http://www.faz.net/-gyl-92huw

Haustiere am Arbeitsplatz : Streicheleinheiten gegen den Stress im Büro

  • -Aktualisiert am

Neue Herrscher im Büro: Die Zahl der Tierliebhaber, die ihre Vierbeiner mit ins Büro nehmen, wächst. Bild: Imago

Haustiere sind am Arbeitsplatz oft nicht willkommen. Dabei können die kleinen Gäste das Arbeitsklima verbessern und manches Eis brechen.

          Die Bürokatze hieß Minka, und sie liebte das Faxgerät ihrer Besitzerin. Wenn die freie Texterin nicht aufpasste, sprang Minka auf das Gerät und drückte mit ihren Pfoten Nummern, die vermutlich jemandem in Honolulu gehörten. Die Texterin fragte sich: Wen kennt Minka in Honolulu? Die Bürokatze saß auch gern auf dem Bildschirm, damals noch ein großer Kasten, der sich erwärmte. Sie streckte ihre Pfote aus und sah ihrer Zweibeinerin bei der Arbeit zu.

          Es gibt Menschen, die schwören auf die entspannende Wirkung von Bürotieren. Dabei müssen Freiberufler mit ihrem Vermieter klären, ob er einverstanden ist, dass sie eines anschaffen. Bei Festangestellten habe dagegen der Chef das Hausrecht über die Arbeitsräume, sagt Saskia Steffen, Arbeitsrechtlerin bei der Kanzlei Pflüger Rechtsanwälte in Frankfurt am Main: „Der Arbeitgeber kann darüber entscheiden, ob ein Mitarbeiter ein Tier mitbringen darf oder nicht. Wenn er es jedoch einmal gestattet hat, braucht er einen berechtigten Anlass, um die Erlaubnis zurückzunehmen.“ Die Anforderungen seien dabei aber nicht hoch. Sie verweist auf ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Düsseldorf. Eine Frau hatte dagegen geklagt, dass ihr Chef seine Zustimmung zu ihrem Büro-Hund widerrufen hatte. Das Tier hatte plötzlich ein schwieriges Verhalten an den Tag gelegt. Das Gericht entschied zugunsten des Unternehmens.

          Nach Beobachtungen des Deutschen Tierschutzbundes sind immer mehr Arbeitgeber bereit zu akzeptieren, dass ihre Angestellten ihren Hund mitbringen. Die Tierschutzaktivistin Lea Schmitz berichtet, dass in jedem Tierheim im Durchschnitt 40 Hunde auf eine neue Familie warten. „Dass sie nicht vermittelt werden können, liegt oft daran, dass die Interessenten einen Acht-Stunden-Tag haben und das Tier nicht so lange allein lassen wollen“, sagt die Biologin. In der Hoffnung, dass mehr Menschen Tierheim-Hunde adoptieren, organisiert der Deutsche Tierschutzbund regelmäßig die Aktion „Kollege Hund“. Sie sind am besten als Bürotiere geeignet, ist Schmitz überzeugt.

          Hund oder Fisch – etwas anderes geht kaum

          Kaum eine Katze lässt sich morgens in eine Transportbox setzen und an einen Ort fahren, wo sie immer wieder mit Fremden in Kontakt kommt. Auch Vögel und kleine Nager reagieren nach Ansicht von Lea Schmitz sensibel auf Krach. Sie brauchen regelmäßig Auslauf. Einen Wellensittich im Büro herumfliegen lassen, das geht nicht, findet Schmitz: Auch ein frei herumhoppelndes Kaninchen lebe im beruflichen Umfeld in Gefahr. „Das Einzige, was außer dem Hund noch möglich ist, wäre ein Aquarium mit Fischen“, sagt Schmitz. Dabei müsse im Büro geregelt sein, wer sie füttere, wenn der Mitarbeiter krank oder im Urlaub sei. Anwältin Saskia Steffen empfiehlt ohnehin, die Rechte und Pflichten des Tierhalters in einer separaten Vereinbarung festzuhalten. Der Arbeitgeber sei jedoch nicht dazu verpflichtet, eine solche schriftlich einzugehen: „Wenn es einen Betriebsrat gibt, hat dieser ein Mitspracherecht, wenn sich der Arbeitgeber grundsätzlich entscheidet, Hundehaltung im Büro zuzulassen“, sagt sie.

