http://www.faz.net/-gyl-8xgji

Projekt auf Sylt : Flucht auf die Insel

  • Aktualisiert am

Flüchtlinge aus Albanien und Eritrea im Dorfhotel in Rantum auf Sylt. Bild: dpa

Hotelfachmann oder Koch will kaum einer mehr werden. Das trifft auch die Insel Sylt mit ihren vielen Touristen. Ein Flüchtlingsprojekt soll jetzt Abhilfe schaffen.

          Besteck klappert gegen Porzellan. Abräumen, aufräumen, eindecken: Nach dem Frühstück ist vor der nächsten Mahlzeit. Dritan, der tatsächlich anders heißt, trägt kariertes Hemd, beige Schürze - und kümmert sich als Praktikant im Dorfhotel in Rantum um die Hinterlassenschaften Hunderter Gäste. Der 23-Jährige kam 2015 als Flüchtling aus Albanien über Griechenland nach Deutschland und schließlich nach Sylt.

          „In meinem Heimatland gibt es viel Korruption und keine Arbeit. Ich bin nicht sicher“, erzählt Dritan. Im Dorfhotel auf der Luxusinsel fragt er nun Urlauber, was sie trinken wollen. Im September will er dort im Programm „Festmachen auf Sylt“ eine Ausbildung beginnen. Es bietet derzeit rund 20 Migranten eine Perspektive - und könnte den Hotels und Restaurants ersehnte Fachkräfte bescheren.

          „Die machen das richtig gut“, lobt Gabor Hnizdo, Direktor des mit gut 500 Betten größten Hotels auf Sylt. Dritan und ein weiterer „Festmacher“ arbeiten bei ihm im Haus. „Sie werden von uns völlig gleich behandelt“, sagt er über das Projekt, das Industrie- und Handelskammer (IHK), Berufsschule, Arbeitsagentur, die Gemeinde sowie Hoteliers und Gastronomen gemeinsam stemmen.

          „Auf der einstigen Insel der Reichen und Schönen“, sagt Hnizdo, sei es „schön, so ein Projekt zu unterstützen“. Er weiß aber auch: „Es ist um Auszubildende in dem Gewerbe schlecht bestellt.“ Und schuld daran sei die Gastronomie selbst.

          „Arbeitszeiten sind nicht eingehalten worden, menschlich wurde das nicht anerkannt. Erst in den letzten Jahren hat sich das gewandelt“, sagt Hnizdo. „Inzwischen ist das schon mehr ein Geben und Nehmen. Doch der Markt ist leergefegt.“ Die Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), Sandra Warden, nennt die gute Konjunktur, sinkende Schülerzahlen sowie den Trend zum Studium als weitere Gründe.

          Köche und Hotelfachleute sind Mangelware

          Die Bundesagentur für Arbeit bestätigt diesen Trend. Im März 2017 seien bundesweit knapp 38.826 offene Stellen im Bereich Gastgewerbe und Hotellerie gemeldet gewesen. Das sind 1542 oder 4,1 Prozent mehr als noch im März 2016 (37.284). In Schleswig-Holstein zählen Koch (Platz 6) und Hotelfachmann (Platz 8) zu den Top Ten der unbesetzten Ausbildungsplätze. „Die Besetzung der Stellen ist nicht immer einfach. Hier müssen alle Wege genutzt werden“, sagt Margit Haupt-Koopmann, Chefin der Regionaldirektion Nord der Arbeitsagentur. Flüchtlinge seien ein Potenzial, das „gehoben werden kann“. Doch die Hürden, eine Ausbildung zu beginnen, sind für sie hoch.

          Zwar sei das Gastgewerbe „die Branche der Chance“, so Dehoga-Chefin Warden. Bundesweit könnten Flüchtlinge aber nur „mittelfristig einen kleinen Baustein zur Fachkräftesicherung darstellen.“ Noch fehle es an Qualifikation - vor allem Sprachkenntnissen. Auf Sylt arbeiten Berufsschule und Gemeinde dagegen gemeinsam an. Die Inselverwaltung zahlt zusätzliche Deutschkurse - unabhängig von Herkunftsland oder Aufenthaltsstatus. Selbst Besonderheiten Nordfrieslands würden vermittelt: „Der Tagesgruß hier oben ist nun mal Moin“, sagt Dritans Berufsschulleiter Finn Brandt.

          „Hier bin ich sicher und kann etwas tun, für meine Zukunft“, sagt Dritan, der in seiner Freizeit im Team Sylt III Fußball spielt. Gemeinsam mit seinen Kollegen isst er mittags in der Personalkantine Würstchen. Doch eine bedeutende Sache unterscheidet ihn: Sein Asylantrag wurde abgelehnt.

          „Das normale Prozedere ist, dass nun von der kommunalen Ausländerbehörde geprüft wird, ob ein Abschiebehemmnis vorliegt“, sagt Catharina Nies, die das Programm bei der IHK Flensburg koordiniert. Während des Praktikums kann er laut Landesinnenministerium eine Duldung erhalten, als Lehrling hat er auch Anspruch auf sie - für drei Jahre Ausbildung und zwei weitere Jahre. „Für uns ist es ein klassischer 3+2-Fall“, sagt Nies.

