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Innovationsförderung : Rettet eure Ideen

  • -Aktualisiert am

Wie aus Ideen Visionen und dann Erfolge werden: Einer der ersten Apple-Computer, die Steve Jobs noch in der elterlichen Garage zusammenbaute. Bild: AFP

Alle Arbeitgeber sagen, sie wollten Innovationen fördern. Doch die Realität sieht oft anders aus. Sie sind Meister darin, brillante Vorschläge zu vernichten - und haben dafür mächtige Waffen entwickelt.

          Das Sterben beginnt mit dem Versuch, etwas ins Leben zu rufen: neue Ideen, Innovationen, und zwar durch nichts Geringeres als einen Ideenwettbewerb. Der Schauplatz: ein Industrieunternehmen - nicht winzig, sondern multinational, aber kein globaler Gigant. Das Problem: eine seriöse, langsame Unternehmenskultur. Die Lösung: Lasst die Mitarbeiter ihre Ideen einreichen, wie wir uns verbessern können.

          Das ist keine ungewöhnliche Geschichte. Viele Unternehmen führen solche Wettbewerbe durch, oft mit glanzlosen Ergebnissen. Dieses Unternehmen, das ich aus nächster Nähe beobachten konnte, war nicht glanzlos. Es scheiterte vielmehr auf spektakuläre Weise. Nicht, dass die ersten Ergebnisse nicht vielversprechend gewesen wären. Es wurden sehr viele Ideen eingereicht - mehr als 500, um genau zu sein. Viele von ihnen waren brillant, ein Dutzend kam in die engere Auswahl, und etwa die Hälfte von ihnen wurde mit Preisen ausgezeichnet. So weit, so gut.

          Einige Zeit später fuhr ich im Aufzug mit einem Mitarbeiter des Unternehmens, und wir redeten über seine Erfahrungen mit dem Wettbewerb. „Oh, das“, sagte er, „das hat mich eine Menge gelehrt!“ Interessiert fragte ich nach, was es ihm beigebracht habe. „Niemals wieder meine Ideen mit dem Unternehmen zu teilen!“ Das war nicht die Antwort, die ich erwartet hatte. Es war wohl auch nicht die Wirkung, die der Geschäftsführer wollte.

          Fünf identische Mails: Der Wahnsinn!

          Es stellte sich heraus, dass er nicht weniger als fünf Ideen für den Wettbewerb eingereicht hatte. Er hatte weder erwartet, mit einer zu gewinnen, noch überhaupt in die Endauswahl zu kommen. Dennoch hat ihn die Reaktion seiner Firma überrascht. Welche Antwort bekam er auf seine Ideen? Eine automatisch generierte E-Mail mit einer No-Reply-Adresse und ohne Unterschrift, dafür mit folgendem Text: „Vielen Dank für die Übermittlung Ihrer Idee. Sie kam nicht in die engere Wahl, aber wir schätzen Ihre Teilnahme.“ Sonst nichts.

          Das an sich war aber noch nicht einmal das Ärgerliche an der Sache. Was ihn in den Wahnsinn trieb, war die Tatsache, dass er fünf identische Mails erhielt, eine für jede Idee, da das Unternehmen sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, herauszufinden, ob Mitarbeiter mehrere Vorschläge unterbreitet hatten. Es ist unklar, wie viele Menschen in der Organisation auf ähnliche Weise verhöhnt wurden, aber es müssen Hunderte gewesen sein.

          So sterben Ideen.

          Eine der oft wiederholten Weisheiten lautet, dass Kreativität und Innovation die einzigen echten Wettbewerbsvorteile darstellen, die in einem sich rasch verändernden und entwickelnden Markt übrig geblieben sind. Abgesehen von der Tatsache, dass dies Unsinn ist - eine Reihe von Unternehmen zeigt, dass Effizienz oder ein gutes Lieferketten-Management genauso wichtig sein können -, hat der Kult um die Kreativität einen massiven Einfluss darauf ausgeübt, wie Unternehmen sich selbst sehen. Wir werden überflutet mit Büchern, Zeitschriften, Online-Seiten und Vielzahl von „Gurus“, die uns alle sagen, dass es unumgänglich ist, Kreativität und Innovation zu fördern. Das mag zwar stimmen, aber es fehlt bei dieser Leidenschaft der entscheidende Punkt von Kreativität und Ideen in Organisationen.