          So ist die Bürokatze eher ein Privileg von schreibenden Heimarbeitern und Menschen mit Amtssitz. Zu den Schriftstellern mit Samtpfote sollen Elke Heidenreich, Juli Zeh, Stephen King und Jorge Luis Borges gehören. „Socks“ hieß zudem der schwarz-weiße Kater des damaligen Präsidenten Bill Clinton. Als Socks 2009 mit 19 Jahren starb, brachten viele Medien einen Nachruf, und in den sozialen Netzwerken trauerten Tausende mit den Clintons. Die Präsidenten der Vereinigten Staaten halten sonst eher Bürohunde als Bürokatzen – von George Washington mit einem Vierbeiner namens Drunkard bis zu Barack Obama mit den Portugiesischen Wasserhunden Bo und Sunny. Donald Trump duldet indessen weder First Dog noch First Cat im Oval Office.

          „Es gibt Studien, die besagen, dass das Stresslevel und der Blutdruck sinken, wenn man einen Hund streichelt“, sagt Tierschützerin Schmitz. „Dabei schüttet man Glückshormone aus.“ Das Arbeitsklima sei mit Bürohund weniger steif. Die Mitarbeiter seien motivierter und eher bereit, Überstunden zu machen.

          Bessere Mitarbeiterbindung

          Markus Beyer aus Berlin weiß Ähnliches zu berichten. Er ist professioneller Hundetrainer, Gründer und erster Vorsitzender des Bundesverbandes Bürohund. Nach Beyers Angaben hat dieser Verband mehr als 2000 Mitglieder. Er berät auch Arbeitgeber, die sich mit Bürohunden beschäftigen wollen, aber nicht genau wissen, wie. Beyer erzählt, dass Bürohunde zu einer verbesserten Mitarbeiterbindung und einem guten Unternehmensimage beitragen. Auf der Website des Verbandes findet sich eine reichlich bestückte „Bürohundkarte Deutschland“ und eine weniger ausführliche Jobbörse für Menschen, die den Bürohund schätzen.

          „In der Produktion eines Unternehmens ist ein Hund eher schwierig“, sagt Markus Beyer. Dort sei es viel zu laut und gefährlich. Im Gegensatz dazu erscheint der administrative Bereich passender. Dort kann die Mitnahme von Haustieren laut Beyer funktionieren, wenn es für alle Seiten Regeln und Pflichten gibt: für das Unternehmen, die Mitarbeiter mit und ohne Hund und für das Tier.

          Für den Arbeitsalltag heißt das beispielsweise, dass Rücksicht genommen wird auf Menschen, die eine Allergie haben oder Hunde nicht mögen. Juristin Steffen erklärt: „Wenn sich ein Kollege von dem Bürohund gestört fühlt, muss er sich an den Arbeitgeber wenden. Dieser muss prüfen, ob der Hund bleiben kann.“ Dabei habe er die Interessen aller Beteiligten abzuwägen. Im Arbeitsrecht gelte der Allgemeine Gleichbehandlungsgrundsatz. Doch ein Ja zum Bürohund eines Mitarbeiters bedeutet laut Steffen nicht, dass der Chef akzeptieren muss, dass noch zehn weitere Kollegen ihre Tiere mitbringen. Auch wenn sich zwei Bürohunde nicht verstehen und wenn ein Tier die Gesundheit eines Mitarbeiters beeinträchtigt oder Menschen bedroht, kann der Arbeitgeber verlangen, dass es nicht mehr mitgebracht wird.