          „Ich weiß nicht, was kommt“

          „Ich muss hier bleiben“, sagt Dritan. „Bis jetzt habe ich diesen Vertrag, aber ich weiß nicht, was kommt.“ Unter anderem wegen dieser Unsicherheit auch für Firmen fordert die IHK, bei der Integration von Flüchtlingen auf dem Arbeitsmarkt nachzubessern. Das Ermessen der Behörden vor der eigentlichen Ausbildung sei zu groß, Firmen müssten mehr unterstützt werden - und die Wohnsitzauflage wegfallen, heißt es auch in einem gemeinsamen Papier der IHKs in Schleswig-Holstein.

          Eine Sprecherin von Landesinnenminister Stefan Studt (SPD) verteidigt die Praxis gegen die Kritik. Sie verweist auf einen geplanten Erlass, wonach Asylbewerber für einen Ausbildungs- oder Studienplatz umziehen können sollen. Sie betont aber auch den Unterschied zwischen Ausbildung und der vorangestellten Einstiegsqualifizierung wie bei Dritan. Und für Flüchtlinge, die bereits in einem anderen EU-Land Asyl beantragt haben (Dublin-Fälle), gelte die Norm nicht.

          „Wir wollen mit dem Projekt wachsen“, sagt Hotel-Chef Hnizdo zu den Regeln des Ausländerrechts. „Menschlich sind sie höchst willkommen, juristisch nicht.“ Inzwischen sei sein Haus mit knapp 90 Mitarbeitern für die anstehende Saison gerüstet. Für Sylt nicht selbstverständlich: Die Abgelegenheit der Insel und die hohen Mieten erschweren die Suche nach Fachkräften und Azubis zusätzlich.

          „Wir würden auch gern Kleidung einkaufen, aber es ist etwas teuer für uns“, erzählt ein anderer „Festmacher“ aus Eritrea. Der 21-Jährige ist das erste Mal auf einer Insel: „Ich kann nicht einfach in eine andere Stadt gehen.“ Hnizdo zahlt seinen Beschäftigten daher längst mehr als Tarif - und stellt 60 Betten in einem Personalhotel sowie Zugang zu Schwimmbad und Spa. „Wir haben elf Nationalitäten im Haus. Das ist Arbeit, aber das funktioniert schon“, sagt er. Auch Dritan möchte dort einziehen.

          Quelle: dpa

          Weitere Themen

          Das klassische Wirtshaus stirbt aus

          Dorfleben : Das klassische Wirtshaus stirbt aus

          Sie waren früher aus den Ortskernen in Deutschland nicht wegzudenken. Doch seit Jahren haben Gaststätten mit mangelnder Kundschaft und mit Regularien zu kämpfen. Das hat Folgen für die Dorfbevölkerung.

          Hurrikan „Irma“ verwüstet die Karibik Video-Seite öffnen

          Barbuda : Hurrikan „Irma“ verwüstet die Karibik

          Auf seinem Weg durch die Karibik hat der Hurrikan „Irma“ mehrere Menschenleben gefordert und schwere Schäden angerichtet. Auf der Insel Barbuda ist der Großteil aller Häuser zerstört - die Insel sei kaum bewohnbar, sagte der Ministerpräsident.

          Trump warnt vor „Irma“ Video-Seite öffnen

          „Aus dem Weg!“ : Trump warnt vor „Irma“

          Der amerikanische Präsident Donald Trump hat die von „Irma“ betroffene Bevölkerung aufgefordert, sich in Sicherheit zu bringen. Der Hurrikan hatte sich zuletzt über Kuba in Richtung der Inseln vor Floridas Küste gewälzt.

          Topmeldungen

          Da weiß man, was man hat: Der russischen Präsident Putin wird von Kanzlerin Merkel beim G20-Gipfel in Hamburg begrüßt.

          Bundestagswahl : Russland setzt auf Merkel

          In Moskau wird über die Bundestagswahl in viel milderem Ton gesprochen, als über die Präsidentenwahlen in Amerika und Frankreich. Man will Berlin schließlich wieder als Partner gewinnen.

          Streit ums Atomprogramm : Kim: Trump ist ein geistesgestörter Greis

          Kaum droht Donald Trump Nordkorea mit Zerstörung, zeigt Machthaber Kim Jong-un, dass er auch kräftig austeilen kann. Amerika werde „teuer bezahlen“. Sein Außenminister spricht vom Test einer Wasserstoffbombe auf dem Ozean.

          TV-Kritik: Schlussrunde : „Bleiben wir uns selbst treu“

          In der „Schlussrunde“ von ARD und ZDF fehlten die Kanzlerin und ihr Herausforderer. Sie verpassten damit eine gute Gelegenheit zum harten Schlagabtausch mit Alexander Gauland von der AfD.
          Wer ist der bessere Redner und wer hat mehr Führungsqualitäten? In fast allen Kategorien der Umfragen liegt die Kanzlerin vor ihrem Herausforderer.

          F.A.Z. Woche exklusiv : Die Wähler haben sich festgelegt

          Drei Viertel aller Wahlberechtigten haben sich laut einer Forsa-Studie entschieden, welche Partei sie am Sonntag wählen werden. Mit großen Überraschungen rechnen die Demoskopen nicht mehr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.