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Billige Elektroautos : Solo gegen den Strom

Professor, Berater, Autobauer: Günther Schuh düpiert vom Aachener Hochschul-Campus aus die Konzerne der Branche. Bild: Edgar Schoepal

Ein Maschinenbau-Professor mischt die Autobranche auf: Günther Schuh baut E-Autos anders als alle anderen und sagt: Vor allem der Preis ist entscheidend. Wie weit er es damit gebracht hat, wundert ihn selbst.

          Natürlich war Günther Schuh schon auf der IAA. Er führt schließlich ein ziemlich aufregendes Projekt aus der Autobranche an. Aber der Maschinenbau-Professor aus Aachen, der mit seinen Elektrofahrzeugen den Markt aufmischt, weiß, was er zu erwarten hat. Deshalb sagt er in diesem Jahr: Nein, danke, muss nicht sein. Er wisse, welches Dogma zur E-Mobilität dem Autofahrervolk in Frankfurt mitgegeben wird: Reichweite! Reichweite! Reichweite! Nur ein Aktionsradius von einigen hundert Kilometern, so lautet die Logik dahinter, könne die Nachfrage spürbar voranbringen. Schuh sieht das anders. Und auf seinem Weg, der Branche, den Kunden und sich selbst zu beweisen, dass es auch anders geht, ist er verblüffend weit gekommen. Aber in Frankfurt aufzufallen und ein eher konventionelles Publikum gegen die Botschaften der Branchengrößen zu missionieren – das sei eine undankbare Aufgabe. Da arbeitet er lieber in Aachen weiter an seiner kleinen Elektro-Revolution.

          Uwe Marx

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der 58 Jahre alte Professor für Produktionstechnik an der renommierten Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) ist ein Rebell der Branche. Er hat mit seinen Mitstreitern aus Hochschule und Industrie jenen elektrischen Kleintransporter namens Streetscooter gebaut, den kein Autokonzern im Angebot hat – für den es aber eine starke Nachfrage gibt: Die Deutsche Post kaufte zuerst einige tausend Stück und übernahm dann das von Schuh und Kompagnons 2014 gegründete Unternehmen komplett.

          Mehr noch: Sie ist mit dem zugekauften Start-up zum führenden Hersteller von E-Transportern geworden und stellt mit diesen ihre Pakete in Städten emmissionsfrei zu. Die Reichweite von rund 80 Kilometern reicht allemal für Tagestouren in der Stadt, ob durch die Post selbst, durch Obsthändler oder andere Gewerbetreibende. Danach wird aufgeladen. Vor allem: Es gibt einen Markt – aber es gab kein Angebot. Erst die Versäumnisse der Autokonzerne ermöglichten den Coup des trotzigen Tüftlers aus Aachen.

          Die Ziele anders definieren

          Die Einnahmen durch den Verkauf und das Geld lokaler und überregionaler Investoren flossen in E.Go, Schuhs neuestes Projekt. Es hat fünf Vorstände, er ist der Vorsitzende. Die Neugründung folgt der vertrauten Logik: keine konzerntypische Produktion, Verzicht auf maximale Reichweite und Geschwindigkeit, dafür ein konkurrenzlos niedriger Preis. Sie ist das nächste Kapitel einer Erfolgsgeschichte, die – obwohl sie von Elektromobilität handelt – den Titel tragen könnte: Gegen den Strom. „Es ist nicht sinnvoll, mit einem Elektroauto möglichst schnell und möglichst weit zu fahren“, sagt Schuh. „Das ist mit einer halbwegs zumutbaren Öko-Bilanz überhaupt nicht möglich. Die Ziele müssen anders definiert werden.“

          Der Kleinwagen Life – vier Sitzplätze, 130 Kilometer Reichweite, rund 100 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit, 15.900 Euro – geht im kommenden Jahr auf einem Industriegelände im Aachener Stadtteil Rothe Erde in Serienproduktion. Und das nach nur zwei Jahren Entwicklungszeit. Abertausende Stadtbewohner brauchten nicht mehr als diese reduzierten, aber konkurrenzlos günstigen Leistungen. „Die Kunst besteht nicht darin, ein cooles Auto zu bauen, sondern ein günstiges“, sagt Schuh. „Und wir bauen nicht nur das günstigste Elektrofahrzeug, sondern das günstigste Neufahrzeug überhaupt – bezogen auf die Betreiberkosten.“

          Wenn es nach ihm geht, soll das erst der Anfang sein: 2019 wollen Schuh und Co. ein Elektroauto in Golf-Größe auf den Markt bringen, 2020 einen Kleinbus. Der Name des einen: Booster. Der des anderen: Moover. Werk I ist in Bau, zwei weitere sind geplant. Werk IV wird das erste außerhalb Aachens sein. Aber es bleibe in Nordrhein-Westfalen, verrät Schuh. Und Aachen der Fixpunkt.

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