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Geisteswissenschaften : Gründen statt grübeln

  • -Aktualisiert am

Wer hat´s erfunden? Ein promovierter Politologe aus Berlin hatte die Idee zu „Call a bike” Bild: ddp

Lässt sich mit Linguistik Geld verdienen? Oder mit Soziologie? Es gibt gute Beispiele dafür. Aber zu wenige Geisteswissenschaftler trauen sich Erfolg zu. In den Gründungsberatungen sind sie Exoten.

          Unter Geheimhaltung stehen offenbar nicht nur technische Geschäftsideen: Idee, Team und Historie der Unternehmensgründung aus Bochum sind zwar online nachzulesen, nicht aber ihr Name. Und die Bürokoordinatorin bleibt standhaft. "Das besprechen Sie besser mit Frau Blaha direkt", sagt sie. Michaela Blaha hat den "Internet-Dienst für eine moderne Amtssprache" gegründet - und sie gibt schließlich auch die Kurzform des Namens preis: Idema.

          Eine sprachwissenschaftliche Geschäftsidee? Ein verwegener Gedanke. "Nicht einmal die Wissenschaftler selbst können sich vorstellen, dass man mit Geisteswissenschaften auch etwas anderes machen könnte als Forschung - und vor allem nicht, dass die selbständige Tätigkeit damit gleichwertig sein soll", sagt Jörg Strompen von der Gründungsberatung Leibniz X in Berlin. In seinem eigenen Studium musste sich der Politologe und Slawist oft genug anhören, dass er mit seinen Fächern ohnehin keinen Job finden würde. Heute berät er Mitarbeiter der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz bei Ausgründungen und stößt da immer wieder auf ein- und dieselbe Hemmschwelle: Es gebe zu wenig Bereitschaft, sich als Unternehmer auszuprobieren, zu wenig Durchlässigkeit und Toleranz. "Das Scheitern einer Gründung kommt hierzulande einem Todesurteil gleich."

          Gründerkultur für die Geisteswissenschaften

          Was Jörg Strompen in Berlin tut, macht Karl Grosse in Bochum. Als Geschäftsführer von Rubitec, der Transfergesellschaft der Ruhr-Universität, bemüht er sich um eine Gründerkultur für die Geisteswissenschaften. "Gefördert wird die Innovation aus der Hochschule, die in eine Gründung umgesetzt wird. Die Eröffnung einer Anwaltskanzlei oder eines Schreibbüros zählen wir nicht", sagt er. Die geförderten Gründer können zwei Jahre in diesem "Business-Inkubator" testen, wie gut ihre Geschäftsidee läuft. Anschließend haben sie nur noch die Wahl zwischen Ausgründen und Aufgeben.

          Aber ans Aufgeben denkt Michaela Blaha schon lange nicht mehr. Seit sie vor zehn Jahren, als sie ihre Abschlussarbeit schrieb, der "Anti-Amtsdeutsch-Virus" befallen hat, weiß die Linguistin, wie groß der Bedarf an ihrer Dienstleistung ist. Sie und ihr siebenköpfiges Team unterstützen Kommunen dabei, Formulare, Anschreiben und Selbstdarstellungen in einer modernen, verständlichen und doch rechtlich wasserdichten Sprache zu formulieren. "Wir bekommen sehr viele Anfragen und sehr viel Aufmerksamkeit", sagt die 35 Jahre alte Doktorandin. Allerdings nicht immer die angemessene Wertschätzung. "Bei meinem ersten Forschungsprojekt ,Bürgerfreundliche Verwaltungssprache' im Jahr 2000 wollten die Kommunen nur die Dienstleistung haben, aber nicht die Forschungsarbeit finanzieren", berichtet Blaha. Auch heute noch müsse sie manchen Behördenleitern erklären, wie aufwendig die Abstimmung mit den Fachabteilungen sei und warum die Umformulierungen ihren Preis haben. Die Rechnungen dafür werden übrigens im Namen der Novatec GmbH geschrieben, einer Rubitec-Tochter. "Novatec nimmt den Gründern die geschäftliche Infrastruktur wie Buchhaltung und Steuern ab und unterstützt sie in Vertragsverhandlungen", erläutert Karl Grosse den Zusammenhang.

          Nicht ohne meinen Idealismus

          Michaela Blaha lässt sich von Novatec nur halbtags bezahlen, obwohl sie voll arbeitet. "Andere Gründer verdienen im ersten Jahr gar kein Geld." Ein Schuss Idealismus gehöre eben zu jeder Gründung. Die Germanistin und Anglistin mit Staatsexamen hat vor dem Schritt in die Selbständigkeit Gründerseminare belegt, andere Gründer interviewt und Start-up-Messen besucht. "Ich habe tatsächlich Klinken geputzt." Schließlich stieß sie auf Rubitec. Offene Türen rannte sie aber auch dort nicht ein. "Der Fokus liegt auf den Ingenieurwissenschaften", sagt sie. "Auf mich war man nicht eingestellt."

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