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Business-Kleidung : Ein Anzug für ein neues Leben

  • -Aktualisiert am

Fühlt sich wie ein Superheld: Alfonso Washington gibt im geschenkten Anzug eine gute Figur ab. Bild: Career Gear

Eine Hilfsorganisation aus New York schenkt ehemaligen Sträflingen ein Business-Outfit für ihr Vorstellungsgespräch. Können Kleider Biographien verändern? Die Geschichte eines Ex-Häftlings in Freiheit.

          Wäre das Leben von Alfonso Washington ein Buch, für das man einen Titel finden müsste, könnte man viele Phrasen bemühen: „Eine Verkettung unglücklicher Umstände“, „Vom Regen in die Traufe“ oder „Kleider machen Leute“ - all das könnte man problemlos auf die Titelseite schreiben. Der 43 Jahre alte Washington sagt es anders, schonungsloser und mit einer tiefempfundenen Bitterkeit in der Stimme: „Mein Leben war lange ein Albtraum. Der amerikanische Staat hat es zur ausweglosen Hölle gemacht.“

          Dabei fängt Alfonso Washingtons Leben ganz normal, ja fast schon langweilig an. 1972 wird er in New York geboren. Sein Vater arbeitet beim Militär, seine Mutter ist Hausfrau. Die Eltern trennen sich schon vor seiner Geburt, und Washingtons Mutter zieht mit ihrem neuen Partner nach South Carolina. Zehn Jahre lebt die Familie im Südosten der Vereinigten Staaten. Washington geht hier zur Schule, hat mittelmäßige Noten. Er hat regelmäßig Kontakt zu seinem leiblichen Vater und den drei Kindern, die dieser mit seiner neuen Frau hat.

          1982 zieht Washington mit seiner Mutter, dem Stiefvater und seiner Halbschwester zurück nach New York. Gegen Ende seiner Schulzeit lernt er seine spätere Frau kennen und fängt an, nebenbei als Wachmann für eine Sicherheitsfirma zu arbeiten, damit sie sich eine eigene Wohnung leisten können. Sie bekommen einen Sohn, der heute 20 Jahre alt ist, und eine Tochter, die bald 18 wird. Bis heute gibt es für Washington nichts Wichtigeres auf der Welt als seine Kinder. Er sagt: „Sie sind mein Ein und Alles.“

          Keine Ausbildung, kein Studium

          Als Wachmann bleibt Washington hängen. Er beginnt keine Ausbildung und kein Studium. Es gibt dafür nie einen Grund, das Geld, findet er, reicht zum Leben. Irgendwann legt er sich eine Feuerwaffe zu. Ein Modell, das trotz der lockeren Waffengesetze in den Vereinigten Staaten zumindest in New York verboten ist. Er sagt, dass er nie etwas damit vorhatte. Er habe sie gekauft, weil fast jeder eine Waffe besitze. Eine plausible Antwort auf die Frage, warum er sich nicht eines der erlaubten Modelle zugelegt habe, hat er trotzdem nicht. Als die Polizei die Waffe bei einer Kontrolle entdeckt, wird Washington festgenommen. Kurze Zeit später kommt er auf Bewährung wieder frei.

          Der 9. Dezember 2001 ist der Tag, an dem alles anders wird im Leben von Alfonso Washington. Er selbst erzählt es so: Spätabends ist er auf dem Weg nach Hause, als ihn eine Kugel am Kopf trifft. Jemand hat ihn angeschossen. Washington fällt ins Koma. Vier Tage dauert es, bis er wieder aufwacht. Es dauert einige Wochen, bis er wieder laufen kann. Der Streifschuss hat einen Teil seiner motorischen Fähigkeiten beeinträchtigt. Wer ihn angeschossen hat, weiß Washington nicht. Er sagt: „Ich glaube, es war einfach ein Unfall und jemand anderes sollte getroffen werden.“ Langsam erholt er sich von der Verletzung.

          Im März 2002 wird er wieder festgenommen. Die Begründung: Er habe Mordpläne geschmiedet, ein Aufseher habe ihn während seines Gefängnisaufenthaltes darüber sprechen hören. Zwei Jahre später wird er schließlich zu weiteren zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Obwohl, so erzählt es Washington, keinerlei Beweise gegen ihn vorliegen - bis auf die Aussage des Gefängniswärters. Er selbst streitet die Pläne vehement ab.

          „Der Knast hat mein Leben zerstört“

          Washington ist fassungslos. Niemals hätte er mit diesem Prozessausgang gerechnet. Als er das Gefängnis 2014 verlässt, sind seine Kinder 18 und 16 Jahre alt. Den Kontakt zu seiner Tochter hält er bis heute. Sein Sohn kann sich noch immer nicht damit arrangieren, dass sein Vater so lange im Gefängnis saß. Seine Frau hat sich von ihm getrennt. „Der Knast hat mein Leben zerstört“, sagt Washington. Im Gefängnis muss er wie alle anderen Häftlinge arbeiten. Er näht Uniformen für die Gefängniswärter, anfangs für 8 Cent je Stunde. Später, als er schon eine Weile inhaftiert ist, für 26 Cent pro Stunde. „Ein Sklavenlohn“, findet er.

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