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Frauen in der Tech-Branche : „Der Durchschnittsmann ist nicht der Feind“

Robin Hauser beschäftigt sich mit den Biographien von Frauen in der IT-Branche. Bild: Robin Hauser

Robin Hauser ist Amerikanerin und macht Filme über Frauen in der Tech-Branche. Ein Gespräch über kreatives Programmieren, Männer als Verbündete – und ihre eigenen Vorurteile.

          Robin Hauser ist an einem sehr weißen Ort aufgewachsen: in San Francisco, Kalifornien. Noch dazu waren ihre Eltern „sehr traditionell“, wie sie sagt. Sie hat französische Literatur und Betriebswirtschaftslehre studiert und arbeitet heute als Regisseurin, Produzentin und Fotografin. Ihr Lieblingsthema: Frauen in der Tech-Branche. Ihr Film „Code - Debugging the Gender Gap“ war in mehr als 70 Ländern zu sehen, ihr neuester Film „Bias“ feierte im Frühsommer Premiere.

          Hanna Decker

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Sie machen Filme über Frauen in der IT-Branche. Wollten Sie jemals selbst Programmiererin werden?

          Ich habe mal einen Kurs besucht, 18 Stunden am Stück, Coding for Dummies. Ich wollte wissen, wie schwierig Programmieren für jemanden wie mich ist, der eher kreativ unterwegs ist. Und ich hab mich total gefreut zu merken, dass es gar nicht so schwer ist. Programmieren ist auch sehr kreativ: Man hat zwar ein Ziel, aber wie man das erreicht, das bleibt einem selbst überlassen. Das ist auch eine der wichtigsten Botschaften meiner Filme.

          Sie haben dann französische Literatur und BWL studiert. Wenn Sie nie programmiert haben, warum interessieren Sie sich für das Thema?

          Meine Tochter hat mal Informatik studiert. Ich habe sie dazu ermutigt, das zu tun. Gerade in unserer Heimat, in der Nähe des Silicon Valley, ist das ja eine sehr gefragte Fähigkeit. Aber nach ein paar Wochen im Studium hat sie angerufen und gesagt: Mama, ich kann das nicht. Ich gehöre nicht hierher.

          Weil in dem Studiengang nur Männer waren?

          Sie hat zu mir gesagt: Es gibt außer mir nur eine andere Frau im Kurs. Obwohl sie auch in den Klausuren immer sehr gut war, hatte sie permanent Zweifel an ihren Fähigkeiten. Und das ist ganz typisch für Frauen.

          Warum?

          Jungs und Männer spielen die ganze Zeit. Mit ihren Handys, am Computer. Sie wollen gewinnen, entwickeln Ehrgeiz – und lernen nebenbei die Logik, die auch hinter dem Programmieren steckt, ob bewusst oder unbewusst. Dafür müssen sie nicht mal das Spiel „hacken“; sie entwickeln ein ganz grundsätzliches Verständnis fürs Coden. Das Problem ist nur: Spiele werden so vermarktet, dass sie vor allem Jungen ansprechen. Vielen jungen Frauen fehlt deshalb ein grundsätzliches Verständnis fürs Coden, sind zwar interessiert, aber gerade nach der Schule noch etwas schüchtern, was ihre Fähigkeiten angeht.

          Wie ging es dann mit Ihrer Tochter weiter?

          Sie kam nach Hause und hat gesagt: Das war's. Ich dachte nur: Das ist doch verrückt. Nach Angaben des Weißen Hauses wird es zum Jahr 2020 eine Million unbesetzte Stellen für Programmierer in den Vereinigten Staaten geben. Oft sehr gut bezahlt, mit Einstiegsgehältern von 85.000 oder 90.000 Dollar. Und dafür braucht man nicht mal zwingend einen Abschluss. Wie kann das sein, dass diese Stellen unbesetzt bleiben? Wir blenden die Hälfte der Menschen einfach aus: Frauen und People of Colour.

          Meine Tochter hat dann ihren Abschluss in Kunstgeschichte gemacht, heute arbeitet sie in der Finanzbranche. Immerhin vier Programmierkurse hat sie gemacht. Aber sie war eindeutig der Grund dafür, warum ich angefangen habe, Filme über das Thema zu drehen.