          Ein Mangel an Ideen ist nicht die Schwachstelle

          Die meisten der vielen Bücher und Artikel zum Thema gehen davon aus, dass die Ideen und ihre vermutete Knappheit das Problem sind. Als Ergebnis haben wir eine Fülle von Texten, wie man mehr und bessere Ideen entwickeln kann, wann die beste Zeit ist, um neue Ideen zu haben, was die beste Umgebung für Ideen sein kann, und generell darüber, warum Ideen zu haben das Wichtigste überhaupt ist. Unternehmen und Vorstandschefs werden in solchen Text ermutigt, fast alles dafür zu tun, um mehr Ideen von mehr Menschen zu bekommen. Viele lesen diese Ermahnungen und reagieren in einer sehr vorhersagbaren Weise. Entweder beschweren sie sich laut über den Mangel an Ideen oder arbeiten wild daran, neue Ideen zu generieren. Ich höre ständig die Klage: „Wir brauchen Hilfe. Wir haben einfach nicht genug gute Ideen in dieser Organisation ...“

          „Ihr wollt mehr Ideen? Sie sind schon da!“: Autor Alf Rehn fordert nur entschieden mehr Aufmerksamkeit und Freiraum für Innovationen.

          Obwohl viele Geschäftsführer zu glauben scheinen, dass dies eine zentrale Schwachstelle in ihrer Organisation ist, behaupte ich, dass sie damit falschliegen. Völlig falsch. Ich habe mit Hunderten von Organisationen, darunter große Unternehmen und große Verwaltungen, gearbeitet, und ich habe nicht eine getroffen, die frei von Ideen war. Nicht einmal, wenn ich mit Finanzämtern zu tun hatte. Für eine große Mehrheit der Unternehmen liegt das Problem nicht im Mangel an Ideen, sondern in der Weise, wie die Ideen gehandhabt werden.

          Genauer gesagt, verfügen alle Firmen bereits über all die Ideen, die sie benötigen, irgendwo in der Organisation, und das Problem ist nicht, dass diese schwer zu bekommen wären, sondern dass sie so einfach zu töten sind. Damit aus einer kreativen Idee eine Innovation wird, sind mehrere Dinge nötig. Einiges davon leuchtet uns schnell ein; eine Idee muss geboren werden, ein daraus resultierendes Projekt muss mit genügend Mitteln ausgestattet und generell unterstützt werden, und am Ende muss die Innovation erfolgreich in den Markt eingeführt werden. Allerdings gibt es eine Phase zwischen der Geburt der Idee und der Einführung eines Innovationsprojektes, die oft übersehen wird.

          Kritik ist das schlimmste? Irrtum!

          Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Idee. Eine geniale Idee, eine von denen, die Sie die Welt aus einem völlig anderen Blickwinkel betrachten lassen. Sagen wir mal, Sie bekamen diese am Wochenende, während eines langen, entspannten Bades. Am Montag packen Sie Ihre Tasche, gehen ins Büro und sind bereit, die Welt Ihrer Kollegen zu rocken. Alles, was Sie jetzt tun müssen, ist, ihnen von Ihrer Idee zu erzählen, und Sie können anfangen, die Welt zu verändern. Was wäre das Schlimmste, was passieren könnte?

          Die Leute denken oft, dass das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ihre Idee kritisiert wird, und mancher „Guru“ spricht von der Gefahr der Kritik und von „Negativität“. Dies ist ein gravierendes Missverständnis. Kritik mag sich vielleicht nicht immer angenehm anfühlen, ist aber immer eine Beschäftigung mit der Idee. Viel schlimmer ist es doch, überhaupt keine Antwort zu bekommen. Es stimmt, dass das Gegenteil von Liebe nicht Hass ist, denn Hass ist auch ein mächtiges Gefühl. Das Gegenteil von Liebe ist vielmehr Gleichgültigkeit, ein völliger Mangel an Zuwendung und Bindung.

