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Mädchen und MINT-Berufe : Weiblich, technisch, jung

  • -Aktualisiert am

Der „Girls’ Day“: viel Aufmerksamkeit, wenig Wirkung? Bild: Edgar Schoepal / F.A.Z.

Was bringen die vielen Programme, um Mädchen für MINT-Berufe zu begeistern? Forscher sind bei vielen Angeboten skeptisch und halten sie für Eintagsfliegen, die nachhaltig nur wenige Schülerinnen überzeugen.

          Tausend Programme und ein Ziel: mehr Mädchen für MINT gewinnen. Die gewichtige Abkürzung steht für die Fächer Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik und die Datenbank der tausend Programme in der Geschäftsstelle „Komm, mach MINT“ in Bielefeld. Wobei Programm ein großes Wort ist, wenn etwa nur „Recruiting-Tage“ gemeint sind: „Ich würde lieber von Angeboten sprechen“, sagt Christina Haaf, Sprecherin des nationalen Paktes für Frauen in MINT-Berufen, das den Titel „Komm, mach MINT“ trägt und sich selbst als Vernetzungsprojekt versteht. Es listet nicht nur die unterschiedlichsten Angebote, auch zur Nachwuchsgewinnung von Ingenieurinnen, auf, es vernetzt diese auch mit 180 Partnern aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

          Was das bringen soll? „Ziel ist eine Einstellungsänderung. Wir wollen das Berufswahlspektrum der Mädchen erweitern“, so Haaf. Aber so eine Verhaltensänderung lasse sich schwer messen. „Es gibt keine Längsschnitt-Evaluation, weshalb sich Mädchen für ein ingenieurwissenschaftliches Studium entscheiden. Das ist ein sehr langfristiger Prozess.“

          Fakt ist, die Frauen holen auf, langsam, aber stetig: 1975 betrug der Frauenanteil bei den Studienanfängern in der Fächergruppe Ingenieurwissenschaften noch 7,8 Prozent, 2012 waren es schon 23 Prozent. „2012 nahmen so viele Frauen wie nie zuvor ein Studium der Ingenieurwissenschaften auf“, sagt Haas.

          Und doch sind es immer noch zu wenige, findet Professorin Burghilde Wieneke-Toutaoui: „Die Entwicklung verläuft viel zu langsam.“ Die Präsidentin der Fachhochschule Brandenburg ist zugleich Vorsitzende der Frauen im Ingenieurberuf des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI). Der VDI investiere selbst nicht in Ingenieurinnenprogramme, aber eine Alternative zu Information, Role-Models und Persönlichkeitstrainings gebe es nicht, meint Wieneke-Toutaoui: „Ingenieurinnenprogramme erschließen neue Zielgruppen.“ Aber was ist besonders erfolgreich - und zu welchen Kosten? Untersucht hat das der Techniksoziologe Ortwin Renn für die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech.

          Renn unterscheidet zwischen den Zielen Öffentlichkeitswirksamkeit, Talentförderung und technische Grundbildung und empfiehlt das jeder Nachwuchsinitiative ebenso: „Erfolgreiche Programme haben eine klare Zielsetzung und müssen entsprechend evaluiert werden.“ Der „Girls’ Day“, ein bundesweiter Aktionstag für Mädchen ab der fünften Klasse, sei beispielsweise unter der Zielsetzung der Öffentlichkeitswirksamkeit sehr erfolgreich, unter der Zielsetzung der Talentförderung dagegen nicht. „Punktuelle Angebote sind Eintagsfliegen, die versanden, wenn es keine Folgeprogramme gibt“, weiß der Professor der Universität Stuttgart.

          Das gelte auch für teure Projekttage wie den Ideen-Park von Thyssen-Krupp oder das Schüler-Rahmenprogramm der Hannover Messe, sofern die Inhalte nicht in den schulischen Unterricht integriert werden: „Ohne diese Einbettung haben solche Angebote aber kaum Nachhaltigkeitseffekte“, betont Renn. Insbesondere bei jungen Frauen, die eine höhere Erwartungshaltung an die Ernsthaftigkeit und die Anbindung an schulische oder berufliche Aufgabenstellungen hätten: „Gaming-Angebote kommen bei Mädchen nicht gut an.“ Programme mit einer gewissen Kontinuität und Ausbildungsrelevanz, wie etwa Mentoring-Programme, dagegen schon: „Es gibt gute Erfolge, wenn das Mentoring schon in der Schule beginnt und bis in die ersten Semester reicht.“

          Vernetzung für Stipendiatinnen, Workshops für Schülerinnen

          Rückendeckung nicht nur für die ersten Semester, sondern bis zum Berufseinstieg, auch über eine Promotion hinaus, bietet zum Beispiel das Hochschulkarrierezentrum Femtec. Es ist an der Technischen Universität Berlin angesiedelt, verbindet aber zehn technische Hochschulen und elf Unternehmen bundesweit. In Karriere- und Unternehmenstagen, einer Mischung aus Persönlichkeitstraining und Praxiserfahrung, werden ausgewählte Stipendiatinnen der beteiligten Hochschulen vernetzt, begleitet und selbst zu Vorbildern. Darüber hinaus organisiert Femtec auch bundesweite Schülerangebote, wie etwa „Try it“, viertägige Technik-Workshops für Ober- und Mittelstufenschülerinnen: „Von 460 Abiturientinnen, die bereits daran teilgenommen haben, haben 70 Prozent ein MINT-Studium angefangen“, sagt Helga Lukoschat.

          Die Femtec-Geschäftsführerin gibt aber auch zu, dass es sich um naturwissenschaftlich interessierte Schülerinnen gehandelt habe, die möglicherweise ihre Studienwahl auch ohne das Programm getroffen hätten. Wichtiger sei es daher, Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen: „In Deutschland ist das Bild des Ingenieurs sehr männlich besetzt, und das schon seit vielen Jahrzehnten.“ In anderen Ländern, Portugal, Spanien oder der Türkei beispielsweise, sei Ingenieur ein ganz normaler Beruf, den auch viele Frauen ergreifen. „Allerdings ist der Beruf da auch nicht so anerkannt wie in Deutschland und nicht so gut bezahlt.“

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