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Pläne zum Jahreswechsel : Vorsicht, gute Vorsätze!

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Linker Teller, rechter Teller: Was gesünder ist, liegt auf der Hand. Aber die bessere Entscheidung wird am Ende nicht immer umgesetzt. Bild: mauritius images

Von vielen Plänen zum Jahreswechsel bleibt am Ende wenig übrig. Warum eigentlich? Wer die Klippen kennt und sie meidet, schafft mehr, als er denkt.

          Alles bleibt beim Alten. Jedenfalls was die guten Vorsätze im neuen Jahr betrifft. Es ist jedes Silvester das Gleiche: Viele Menschen wollen abnehmen, sich gesünder ernähren, mehr Zeit mit der Familie verbringen oder sich beruflich verbessern. Das zeigen zahlreiche Umfragen. Dass trotzdem so viele Menschen mit ihren Neujahrsvorsätzen scheitern, hat nach Ansicht von Fachleuten mehrere Ursachen. „Um gute Vorsätze zu fassen, brauchen wir Motivation, und davon haben wir unendlich viel“, sagt der Psychologe Hans-Georg Willmann aus Freiburg. „Doch um diese Vorsätze umzusetzen, benötigen wir Willenskraft, und die ist begrenzt.“

          Die ruhige Zeit zwischen den Jahren ist nach Ansicht des 48-Jährigen bestens geeignet, sich hochmotiviert eine schöne Zukunft auszumalen. Es strengt ja nicht an. Außerdem verheißt das neue Jahr eine neue Etappe und neuen Schwung. Und so träumen viele unter dem Weihnachtsbaum von kreativeren Aufgaben mit mehr Verantwortung in ihren Unternehmen, von Studiengängen, die sie bald antreten, oder davon, dass sie ihren Arbeitsplatz besser organisieren und weniger Stress haben. Wenig später beginnt der anstrengende Alltag mit seinen Routinen, die nicht immer zufrieden machen, an die man sich aber gewöhnt hat. „Da merkt man schnell, wie kräftezehrend es ist, nach Feierabend noch ein Fachbuch zu lesen oder zu einem Branchentreffen zu gehen, um das berufliche Netzwerk zu erweitern“, sagt Willmann. Der Trainer für Führungskräfte unterscheidet zwischen Vorsätzen und Zielen.

          Einen Vorsatz formuliert man zwar voller guter Hoffnungen, doch ohne Erfüllungsdatum. Man möchte den Stress im Beruf senken – aber wann, wie und mit welchen Folgen für sich selbst und andere, das bleibt offen. Ungeklärt bleibt auch, was passiert, wenn sich Hindernisse in den Weg stellen. Ein Ziel ist dagegen etwas Konkretes: Im Idealfall hat man einen Zeitplan und ein Ergebnis vor Augen und ist bereit, sich dafür zu engagieren. Eben Willenskraft zu investieren, sagt Willmann, der mehrere Bücher über das Thema verfasst hat.

          Eine ganzheitliche Angelegenheit

          Ähnlich argumentiert der Psychoanalytiker und Autor Hans-Werner Rückert. Er berät an der Freien Universität Berlin Studenten mit psychischen Problemen und Arbeitsblockaden. Um das Mysterium mit den Vorsätzen zu erklären, zieht der 66 Jahre alte Experte die Neurowissenschaften zu Rate: Demnach ist für das Fassen von Vorsätzen die anderthalb bis vier Millimeter dicke Gehirnrinde zuständig. Dort finden kognitive Prozesse statt, also Erkenntnis und Wahrnehmung. „Wer die Darstellung eines Gehirns anschaut, sieht aber, dass es viel größer ist“, sagt Rückert. Damit der Neujahrsvorsatz umgesetzt wird, müssten andere Regionen des Gehirns einbezogen werden. Etwa der Teil, der für Gefühle verantwortlich ist, oder jener Teil, mit denen wir Pläne schmieden und über ihre Umsetzung nachdenken. „Eine isolierte Aktivität in der Gehirnrinde ist möglicherweise gar nicht handlungswirksam“, sagt der Psychologe.