          Stellen Sie sich vor, Sie kommen aufgeregt ins Büro, um Ihre Idee zu präsentieren. Sie stürzen sich in die Morgensitzung, warten auf den richtigen Zeitpunkt, aufzustehen und zu präsentieren, wie Sie noch nie zuvor etwas präsentiert haben. Die Antwort? Stille. Total. Ohrenbetäubende Stille. Jürgen von der Entwicklung kaut seinen Kaugummi, Renate aus dem Marketing unterdrückt ein leichtes Gähnen. Keiner sagt ein Wort. Sie setzen sich, sind besiegt.

          So sterben Ideen.

          Keine Fragen, nichts, einer schläft sogar

          Hinter den ständigen Appellen des Top-Managements, „innovativer zu sein“ oder „über den Tellerrand zu schauen“ (ein wertloses Klischee, das verboten werden sollte), unsichtbar verborgen hinter Kreativitätsberatern, die mit Post-it-Zetteln herumspielen und bunte Powerpoint-Vorträge über die Bedeutung von Ideen zeigen, lautet das Kernproblem in vielen unserer Unternehmen: Es fehlt eine Kultur, die Ideen unterstützt. Ideen sind leicht zu erzeugen. Selbst die Langweiligsten unter uns erzeugen Dutzende von Ideen in der Woche. Aber Ideen allein reichen nicht aus. Zusätzlich ist eine Umgebung nötig, in der diese Ideen gehört, entwickelt und gefördert werden. Über diesen Aspekt der organisatorischen Kreativität reden „Gurus“ und Berater deutlich seltener, weil es weit weniger angenehm ist, als nur schöne Geschichten zu erzählen. Gleichzeitig ist dies aber das Schlüsselelement, um eine Organisation kreativer zu machen - und nicht nur vorzugeben, so zu sein.

          Vor kurzem besuchte ich eine Veranstaltung, bei der die Führungsspitze eines Unternehmens einer Reihe von Vorschlägen von jüngeren Mitarbeitern zuhören und diese kommentieren sollte. Die Veranstaltung fand in einem Ballsaal mit Bühne statt, das Team aus dem Top-Management saß nebeneinander direkt vor der Bühne. Alle diese Männer saßen mit verschränkten Armen da. Als erster kam ein junger Mann raus. Energisch, wenn auch ein wenig nervös, legte er seinen Vorschläge dar, und anschließend ... - Stille! Keine Fragen, nichts. Nachdem er die Bühne verlassen hatte, kam eine junge Frau. Auch sie verwendete alle ihre sprudelnde Persönlichkeit dazu, ihren Vorschlag zu präsentieren, und traf auf dieselbe Starre, die gleichen verschränkten Arme, das gleiche eisige Schweigen.

          Wie aus einem Ballon mit einem winzigen Loch entwich sichtbar die Luft aus ihr, und sie verließ die Bühne mit einem niedergeschlagenen Blick. Als die dritte Vortragende die Bühne betrat, bemerkte ich, dass sich tatsächlich etwas in der undurchdringlichen Wand des Top-Managements verändert hatte. Einer von ihnen war eingeschlafen. Ich stieß den Vorstandsvorsitzenden, der neben mir saß, an und flüsterte: „Tun Sie etwas!“ Peinlich berührt sagte er, es gebe nichts, was er tun könne. Als ich darauf hinwies, dass er der Chef sei und dass irgendetwas zu tun - auch die Beendigung der Präsentation - besser sei als das, was in dem Raum gerade passierte, fing der schlafende Mann in der ersten Reihe an zu schnarchen.

          So sterben Ideen.

          Ideen verdienen höchsten Respekt

          In allen drei Beispielen passiert das Gleiche. Die Organisation hat Ideen, Ideen, die gut oder sogar großartig sein können. Dreimal werden diese Ideen gekillt von Gleichgültigkeit, durch fehlende Aufmerksamkeit bei der Aufnahme, der Umsetzung und der Anreicherung. In allen drei Fällen ist das Problem nicht ein großer, böser Chef, der Projekte tötet oder sich weigert, sie zu unterstützen. Im Gegenteil, das Problem ist, dass die Organisationen Kulturen haben, in denen es erlaubt und sogar normal ist, sich nicht für neue Ideen zu begeistern. Tatsächlich handelt es sich um Kulturen, in denen Ideen nicht einmal genug beachtet werden, um kritisiert zu werden. Wenn wir über Kreativität in Organisationen reden, behandeln wir nur selten diese grundlegendste aller organisatorischen Fragen. Solange eine Unternehmenskultur nicht in der Lage ist, sich um Ideen zu kümmern, wird sie auch nicht in der Lage sein, sie erfolgreich zu machen.

