstruktur neu definiert werden. Dabei muss das normale Tagesgeschäft weitergehen. Der Mittelständler baut unter anderem Rettungsfahrzeuge und entsprechende Aufbauten. Kiefer, der aus dem Großraum München stammt, sagt, am Anfang habe er intensive Einzelgespräche führen müssen, um sich in das Thema einzuarbeiten. „Wichtig war, zu klären, wo die Probleme sind.“ Zugleich müsse Vertrauen zu den 15 Mitarbeitern aufgebaut werden.

          Es braucht viel Sozialkompetenz

          Manager auf Zeit haben in der Regel eine mehrjährige Führungserfahrung, und besonders gefragt ist eine hohe Sozialkompetenz. Die sei wichtig, um eine tragfähige Beziehung zu den jeweiligen Mitarbeitern aufzubauen, sagt Marei Strack. Die 57-Jährige ist Vorstandsvorsitzende der DDIM. „Man hat keine hundert Tage Zeit. Nach spätestens zwei Wochen will der Auftraggeber wissen, wie die Lage beurteilt wird.“ Klassische Aufgaben seien Krisensituationen, Vakanzüberbrückung oder komplexe Projektaufgaben. Das Gros der Aufträge liegt bei mittelständischen Firmen mit mehr als 500 Mitarbeitern. Kleinere Betriebe können sich die Manager kaum leisten. Konzerne haben dagegen meist eigene Manager, die sie übergangsweise auf brisante Posten setzen – wie zuletzt etwa beim Mannheimer Bilfinger-Konzern, wo der frühere Vorstandsvorsitzende Herbert Bodner den vakanten Chefposten wieder übernommen hatte. Ein Hemmschuh ist nach wie vor die Unbekanntheit dieser Management-Form: „Um die Nachfolgeproblematik von Familienunternehmen zu lösen, wird Interim-Management nur vereinzelt eingesetzt“, sagt Strack weiter. Gerade beim Nachfolgethema sieht der Verband größeres Potential. Hier könne eine gewisse Zeit überbrückt werden, bis der entsprechende Nachfolger gefunden oder eingearbeitet sei. Bei diesem Thema sei aber die Rückendeckung der Gesellschafter notwendig. „Doch vor allem Familienunternehmen tun sich damit schwer“, sagt er.

          Die wichtigsten Branchen für die Manager auf Zeit sind laut DDIM Maschinenbau (25 Prozent), die Automobilindustrie mit 18 Prozent sowie IT- und Telekommunikationshersteller (acht Prozent). Die Mandate dauern etwa ein halbes Jahr. Natürlich hängt die Laufzeit auch von der Aufgabenstellung ab. Kiefer nahm seine Tätigkeit im April auf. Sie geht bis Ende des Jahres. Er freut sich dann auch schon wieder auf etwas mehr freie Zeit.

          Weitere Themen

          Wenn Gold krank macht Video-Seite öffnen

          Bergbau : Wenn Gold krank macht

          Rings um Johannesburg gibt es rund 200 Abraumhalden, eine Hinterlassenschaft aus der Zeit des Goldrausches im 19. Jahrhundert. Aus den Halden treten krankmachende Stoffe aus, doch weder Politik noch Wirtschaft fühlen sich zuständig.

          Ein Rezept für Glück Video-Seite öffnen

          Hygge heißt Wohlbefinden : Ein Rezept für Glück

          Gemeinsam Zeit verbringen, es sich gemütlich machen, selbstgebackene Zimtschnecken essen... all das ist Hygge, ein typisch dänisches Lebensgefühl. Dieses Gefühl soll der Grund sein, warum die Dänen als die glücklichsten Menschen gelten. Haben die Dänen also ein Rezept für Glück?

          Topmeldungen

          SPD vor Groko-Abstimmung : Muss Schulz Opfer bringen?

          In Bonn entscheiden am Sonntag 600 Delegierte darüber, ob die Sozialdemokraten regierungsfähig bleiben. In vielen Landesverbänden wird ein Zeichen des Neuanfangs verlangt – dabei geht es auch um die Zukunft des Parteichefs.
          Das Schmerzmittel Ibuprofen besitzt einen gefährlichen Einfluss auf die Produktion männlicher Sexualhormone.

          Schmerzmittel : Ibuprofen am Pranger

          Viele Schmerzmittel versprechen Besserung, doch Nebenwirkungen werden oft unterschätzt. Eine neue Studie zeigt: Regelmäßige Einnahme von Ibuprofen kann den männlichen Hormonspiegel empfindlich verändern. Kann darunter gar die Zeugungsfähigkeit leiden?
          Rüstet Volkswagen seine Diesel-Modelle jetzt nach? VW-Autos stehen auf einem Parkplatz im amerikanischen Michigan.

          F.A.S. exklusiv : Warum VW-Dieselautos jetzt doch nachgerüstet werden können

          Hoffnung für Hunderttausende Diesel-Fahrer in der Abgas-Affäre: Der VW-Konzern hat in Tests bewiesen, dass zahlreiche seiner Modelle auch in der Hardware nachgerüstet werden können. Unklar ist, wer die Kosten dafür trägt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.