          Acht Stunden nur auf der Decke liegen ist zu wenig

          Geht es nicht um solche Gefahren, sondern darum, dass jemand Hunde nicht mag, reicht es meist auch aus, ihn getrennt von dem Tier unterzubringen. Auch der Hund muss einen Rückzugsbereich haben, in den er jederzeit gehen kann und etwa mit Wasser versorgt wird. „Nicht alle Hunde finden es toll, wenn sie von Fremden gestreichelt werden“, sagt Tierschützerin Schmitz. „Der eine Hund ist kontaktfreudig, für den anderen bedeutet das Stress.“ Sie fordert daher, dass das Tier vor und nach dem Antritt im Büro genügend Auslauf bekommt: „Vom Hund zu erwarten, dass er acht Stunden lang nur auf der Decke liegt und schläft – das geht schief“, sagt die Tierschützerin. Haare und andere Spuren der Tierhaltung im Büro zu beseitigen ist nach Ansicht von Saskia Steffen Aufgabe des Hundebesitzers: „Es sei denn, der Arbeitgeber ist so kulant, dass er die zusätzlichen Reinigungskosten übernimmt.“

          In sozialen Netzwerken sind vor allem Geschichten von Hunden zu lesen, die eitel Freude und Sonnenschein ins Büro bringen. Eher selten ist dort auch von Teams zu lesen, die sich über ein Tier im Büro zerstreiten, und von Chefs, die unfähig sind, diesen Konflikt erfolgreich beizulegen. Man hört von herrschsüchtigen Tierhaltern, deren Hunde Kunden angehen und die jedes Wort über ihr Tier als persönliche Beleidigung wahrnehmen. Eine Juristin aus Süddeutschland, die viel in sozialen Netzwerken unterwegs ist, hat beide Facetten dieses Themas erlebt – angenehme und unangenehme Bürotiere. In einer Lebensphase, als sie viel in ihrem Homeoffice saß, Fachtexte studierte und sich auf eine Prüfung vorbereitete, verschönerte ihr eine Bürokatze den harten Alltag. Sie legte sich auf Dokumente, biß in Zeitschriften und griff den Drucker an, wenn dieser Papier ausspuckte. „Das war unterhaltsam und anstrengend zugleich“, sagt die Juristin heute. „Die Katze hat ja kein Verständnis für eine Deadline. Wenn so etwas Pelziges im Büro herumläuft, weiß man andererseits: Es gibt ein Leben jenseits der Bücher.“

          „Der Hund beeinflusst die Atmosphäre positiv“

          Nach einer Zwischenstation in einer Kanzlei, wo die gelangweilten und schlecht erzogenen Hunde der Geschäftsführerin die Mandanten ansprangen, ist die Frau jetzt in einem Unternehmen tätig, wo es zwei disziplinierte Hunde gibt, die in Arbeitspausen regelmäßig bewegt werden. Sie gehören einer Kollegin, die sich auf das Familienrecht spezialisiert hat. Oft bringen Mandanten ihre Kinder mit zu den Gesprächen, in denen es um Familienkonflikte geht. „Wenn die Kinder die Aussicht haben, danach einen Hund zu streicheln, sind sie entspannter“, hat die Juristin beobachtet.

          Das hat auch Melanie Schumacher erlebt, die als systemischer Coach und Karriereberaterin in Bonn tätig ist. Seit sechs Jahren nimmt sie ihren Hund mit ins Büro. Vor den Beratungen fragt sie ihre Kunden, ob sie einverstanden sind, was bisher immer der Fall gewesen sei. „Der Hund beeinflusst die Atmosphäre zwischen dem Coachee und mir positiv“, berichtet die Diplom-Kauffrau. Ist die Person in einer schwierigen Lebenssituation, stelle sich der Hund während der Beratung oft neben sie. So etwa, als wolle er sie trösten.

          Weitere Themen

          Das Internet der Pilze

          Romane und Trüffel : Das Internet der Pilze

          Stefanie de Velasco geht auf Trüffelsuche. Mit ihrem Hund. Weil es sie ans Schreiben erinnert. Und die apokalyptischen Teile ihres Schriftstellerinnenhirns animiert. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.