          Solange eine Unternehmenskultur nicht darauf ausgerichtet ist, jene zu respektieren, die in neuen Ideen ein Chance sehen, wird sie auch nicht in der Lage sein, Ideen tragfähig zu machen. Eine Idee zu töten ist überraschend einfach. Eine Idee kann durch ein Schulterzucken sterben, durch ein Gähnen, ein Lachen oder sogar durch absolute Ruhe. Wir alle sind meisterhafte Mörder von Ideen, indem wir sowohl bewusst als auch unbewusst die Art von Ideen ausschließen, die nicht zu unserem eigenen Blick auf die Welt passen. Als Ingenieure neigen wir dazu, Ideen zu verwerfen, bei denen Ingenieure nicht auf dem Chefsessel sitzen. Als Marketing-Leute neigen wir dazu, Ideen zu töten, die nicht zu unserer Marketing-Mentalität passen.

          Als Ingenieure und Marketing-Leute oder als jemand aus einem der Dutzende anderer Berufe innerhalb einer Organisation finden wir hundert Gründe, um Ideen zu töten, zusammen mit tausend kleinen Wegen, dies zu tun. Für jene Ideen, die nicht durch ein Gähnen oder einen steinigenden Blick getötet werden können, haben wir noch stärkere Waffen, das Atomwaffenarsenal der unternehmerischen Ideen-Tötung. Wir haben den „Ausschuss“, die „Arbeitsgruppe“, das „Prozess-Panel“ und das „Strategie-Gremium“. Dort können Ideen durch tausend Schnitte zerkleinert werden, bis nichts mehr übrig bleibt. So sterben Ideen.

          Also, wollen Sie Ihre Organisation kreativer und innovativer gestalten? Wollen Sie eine kreative Kultur haben? Dann stellen Sie nicht noch weitere Berater ein. Achten Sie vielmehr darauf, wie Ideen in der Organisation begegnet wird. Verschicken Sie automatisch generierte E-Mails mit „Danke, aber nein danke“ als Antwort auf Ideen von Mitarbeitern? Gähnen oder zucken Sie einfach nur, wenn Kollegen etwas präsentieren, was sie interessiert? Schweigen Sie, anstatt Fragen zu stellen? Dann sind Sie der Grund, warum Ideen sterben in Ihrer modernen Organisation.

          Es ist kein Hexenwerk, Kreativität zu unterstützen. Tatsächlich ist alles so einfach. Nehmen Sie Rücksicht, wenn Leute versuchen, in neuen Bahnen zu denken. Zeigen Sie Respekt, indem Sie interessiert daran sind, Fragen stellen, auch Kritik üben - denn nichts ist so schrecklich wie Stille. Wenn Sie ein Manager sind, sorgen Sie dafür, dass Verhaltensweisen, die Ideen töten, nicht toleriert werden. Gehen Sie mit gutem Beispiel voran und fordern, dass jede Idee mindestens mit Höflichkeit behandelt wird. Wenn Menschen gähnen, schicken Sie sie nach Hause ins Bett. Und wenn ein Mitglied Ihres Top-Management-Teams zu schnarchen anfängt während einer Präsentation neuer Vorschläge, stehen Sie auf und rütteln Sie ihn wach.

          So überleben Ideen.

          Der Autor

          Alf Rehn betritt die große Bühne gerne mit Turnschuhen im Retrolook und gibt sich auch sonst als der etwas andere Professor. Wenn der 42 Jahre alte Ökonom nicht gerade Management und Organisation an der Abo Akademi in Finnland lehrt, sammelt er häufig Anschauungsunterricht in Unternehmen.

          Daraus sind viele, oft gegen den Strich gebürstete Aufsätze und Bücher entstanden wie „Gefährliche Ideen“. Ideen sind überhaupt sein Lieblingsthema, und seine eigenen verbreitet Rehn auch in der digitalen Welt auf nahezu allen Kanälen. Einschlägige Rankings weisen den quirligen Finnen in der Regel als einen der führenden „business thinker“ der jungen Generation aus. Alf Rehn lebt in Finnland und Dänemark.

          svs.

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