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Familie und Beruf : Zwischen Krippe und Visite

Kinderbetreuung und Familienfreundlichkeit spielt in vielen Krankenhäusern noch keine Rolle Bild: Roger Hagmann / F.A.Z.

Ärztinnen finden im Gesundheitswesen selten ein familienfreundliches Arbeitsumfeld vor. Dabei gerade ist in den Kliniken die Personalnot groß. Doch flexible Dienstpläne, Teilzeitarbeit und Kita-Plätze sind Mangelware.

          Nach der Geburt der Zwillinge ist Wiebke Lauterbach erst einmal zu Hause geblieben. Die Ärztin wollte sich um Grietje Marie und Gesche Helen kümmern, zumal der Vater viel unterwegs war. Von Anfang an war aber klar, dass sie nach einem Jahr wieder arbeiten gehen wollte. Das gestaltete sich schwieriger als erwartet. Zwar bot die Personalabteilung ihres Krankenhauses eine Halbtagsstelle an. Doch war das nicht das, was die Frau mit Anfang dreißig sich unter familien- und kinderfreundlich vorgestellt hatte: Statt einen halben Tag sollte die junge Ärztin jeweils einen halben Monat am Stück arbeiten.

          Andreas Mihm

          Wirtschaftskorrespondent in Berlin.

          Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) erzählt diese Geschichte oft. Besonders gern erzählt er sie, wenn er vor Krankenhausmanagern referiert, die darüber wehklagen, dass sie 5500 freie Arztstellen nicht besetzen könnten. Denn Rösler kennt den Fall Lauterbach in allen Facetten. Wiebke Lauterbach ist seine Frau. Der Arzt und ehemalige Sanitätsoffizier Rösler weiß, dass flexible Dienstpläne, Teilzeitarbeit und Kita-Plätze in vielen Krankenhäusern Mangelware sind. Viele Ärztinnen stünden vor der schwierigen Entscheidung, den Kinderwunsch aufzuschieben oder ihre berufliche Tätigkeit aufzugeben. Über Kind und Karriere in der Medizin wird auf Ärztetagen und Kongressen viel geredet - fast so viel wie über den drohenden Ärztemangel, die Alterung der Gesellschaft, die Abwanderung approbierter Mediziner in die Industrie, die wachsende Feminisierung der Medizin - sechs von zehn Studenten sind Frauen, Tendenz steigend.

          Die Spitzenpositionen in der Medizin besetzen die Männer

          Das sei doch offensichtlich, dass sich alle Beteiligten zusammentun müssten, um den Arztberuf und die Heil- und Pflegeberufe attraktiver zu machen, sagt Rösler. Dem Schluss würde sich auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft, welche die mehr als 2000 Krankenhäuser vertritt, nicht verweigern. Allerdings würde Hauptgeschäftsführer Georg Baum angesichts der Sparpolitik auch gerne wissen: „Was haben sich die Liberal-Konservativen eigentlich dabei gedacht, den Kliniken mehr als eine Milliarde zu nehmen und gleichzeitig Investitionen in attraktive Arbeitsplätze zu fordern?“ Familienministerin Kristina Schröder sagt voraus, Krankenhäuser und Arztpraxen könnten es sich bald nicht mehr leisten, „die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als reine Privatsache abzutun“. Sie und Rösler wollen im Frühjahr Vorschläge machen.

          Wer so lange nicht warten kann, sollte sich mit einem gerade vorgelegten Handbuch der Bundesärztekammer („Familienfreundlicher Arbeitsplatz für Ärztinnen und Ärzte, Lebensqualität in der Berufsausbildung“) befassen. Daraus erfährt man, dass deutsche Ärztinnen im EU-Vergleich weniger Führungspositionen einnehmen und außerhalb des Gehaltstarifs schlechter bezahlt werden als Männer. Mehr als neun von zehn Spitzenpositionen in der Medizin sind von Männern besetzt, aber Frauen stellen 40 Prozent des Personals. Der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank-Ulrich Montgomery, sagt, in der Wirtschaft habe ein Umdenken zugunsten familienfreundlicher Stellen begonnen. „Im Gesundheitswesen dauert dieser Prozess offenbar etwas länger.“

          Faustformel: Große Kliniken sind am familienfreundlichsten

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