          Sie haben „Code“, ihren ersten Film zu dem Thema, zuerst auf dem Tribecca Film Festival gezeigt, inzwischen läuft er auch auf Netflix und bei Amazon. Wie haben die Leute auf Ihren Film reagiert?

          Ich habe wie erwartet ziemlich viele sehr hässliche Kommentaren von Trollen bekommen, die schrieben: „Das ist lächerlich, die Gehirne von Mädchen funktionieren einfach anders als die von Jungs.“ Lauter so dumme Kommentare. Aber immerhin hat der Film eine Debatte ausgelöst, das ist gut. Gleichzeitig gab es auf den Film-Festivals Frauen, die sind zu mir gekommen, haben geweint und gesagt: „Oh mein Gott, danke für diesen Film, das ist genau meine Geschichte. Ich habe mich genau wie die Frauen im Film mein ganzes Leben lang gefühlt – aber ich dachte, ich wäre die Einzige, der es so geht. Danke, dass mich jemand versteht.“ Besonders freut mich, dass sich auch Leute außerhalb des Silicon Valley dafür interessieren, weil sie auch in anderen Branchen oft den Kürzeren ziehen. Ich glaube, letztendlich erzählt der Film eine viel größere Geschichte als die, die wir ursprünglich ins Auge gefasst hatten.

          Haben Sie auch mit Männern aus der Tech-Branche gesprochen?

          Ja, mit ein paar wenigen, aber es ist schwierig, Männer zu finden, die sich zu diesem Thema vor der Kamera äußern wollen. Viele sagten mir, der Film hätte ihnen im Nachhinein die Augen geöffnet. Sie hätten nie darüber nachgedacht, dass nur zehn Prozent Frauen bei ihnen arbeiten. Viele von ihnen stutzen zum ersten Mal, wenn sie Väter werden. Das ist doch erschreckend. Männer sollten sich über Gleichberechtigung Gedanken machen, egal ob sie eine Tochter haben oder nicht.

          In “Code“ gibt es ein Beispiel eines Teams von Männern, die den Airbag erfunden haben. Der hat zwar funktioniert, war aber nur auf die Körpergröße von Männern zugeschnitten. Wäre eine Frau im Team gewesen, wäre das wahrscheinlich nicht passiert.

          Ich sage nicht, dass Männer Frauen absichtlich diskriminieren. Der durchschnittliche Mann ist nicht der Feind. Ganz im Gegenteil, ich bin ein großer Fan von Männern. Ich glaube an Vielfalt. Ich glaube daran, dass wir alle zusammen arbeiten müssen. Nichtsdestotrotz: Der durchschnittliche weiße Mann wurde nie gezwungen, sich über solche Themen Gedanken zu machen. Deshalb bin ich besonders froh, wenn sich auch Männer die Filme ansehen. Viele Frauen nicken halt und sagen: “Ja klar, so ist das.“ Männer sehen das und denken: „Woho, verrückt. Wir müssen was tun.“

          Robin Hauser bei Dreharbeiten im Gespräch mit Kimberly Bryant, Gründerin von „Black Girls Code“

          A propos etwas tun: Viele fordern, dass schon Grundschüler Programmieren lernen. Sie auch?

          Ja, unbedingt, so früh wie möglich. Weil Mädchen dann merken, dass sie genauso gut darin sind wie Jungs. Es muss ja gar nicht jede oder jeder Programmierer werden, genauso, wie nicht jeder Mechaniker werden muss. Nichtsdestotrotz ist es wichtig, dass jede(r) zumindest ein grundsätzliches Verständnis davon hat, was Programmieren ist. Weil Algorithmen überall sind. In unseren Telefonen, in unseren Autos, in unseren Krankenhäusern.

          Ist das unterschiedliche Interesse auch eine Frage der Erziehung?

          Ich denke mal, die meisten Eltern würden von sich behaupten, dass sie ihren Sohn und ihre Tochter gleich behandeln, ich auch von mir. Aber viel gefährlicher sind unbewusste Vorurteile (unconscious bias). Wenn unsere Söhne uns etwas fragen, tendieren wir dazu, das ausführlicher und wissenschaftlicher zu erklären, als wenn unsere Tochter das tut. Und es ist erstaunlich, wie Kleinigkeiten im Gespräch schon einen enormen Einfluss auf unsere Kinder haben.

          Zum Beispiel?