          Ein Vorsatz fürs neue Jahr ist eine ganzheitliche Angelegenheit. Eine Frau, die an Silvester zum Beispiel darüber nachdenkt, endlich Filialleiterin zu werden, sollte sich für die Planung mehr Zeit lassen als nur eine Nacht. Es gilt, das Vorhaben mit Gefühlen zu verbinden, etwa mit Vorfreude. „Sie sollte sich über ein Belohnungsmanagement Gedanken machen und auch überlegen, wie sie mit Rückschlägen umgeht“, sagt Rückert. „Wenn sie nie bedenkt, was sie tut, wenn Unlust aufkommt, sind ihre Vorsätze schnell Makulatur.“ Ferner gelte es, das Projekt Filialleiterin „sozial zu flankieren“. Die angehende Managerin sollte ihr Vorhaben mit ihrer Familie planen und besprechen, wie ihr Leben aussieht, wenn sie bald viel mehr Zeit in den Beruf investiert und manches gemeinsame Wochenende wegfällt. Können die Großeltern einspringen, wenn ein Kind krank wird?

          Jeder fünfte hat eine sehr starke Willenskraft

          Außerdem sollte sie ausloten, wie Kolleginnen und Kollegen dazu stehen. Welche Unterstützung ist vom Team zu erwarten? Welche Neider und Konkurrenten werden auf den Plan gerufen? Findet sich im Unternehmen ein Mentor oder ein Förderprogramm für angehenden Führungsnachwuchs? „Gut wäre eine schriftliche Vereinbarung mit der Personalabteilung über die gegenseitigen Erwartungen und die Ressourcen, die das Unternehmen zur Verfügung stellen kann“, sagt Rückert. Was Vorsätze und Ziele angeht, beschäftigten sich viele Menschen zu lange mit Absichtserklärungen und nicht mit der Frage, wie sie ihre Pläne konkret umsetzen. Das Thema treibt auch Hans-Georg Willmann um. Er zitiert wissenschaftliche Studien über die Willenskraft: Bei rund 20 Prozent der Bevölkerung ist sie sehr stark ausgeprägt, bei 20 Prozent eher schwach. Die übrigen 60 Prozent sind mit Willenskraft gut ausgestattet. Jeder Mensch werde mit einem bestimmten Reservoir geboren, das durch die Erziehung vor allem in den ersten Lebensjahren beeinflusst werde.

          Dass so viele Vorsätze nur Willensbekundungen bleiben und nicht mit der nötigen Kraft aufgeladen werden, liegt laut Willmann auch daran, dass sich viele mit einer Fülle an kleinen Entscheidungen im Alltag überfordern, von denen jede einzelne bereits Willenskraft verlangt. Ziehe ich morgens das weiße oder das blaue Hemd an? Wähle ich in der Kantine den Salat oder das Schnitzel? „Ich nenne das Willenskrafterschöpfung“, sagt er. „Wenn ich abends erschöpft von diesen vielen Entschlüssen noch entscheiden soll, ob ich zu einer Fortbildung gehe oder nicht, bleibe ich lieber auf der Couch sitzen.“

          Entscheidungen standardisieren

          Vor allem für Führungskräfte sei die Fülle an Entscheidungen ein Problem, denn ihnen werde in dieser Hinsicht viel abverlangt. Daher empfiehlt Willmann seinen Coaching-Kunden, Entscheidungen im Alltag zu standardisieren und zu automatisieren. Er weiß von Prominenten, die zehn Anzüge der gleichen Farbe und Machart im Schrank hängen haben und daher nicht ständig wählen müssen, was sie zu welchem Anlass tragen.

          Die nachhaltigste Ablenkung erfahren seine Kunden durch moderne Medien. Ständig piepsen SMS, treffen Whats-App-und Twitter-Botschaften ein oder blinkt auf Smartphone und Computer eine neue Mail. Sie stellen den Empfänger immer wieder vor die Entscheidung: Soll ich das gleich lesen – und dann auch sofort reagieren? Willmann empfiehlt seinen Kunden, die Nutzung sozialer Medien und das Abrufen von Mails auf bestimmte Zeiten zu beschränken. Nach seiner Erfahrung entspannt das viele Menschen und setzt dann auch mehr Willenskraft frei.

