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Flexible Arbeitsplätze : Umerziehungslager Büro

  • -Aktualisiert am

Keine Fotos, keine Kalender, kein privater Schnickschnack: die Schreibtische gehören jetzt allen Bild: Hannes Jung

Jeder sitzt, wo er will, niemand hat einen festen Platz, keine Fotos von Kindern und Katzen auf dem Schreibtisch: So erträumen sich Berater das flexible Büro der Zukunft. Das Problem ist nur: Die Mitarbeiter wollen nicht.

          Auf dem Weg in die Zukunft lässt sich ein Mann wie Jürgen Sauerwald nicht von Überraschungsei-Figuren aufhalten. Ganze Armeen kleiner Plastik-Schlümpfe und Pumuckls hat der Personalchef von B. Braun Melsungen mit der Zeit von Schreibtischen seiner Mitarbeiter vertrieben. Denn Schreibtische gehören hier niemandem mehr. Jeder Tisch wird abends blitzblank geräumt, jeder Mitarbeiter sitzt am nächsten Morgen anderswo.

          Sauerwald hat bei dem Medizintechnikkonzern das nonterritoriale Büro eingeführt. Der Bau einer neuen Firmenzentrale war 2001 der Anlass, eine neue Arbeitswelt zu schaffen, das papierlose Büro mit flexiblem Schreibtisch. Wie in vielen Betrieben war dem Planungsteam aufgefallen, dass nicht alle Kollegen jeden Tag im Büro sind. Es wäre Geldverschwendung, für jeden einen Platz freizuhalten. „Wir haben die gesamten Arbeitsprozesse optimiert“, sagt Sauerwald. Der Preis war eine Art therapeutisches Langzeitexperiment.

          „Wir leben dieses Konzept seit Sommer 2001. Ich würde sagen, dass sich die Mitarbeiter sehr gut eingelebt haben“, sagt Sauerwald. Doch er musste durchaus mit der Psyche mancher Kollegen ringen. Einige standen vor der Grenze ihrer Veränderungsfähigkeit. Dem Personaler war klar: Sein Projekt konnte nur Erfolg haben, wenn er kleinste Rebellionen unterdrückte.

          Die Arbeitnehmer hassen den Großraum

          Und so entriss Sauerwald den Leuten Lieblings-Mousepads und Lieblingslocher und ersetzte alles durch einheitliches Zubehör. Damit die Kollegen ihre Arbeitsfläche effizient nutzen, ließ er alle heimlichen Platzhalter entfernen, ob Fotos von Katze Schnurri oder saubere Papierstapel. Die Beharrungskräfte waren enorm. Aber enorm war auch Sauerwalds Wille. Wahrscheinlich braucht es einen Mann seines Kalibers, um die Idee vom flexiblen Büro umzusetzen. Sie wird seit Anfang der neunziger Jahre von Beratern und Architekten propagiert - als flexibel, produktiv, zukunftsfroh. Doch wo immer sich Arbeitgeber daranmachen - das Sparpotential von bis zu 60 Prozent Bürofläche im Blick -, stoßen sie auf enorme Widerstände. Sie stellen fest, dass ihre Leute sich blitzschnell auf den Kicker in der „chill out zone“ einstellen, aber dem Pferde-Kalender über dem Schreibtisch ewig hinterhertrauern.

          „Arbeitnehmer, die ihre Büroeinrichtung kontrollieren, arbeiten zufriedener“, sagt Elisabeth Arnold, Vorstandsmitglied im Verband der Betriebsärzte. Für sie ist das flexible Büro eine Quelle psychischer Pein. „Die Arbeitnehmer sind ohnehin enorm belastet, weil Hierarchien flacher werden und die Grenze von Arbeits- und Freizeit verschwimmt“, klagt sie. Flexible Sitzplätze würden den Trend zu psychischen Erkrankungen und Herz-Kreislauf-Leiden verstärken.

          Das mobile Büro bedeutet meist das Ende von Einzel- oder Doppelbüros. „Zu 98 Prozent findet man flexible Arbeitsplätze in Großraumbüros“, schätzt der Büromöbelverband. Und die Arbeitnehmer hassen den Großraum. Jeder Zweite fühle sich vom Lärm gestört, jeder Dritte klage über muffige Luft, fand die Universität Luzern heraus. Kein Wunder, dass die Zukunft zögerlich Einzug hält in deutschen Betrieben: „Vorherrschend sind Büroräume für ein bis zwei Nutzer“, ergab die jüngste Kundenumfrage des Büromöbelverbands. Auch die Idee des „Desk-Sharing“, dass mehrere Mitarbeiter sich Schreibtische teilen, sei praktisch bedeutungslos.

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