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Gläserne Geschäftsreisende : Dauernd unterwegs – dauernd transparent?

Gläsern: Nicht nur an der Gepäckkontrolle werden Reisende durchleuchtet. Bild: mauritius images

Dank moderner Technik könnten Chefs Geschäftsreisende rund um die Uhr verfolgen. Klingt schaurig, ist aber nur begrenzt erlaubt. Manche Mitarbeiter lassen sich aber sogar freiwillig überwachen.

          Kurz nachdem ein Attentäter mit einem Lastwagen in den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche gefahren war, schellten bei Christoph Carnier die Alarmglocken. Waren auch Geschäftsreisende unter den 12 Toten und 55 Verletzten? „Wir haben alle Mitarbeiter kontaktiert, die sich zu dem Zeitpunkt in Berlin aufhielten. Spätestens nach 30 Minuten müssen wir wissen, wo sich ein Mitarbeiter nach einem Vorfall befindet“, sagt er. Carnier ist Vizepräsident des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR), in dem die Zuständigen für Geschäftsreisen aus mehr als 500 Unternehmen in Deutschland mitwirken. Und er ist im Darmstädter Wissenschafts- und Technologiekonzern Merck der oberste Verantwortliche für die Dienstreisen.

          Timo Kotowski

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die eiligen Nachfragen waren keine Höflichkeitsgeste des Konzerns. „Unternehmen haben eine Fürsorgepflicht und sind verpflichtet, ihren Geschäftsreisenden immer eine Hilfestellung geben zu können“, erklärt Carnier. Doch dies ist nur möglich, wenn in der Merck-Zentrale bekannt ist, welche der rund 50 000 Mitarbeiter sich an einem Abend wie dem kurz vor Weihnachten 2016 in der Hauptstadt aufgehalten haben. Einen Termin auf dem Weihnachtsmarkt hatte wohl keiner von ihnen, aber es war nicht auszuschließen, dass ein Beschäftigter zufällig im Moment des Anschlags dort vorbeiging. Eine Liste der Mitarbeiter, die sich gerade in Berlin aufhielten – und sei es nur für einen Tag – ließ sich aber nur zusammenstellen, weil der Konzern genau darüber Buch führt, wohin seine Geschäftsreisenden aufgebrochen sind.

          „Traveller Tracking“ ist zum Schlagwort in der Branche geworden. Doch Nachverfolgung von Reisestrecken schürt unter Geschäftsreisenden auch die Sorge, dass jeder Mitarbeiter auf Schritt und Tritt digital verfolgt werden kann. Nichts bliebe geheim: Wo wird übernachtet, wo werden Verträge verhandelt, welche Bar wird zum Ausklang eines Konferenztages aufgesucht, gibt es Details am Rande der Reise, die der Mitarbeiter lieber im Privaten hält? Die Kehrseite des umfassenden Schutzes vor Anschlägen und Katastrophen klingt zunächst nach schauriger Dauerüberwachung.

          Datenschutzregeln bewahren vor permanenter Kontrolle

          Tatsächlich dürfte der Reisealltag so weit von diesem Szenario entfernt sein, dass die Informationslücken über Reiseverläufe mehr Anlass zur Sorge geben. Datenschutzregeln bewahren vor permanenter Kontrolle, technische Hürden verhindern sie. Immerhin jeder vierte Reiseverantwortliche aus einem deutschen Unternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten beklagte in einer Untersuchung des VDR, aus Datenschutzgründen eben nicht immer wissen zu können, wo sich die eigenen Geschäftsreisenden gerade aufhalten. In jedem dritten Unternehmen bleibt das Traveller Tracking demnach lückenhaft, weil Geschäftsleute unterwegs sich nicht an Buchungsregeln ihres Arbeitgebers halten, so dass Reiseinformationen verborgen bleiben.