          Hans-Werner Rückert hat schon oft erlebt, wie sich Menschen Illusionen hingeben. Eine solche Illusion seien To-do-Listen mit Vorsätzen oder Zielen, „die eigentlich Friedhöfe sind von Dingen, die sie in den vergangenen zwei Jahren nicht angepackt haben und auch in den kommenden zwei Jahren nicht anpacken“. Wer solche Listen schreibt, sagt Rückert, habe die Illusion, dass er seine Vorsätze und Pläne angeht und seine Angelegenheiten im Griff hat. Tatsächlich habe er nur das Schreiben von Listen im Griff.

          Scheitern ist nicht so dramatisch

          Dabei ist Rückert nicht grundsätzlich gegen To-do-Listen. Sinnvoll seien sie, wenn sie funktionierten wie Einkaufslisten. Wenn sie eben Notizen über Dinge seien, die besorgt werden müssten und auch tatsächlich besorgt werden. Bei anspruchsvollen Punkten auf der To-do-Liste solle man genau überlegen, warum und wie man sie angeht. Statt sich einfach nur die Lektüre eines Fachbuches vorzunehmen, könnte man konkret planen: „Welches Kapitel, welche Fragen habe ich an den Text, oder wie kann ich das Gelesene später in meinem Berufsalltag nutzen?“, nennt Rückert als Beispiele.

          Er weiß von zahlreichen Vermeidungsstrategien, die heutzutage oft mit einer „Pseudorationalität“ bemäntelt werden, wie er es nennt. Während Studenten früher oft die Wohnung putzten, um nicht an der schwierigen wissenschaftlichen Arbeit sitzen zu müssen, sortieren sie heute ihre Outlook-Kontakte, löschen alte Mails oder fragmentieren ihre Festplatte neu. „Dazu startet man auf dem Computer ein Programm, das einen Fortschrittsbalken anzeigt“, sagt Rückert: Das Programm macht einen Fortschritt, der Student nicht. Liegen bleiben nach seinen Erfahrungen so auch zahlreiche halb fertige Dissertationen. Die Urheber wähnen sich in dem Glauben, dass sie diese irgendwann doch fertigstellen. Zu Silvester stoßen sie mit ihren Familien und Freunden darauf an, dass es im nächsten Jahr endlich so weit sein wird. Dabei wissen sie insgeheim, dass es nie dazu kommt. „Es dient dem Selbstwert, zu behaupten: Ich arbeite noch an meiner Dissertation, statt zu sagen: Ich werde damit nie fertig, ich bin daran gescheitert.“

          Das Versprechen, irgendwann doch mit dem abgeschlossenen Projekt zu glänzen, bleibt in der Welt. Zu scheitern ist dabei oft gar nicht so dramatisch, wie man im Moment denkt. „Man lernt etwas über sich und wird schlauer“, sagt Hans-Werner Rückert. Im Fall der Dissertation kann das ganz einfach die Erkenntnis sein, dass einem das Arbeiten im Team mehr liegt als das einsame Recherchieren und Schreiben. Abgesehen von der Dissertation: Die Gesellschaft ist stets bereit, uns mit neuen, anspruchsvollen Zielen zu füttern. Das Plakat im Fitnesscenter fordert uns dazu auf, unseren Körper zu optimieren und beim Gewichtestemmen stets gute Laune zu haben. Im Buchladen stapeln sich die Ratgeber, die eine schnelle, effektive Karriere bei bester Bezahlung versprechen. Lebensläufe, von denen wir aus den Medien erfahren, legen uns nahe, dass das alles scheinbar ohne Mühe erreichbar ist. Hans-Werner Rückert plädiert für mehr Gelassenheit. Ein gewisses Maß an Unzufriedenheit gehöre einfach dazu zum menschlichen Leben. „Dass wir alles erreichen können, wenn wir es nur wollen, diese Ideologie ist Quatsch“, sagt er. Und überhaupt, warum brauchen wir Neujahrsvorsätze? „Man kann auch jedes andere Datum wählen – etwa den eigenen Geburtstag.“

          Quelle: F.A.Z.

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