          Meine Tochter sagt: „Ich will Mathe studieren“, und ich antworte: „Oh, ich habe in der Schule Mathe gehasst.“ Oder: „Bist du sicher, dass du Informatik studieren willst? Ich persönlich hasse ja Technik.“ Das sind alles kleine subtile Botschaften, die unsere Töchter aufnehmen. Kinder wollen doch die meiste Zeit sein wie wir. Wir sind die Vorbilder, zumindest bis zur Pubertät. Wir müssen echt aufpassen, dass wir unsere Kinder nicht für ihre Interessen verurteilen, auch nicht unterschwellig. Wir nennen Mädchen „süß“ und fragen Jungs, wie ihr Baseballspiel war.

          Sind Sie selbst schon einmal diskriminiert worden?

          Na klar. Erstens bin ich eine Frau. Zweitens bin ich blond. Leute sagen Dinge zu mir wie: „Mensch, du bist aber ernst.“ Ich habe mein ganzes Leben dafür gekämpft, gleich behandelt zu werden, genauso ernst genommen zu werden wie zum Beispiel mein Bruder. Ich bin in einem sehr traditionellen Haushalt aufgewachsen, und mein Vater hat mit meinem Bruder Dinge gemacht wie “Männerausflüge“. Und ich bin immer zu meinem Vater und hab gesagt: “Was soll der Quatsch, warum kann ich nicht mit?“ Irgendwann hat es auch mein Vater kapiert.

          Und im Beruf?

          Auch da. Ich mache noch nicht so lange Filme, „Bias“ ist erst mein dritter, aber ich habe Leute in meinem Team, die sind seit 20 oder 25 Jahren im Geschäft. Mein Stil ist sehr kooperativ, ich spreche mit vielen Leuten und beziehe ihre Sichtweisen in meine Entscheidung mit ein. Aber ich habe jetzt auch ein paar Mal Leute erlebt, die mich belehren wollten, denen ich klar sagen musste: Vielen Dank, aber ich bin die Regisseurin. Das wäre mir garantiert nicht passiert, wäre ich ein Mann.

          Es ist definitiv schwerer für Frauen, sich im Job zu behaupten. Das hat einerseits mit Testosteron zu tun, einerseits mit den gesellschaftlichen Umständen, in denen wir leben. Die Gesellschaft erträgt eher diejenigen Frauen, die sich unterwürfig geben. Ich glaube, es gibt keine Frau auf der Welt, die noch keine Diskriminierung erfahren hat. Deshalb ist die ganze MeToo-Bewegung auch so wichtig.

          Jeder Mensch trägt Vorurteile in sich. Reicht es, sich dessen bewusst zu sein?

          Ich glaube, das ist der erste wichtige Schritt. Niemand würde je von sich selbst sagen, er hätte Vorurteile. Wir sind ja alle so liberal und weltoffen; Vorurteile haben nur die anderen. Es ist physiologisch unmöglich, sich aller Vorurteile bewusst zu sein. Ich kenne ein paar meiner eigenen Vorurteile, aber ich mache mir mehr Sorgen um diejenigen, die ich nicht kenne.

          Welche Vorurteile haben Sie?

          Ich könnte nie zu einem männlichen Gynäkologen gehen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie er sich in einen weiblichen Körper hineinversetzen kann. Und ein anderes Vorurteil habe ich von meinen Eltern geerbt: Wenn jemand in Berkeley oder Stanford zur Uni gegangen ist, beeindruckt mich das mehr als eine No-Name-Uni im Lebenslauf. Auch wenn die Person noch so intelligent sein mag. Ich versuche, mich davon frei zu machen, aber es ist echt schwer.

          Sie halten auch Vorträge in Schulen, sprechen mit Mädchen über ihren Film. Welche Botschaft soll am Ende bei ihnen hängen bleiben?

          Erstens: Programmieren ist nicht nur für Jungs. Zweitens: Man muss nicht gut in Mathe sein, um Programmieren zu lernen, das ist ein Mythos. Programmieren kann sehr kreativ sein. Und drittens: Es wird in allen Branchen gebraucht. Danielle Steinberg von Gizmodo ist ein gutes Beispiel. Sie hat einen Ingenieursabschluss aus Harvard und jetzt programmiert sie animierte Filme. Programmieren heißt nicht einfach nur im Keller rumsitzen und Pizza essen.

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