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Versteckte Qualifikationen : Wie Flüchtlinge ihre Fähigkeiten beweisen sollen

Die Idee hinter dem Test: Kompetenzen erkennen, die Flüchtlinge haben, über die es aber keinen offiziellen Nachweis gibt. Bild: dpa

Kein Zeugnis, kein Zertifikat und trotzdem viel Erfahrung im Auto-Schrauben? Solche versteckten Qualifikationen legt ein neuer Test offen.

          Auf dem Bildschirm ist eine comic-ähnliche Zeichnung eines Schafes zu sehen, am Kopf, am Hals, am Rücken und am Schenkel sind Punkte markiert. Darüber steht die Frage: „Sie möchten Wolle von bester Qualität verkaufen. Von welchen Teilen des Schafes nehmen Sie die Wolle? Bitte klicken Sie 2 bis 4 Bereiche an.“ So oder so ähnlich sehen die Aufgaben für das Berufsbild „Landwirt“ aus einem neuen Test namens „My Skills“ aus. Die Bundesagentur für Arbeit hat ihn zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung entwickelt und bietet ihn ab sofort in ganz Deutschland kostenlos für Arbeitssuchende an. Er dauert etwa vier Stunden; Teilnehmer absolvieren ihn in sicheren Testumgebungen am Computer, indem sie Videos und Bilder von typischen Arbeitssituationen gezeigt bekommen und Fragen dazu erhalten. Derzeit sind Tests für acht verschiedene Berufe in sechs Sprachen verfügbar, im Lauf des Jahres sollen 22 weitere Berufe hinzukommen. Das Ziel: Herauszufinden, ob in arbeitslosen Menschen ohne formellen Berufsabschluss versteckte Qualifikationen schlummern.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Insbesondere Geflüchtete und Zuwanderer, aber auch deutsche Arbeitslose ohne Berufsabschluss sollen auf diese Weise die Möglichkeit bekommen, einem potentiellen Arbeitgeber zu zeigen, was sie wirklich können – jenseits formeller Zertifikate oder Zeugnisse. Selbst wenn daraus nicht sofort eine Beschäftigung entsteht, sollen die Testergebnisse zumindest den Beratern und Vermittlern der Arbeitsagentur helfen, festzustellen, an welchen Stellen Weiterqualifikationen sinnvoll sind.

          Besonders in Bezug auf Flüchtlinge ist das Thema aktuell. Aus der Statistik der Arbeitsagentur geht hervor, dass im Februar 2018 etwa 477.000 Flüchtlinge in Deutschland als arbeitssuchend gemeldet waren; davon waren 179.000 als arbeitslos registriert. „Die Diskrepanz von knapp 300.000 Personen erklärt sich durch die Teilnahme an Integrationskursen, arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen, anderen Bildungsprogrammen und so weiter“, sagt Herbert Brücker, der den Migrationsbereich des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg leitet. Brücker ist sicher, dass 70 bis 75 Prozent der Geflüchteten über Berufserfahrung in ihrem Herkunftsland verfügen, „die aber ganz überwiegend nicht zertifiziert ist“. Berufliche Qualifikationen würden dort zum Teil in Schulen erworben oder „informell direkt in den Betrieben“. Hier könne der neue Test helfen, Fähigkeiten ans Licht zu bringen, die ansonsten unerkannt blieben.

          So sieht eine beispielhafte Aufgabe aus dem Test aus.

          15,2 Millionen Euro hat die Arbeitsagentur für die Entwicklung des Tests, für wissenschaftliche Begleitung, zusätzliches Personal, Räume und IT investiert; weitere 3 Millionen Euro hat die Bertelsmann-Stiftung zugeschossen. Derzeit gibt es den Test für Kfz-Mechatroniker, Verkäufer, Fachkräfte für Metalltechnik, Tischler, Köche, Landwirte, Hochbaufacharbeiter und Maler.

          Frank Frick, der bei der Bertelsmann Stiftung das Programm „Lernen fürs Leben“ leitet, sagt, die Profile seien danach ausgesucht worden, welche Tätigkeiten am deutschen Arbeitsmarkt besonders nachgefragt sind und welche Fähigkeiten die Zielgruppe mit hoher Wahrscheinlichkeit mitbringt. „Es nützt wenig, wenn etliche Syrer Erfahrungen im Goldschmiedehandwerk haben, aber in Deutschland kaum Goldschmiede gesucht sind.“ Unter den Berufen, die im Lauf des Jahres hinzukommen sollen, sind auch Bäcker, Altenpflegehelfer, Fachinformatiker mit Fachrichtung Systemintegration, Friseure, Kraftfahrer, Fliesenleger und einige mehr.

          Wie willkommen es der Wirtschaft sein dürfte, besser zu erkennen, wo informelle Qualifikationen schlummern, hatte erst am Dienstag eine neue Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages unter 24.000 Betrieben gezeigt: Mittlerweile können demnach ungefähr 1,6 Millionen Stellen längerfristig nicht besetzt werden.

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