          Die Sicherheit von Geschäftsreisenden ist eine Mammutaufgabe. Mehr als 11 Millionen Beschäftigte – vom Konzernvorstand bis zum Monteur – brechen hierzulande regelmäßig zu Fahrten im Dienste des Unternehmens auf. Über ein Jahr hinweg sind sie nach Zahlen des Geschäftsreiseverbands VDR mehr als 183 Millionen Mal unterwegs. Flugtickets, Bahnkarten und Hotelzimmer kosteten die Unternehmen zuletzt rund 52 Milliarden Euro im Jahr. Seit 2012 sind die Zahl der Reisen und die Ausgaben dafür um je 10 Prozent gestiegen.

          „Wir können nicht allen unseren Mitarbeitern ein Ortungsgerät einpflanzen“, sagt Oliver Meinicke, der oberste Reisemanager des Geldscheindruckers und Zahlungsdienstegestalters Giesecke & Devrient aus München. „Wir geben über unsere Reiserichtlinie vor, auf welchem Wege welche Reiseleistungen gebucht werden dürfen.“ Dadurch soll zumindest gesichert werden, dass alle Buchungsdaten zu Flügen und Unterkünften gebündelt im Unternehmen landen.

          Facebook weiß manchmal mehr

          Und viel mehr an Datensammelei ist meist hierzulande auch nicht erlaubt, sagt Carnier. Die Grenzen, die der Datenschutz Unternehmen setzt, führen sogar zu einer paradoxen Situation. „Sobald von Geschäftreisenden unterwegs Facebook oder Google genutzt wird, werden oft auch Standortdaten übermittelt. Aber die Arbeitgeber bekommen diese Information nicht“, sagt er. Unternehmen arbeiten daher mit Angaben, wo sich Reisende gerade aufhalten sollen. „Das Tracking über Buchungsdaten ist nicht ganz genau. Wir haben aber mindestens die Informationen über den zuletzt erreichten Flughafen, das Hotel und den gebuchten Mietwagen.“ Das Privatvergnügen nach Feierabend bleibt dem Vorgesetzten verborgen – allerdings auch die kurzfristige Änderung im Reiseablauf. Buchungsdaten dokumentieren, wo ein Reisender planmäßig sein soll. Wenn er länger am Gepäckband am Flughafen auf seinen Koffer warten musste und statt des verpassten Zuges ein Taxi auf unbekannter Route genommen hat, fehlt diese Angabe zunächst.

          Unternehmen setzen daher auf vorbeugende Informationen, um das Risiko so klein wie möglich zu halten, dass ihre Beschäftigten unterwegs in gefährliche Situationen geraten. Dazu zählen Hinweisnachrichten, die während einer Reise auf das Smartphone geschickt werden, und vorbereitende Gespräche vor dem Abflug – je nach Risikoeinschätzung. Wie aufwendig das werden kann, weiß Michael Kink, Sicherheitsverantwortlicher für Reisen bei Giesecke & Devrient, zu berichten: Für Länder mit der Gefahrenstufe orange, also der zweithöchsten, spreche er mit dem betroffenen Reisenden ab, wie das Unternehmen die Reise beobachtet und wann der Reisende sich melden muss. In Länder mit der Gefahrenstufe rot, also der höchsten, könne ein Mitarbeiter nur reisen, wenn der gesamte Ablauf vorab geklärt sei. „Das reicht bis zur Fahrt im speziell geschützten Sicherheitswagen.“

          Schutz und Hilfe auf Reisen haben mehr Bedeutung bekommen. Denn Gefahren in fernen Ländern sind vielen Geschäftsleuten gar nicht so fern. In einer Befragung des Deutschen Reiseverbands unter Geschäftsreisenden antwortete zuletzt jeder Vierte, dass Unruhen in einem Zielland schon mal eine Reise behindert oder sogar unmöglich gemacht hätten. Fast jeder Zweite gab an, eher große Befürchtungen oder sehr große Befürchtungen wegen möglicher Anschläge zu haben. Reisende unter 40 Jahren und Vielreisende mit mehreren Touren im Monat machen sich sogar die größten Sorgen.

