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Englisch : „Der sprachliche Provinzialismus gefährdet das Denken“

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Jürgen Trabant, 71, war Professor für Romanische Philologie in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Globalesisch oder was? Ein Plädoyer für Europas Sprachen“. Bild: Andreas Pein / F.A.Z.

Meeting oder Sitzung? Low Performer oder Versager? Was hat es eigentlich für Auswirkungen, wenn auf deutschen Bürofluren nur noch das Englische dominiert? Ein Interview mit den Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant.

          Herr Trabant, was unterscheidet ein Meeting von einer Sitzung?

          An der Sitzung nehmen der Herr Professor und die Frau Direktorin teil. Beim Meeting sitzen John, Peter und Wolfgang am Tisch. Hierarchien gibt es trotzdem. Da täuschen sich viele, die nach Amerika gehen. Sie denken, das ist mein Freund John. Dabei ist er natürlich der Boss, und jeder weiß das. Darin liegt eine Gefahr.

          Ist der Low Performer etwas anderes als der Versager?

          Er ist jedenfalls etwas anderes als der Pechvogel, der sagt: Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold, ich wandre in die Berge - wie es in Gustav Mahlers Lied von der Erde heißt. Das ist die europäische Sicht. Der Amerikaner bezieht die Schuld auf sich selbst.

          Verliefe der Change Process anders, wenn er Veränderungsprozess hieße?

          Sie wären zumindest weniger genervt und hätten nicht ständig das Gefühl, dass Sie eine Mogelpackung verkauft bekommen: Sie sollen etwas ganz normales Deutsches machen und müssen es sich auf Englisch aufhübschen lassen. Das hat einen Snob Appeal, der viele stört.

          Es geht gar nicht um das Englische - sondern um die Leute, die sich so ausdrücken?

          An den Anglizismen störe ich mich überhaupt nicht. Das nervt manchmal, aber darunter leidet nicht die deutsche Sprache. Die Frage ist eine andere: Müssen wir diesen Snobismus mitmachen?

          Darf sich ein Finanzkonzern noch Deutsche Bank nennen, wenn der Vorstandschef nur Englisch spricht?

          Das müssen die Aktionäre beurteilen, ob sie auf der Hauptversammlung Auskünfte in der Landessprache verlangen. Ich selbst fand es jedenfalls befremdlich.

          Ist eine Firma, die Englisch als Umgangssprache einführt, noch dieselbe wie vorher?

          Natürlich ändern sich damit das ganze Denken und das ganze Verhalten. Solange es um normierte Abläufe geht, ist das nicht gravierend. Aber zumindest die Führungskräfte übernehmen mit der Sprache auch einen ganzen Lebensstil. Sie schicken ihre Kinder auf eine englischsprachige Kita, Schule, Universität. Da muss sich eine Gesellschaft die Frage stellen, ob sie ihre ökonomischen Eliten einfach auswandern lässt. Es ist schon ein Problem, wenn sich eine ganze Gruppe von Menschen in eine andere sprachliche und kulturelle Welt flüchtet - wie die Aristokratie des 18. Jahrhunderts ins Französische.

          Eben: Im Mittelalter kommunizierten die europäischen Eliten auf Latein, im 18. Jahrhundert auf Französisch, heute halt auf Englisch. Wo ist das Problem?

          Damals gab es noch keine Demokratie, und es gab riesige Klassenunterschiede. Mit dem Bürgertum ist das Deutsche dann aufgestiegen. Und die Landessprache begünstigte das Entstehen von Demokratie, so war es in den meisten europäischen Ländern. Für eine Gesellschaft ist es gut, wenn sie sich in einer gemeinsamen Sprache verständigen kann. Was nicht bedeutet, dass die Eliten nicht mehrsprachig sein sollen. In Deutschland waren sie es immer. Und es ist auch gut, wenn viele Menschen mehrsprachig sind.

          Wie kann eine vielsprachige Demokratie in Europa funktionieren?

          Ich habe nichts dagegen, dass die Parlamentarier und die Eurokraten in Brüssel untereinander Englisch sprechen. Hauptsache, die Verwaltung funktioniert. Aber mit den einzelnen Ländern muss das Zentrum in der Landessprache kommunizieren. Wenn ich als lettischer Bürger einen Brief nach Brüssel schreibe, habe ich den Anspruch auf eine lettischsprachige Antwort. Das läuft im Moment nicht so gut, wie es laufen sollte.

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