          „Sie sehen, dass es um Sicherheit geht“

          Reisemanager Meinicke sieht einen Bewusstseinswandel: „Mittlerweile konnten wir den Mitarbeitern Ängste vor einer Kontrolle nehmen“, sagt er. „Durch aktuelle Entwicklungen und die Berichterstattung über Anschläge hat sich die Einstellung von Mitarbeitern verändert. Sie sehen, dass es beim Tracking nicht um Überwachung, sondern um Sicherheit geht.“ Mittlerweile fühlen sich nach Angaben des Deutschen Reiseverbands 80 Prozent von ihren Arbeitgebern unterstützt, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Allerdings wussten nur 48 Prozent der Befragten sicher, dass ihr Unternehmen ein professionelles Risikomanagement betreibt.

          Giesecke & Devrient setzt dabei auch auf die Dienste des Unternehmens A3M aus Tübingen. Dort sitzt ein Team, das aus Nachrichtenagenturen, Behördenmitteilungen und Einträgen in sozialen Netzwerken Informationen zu Risiken und Vorfällen aus aller Welt herausfiltert – vom angekündigten Fluglotsenstreik über einen zerstörerischen Wirbelsturm bis hin zu Bombenanschlägen. Diese Informationen trägt A3M auf einer digitalen Weltkarte ein. Werden von einem Unternehmen die Buchungsdaten der Geschäftsreisenden hinzugefügt, lässt sich auf Knopfdruck sehen, wo Gefahrenpunkte und geplante Aufenthaltsorte von Reisenden dicht beieinanderliegen. Verschickte Warnmeldungen sollen dann verhindern, dass ein Reisender einem Gefahrenpunkt zu nahe kommt.

          „Wir informieren unsere Mitarbeiter über Vorfälle, indem wir ihnen automatisierte Nachrichten auf das Smartphone schicken. Diese Informationen lassen sich steuern, so dass Mitarbeiter nur die Meldungen bekommen, die ihren Aufenthaltsort und ihren Reiseweg betreffen“, sagt Kink. Allerdings ist auch dieser Weg nicht ohne Hürden. Giesecke & Devrient reicht Buchungsdaten, die das Unternehmen von seinem Reisebüro bekommt, weiter – ohne Zustimmung der Arbeitnehmervertreter war das nicht möglich. Mit dem Inkrafttreten der neuen Datenschutz-Grundverordnung musste nachgearbeitet werden. „Die neue Datenschutz-Grundverordnung verpflichtet uns, genau zu beschreiben, welche Daten wir wie verwenden. Das bereitet uns vorübergehend Mehraufwand“, räumt Reisemanager Meinicke ein.

          Notfalltelefon und Satellitenortung

          Doch ohne einen Partner von außen lässt sich nach seinen Angaben die immer umfangreicher gewordene Unterstützung von Reisenden nicht mehr mit der nötigen Sorgfalt organisieren. „Als wir 2007 mit dem Versenden von Informationen begonnen haben, haben wir das selbst organisiert. Die Aufgabe ist aber zu umfangreich geworden, um das allein zu erledigen“, sagt er. Auch ein ständig erreichbares Notfalltelefon gehört dazu. Erst vor kurzem war das für einen Reisenden hilfreich – nicht wegen eines Anschlags, sondern weil der Mann in Afrika an Malaria erkrankt war.

          Die digitale Begleitung von Reisenden dürfte nach Einschätzung von Geschäftsreiseverantwortlichen sogar noch wichtiger werden. „Ich persönlich kann mir vorstellen, dass Geschäftsreisende selbst entscheiden, ob sie unterwegs getrackt werden wollen. Kein Unternehmen hat die Zeit und die Muße, seine Mitarbeiter immer zu überwachen“, sagt Carnier. Bei Giesecke & Devrient ist man schon einen Schritt weiter – zumindest für einen kleinen Teil der Mitarbeiter. „Geschäftsreisenden in manche Länder Afrikas oder Südamerikas, nach Algerien und Venezuela haben wir schon Tracking-Geräte mitgegeben, damit sie über eine Satellitenverbindung zu orten waren“, sagt Kink. Eine vollständige Überwachung der Mitarbeiter unterwegs sei aber nicht angestrebt. „Das passiert nur in Risikogebieten auf Wunsch des Reisenden nach unserer Empfehlung. Die Mitarbeiter konnten die Geräte auch immer selbst ausschalten.“

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