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Elektronisches Fasten : Kein Anschluss unter dieser E-Mail

  • -Aktualisiert am

Überflutet? Vielleicht ist es Zeit zum E-Fasten! Bild: dpa

Viele Berufstätige sind so mit Kommunikation beschäftigt, dass sie ihre eigentliche Arbeit vergessen. Dann ist Zeit zum E-Fasten. Doch auch beim gezielten Abschalten sind einige Regeln zu beachten.

          Die digitale Kommunikation frisst immer mehr Arbeitszeit auf - mit unterschiedlichen Folgen. Einerseits ist es effektiv, über soziale Netzwerke Kunden anzusprechen. Andererseits kostet das Pflegen dieser Kontakte und das Lesen und Beantworten dienstlicher Mails enorm viel Zeit. Laut dem Branchenverband Bitkom erhielten Beschäftigte im Jahr 2011 im Durchschnitt noch elf dienstliche Mails am Tag. Drei Jahre später waren es schon 18. Jeder zehnte Beschäftigte, der dienstliche Mails nutzte, bekam 2014 sogar 40 und mehr am Tag. Inzwischen sind die Zahlen noch weiter gestiegen. Hinzu kommt, dass viele Arbeitnehmer nach Feierabend berufliche Mails checken.

          Um der digitalen Überlastung im Beruf vorzubeugen, gibt es einen neuen Trend: das digitale Fasten. Gemeint ist, dass Personen oder Teams für eine bestimmte Zeit auf digitale Kommunikation verzichten oder sie stark einschränken. Die Betriebswirtin Ulrike Stöckle aus Kandel in Rheinland-Pfalz hat sich auf die Beratung zum digitalen Fasten spezialisiert und bietet Seminare dazu an. Ihre Kunden, so erzählt sie, sind Medienschaffende, Selbständige, Personalmanager und Führungskräfte. Diese hätten festgestellt, dass der Zwang zur ständigen Erreichbarkeit wirtschaftliche und gesundheitliche Schäden anrichtet. „Durch neu eintreffende E-Mails werden die Menschen immer wieder aus ihrem Arbeitsprozess herausgerissen“, sagt Stöckle. „Das führt dazu, dass sie sich nicht mehr konzentrieren können.“ Aufgrund der vielen Unterbrechungen kämen sie auch nicht mehr in den Flow. Das ist ein Begriff aus der Glücksforschung: Wer konzentriert einer sinnvollen beruflichen Tätigkeit nachgeht, die er mag, erlebt Glücksgefühle, also den Flow.

          Von wirtschaftlichen Schäden spricht auch der Betriebswirt Günter Weick. Er versteht sich als Organisationsentwickler und E-Mail-Coach. Sein Unternehmen Softrust in Pullach im Isartal berät Führungskräfte dabei, die digitale Kommunikation maßvoll einzusetzen. Angefangen hat Weick damit 2001. Damals erzählte ihm der Manager eines Unternehmens aus den Vereinigten Staaten von einem seltsamen Phänomen: Wenn ein Fehler passierte, war es ihm nicht mehr möglich, einen Verantwortlichen ausfindig zu machen. „Es haben doch alle die betreffenden Mails in Kopie erhalten - warum hat niemand die Fehlentwicklung rechtzeitig erkannt?“, sagten die einen. Die anderen verwiesen auf die vielen Mails, die auf sie einprasselten: Da würde ihnen keine Zeit bleiben, auch noch die Nachrichten zu lesen, bei denen sie in „cc“ gesetzt worden waren. In der Anfangszeit berieten Günter Weick und seine Kollegen vor allem Kunden aus dem englischsprachigen Raum, wo Mails noch intensiver genutzt werden als in Deutschland. Doch seit etwa sieben Jahren hört Weick Klagen auch von hiesigen Unternehmen. Manche Mitarbeiter würden sich so intensiv um digitale Nachrichten kümmern, dass sie gar nicht mehr zu ihrem Kerngeschäft kommen. „Einige wissen gar nicht mehr, was ihr Kerngeschäft überhaupt ist“, behauptet er.

          „Wer E-Mails sät, wird E-Mails ernten“

          Auch die unsinnigsten Mails würden noch beantwortet. Weick erzählt von einem seiner Seminare: Ein Teilnehmer sandte an 60 Personen, alles gestandene Führungskräfte, probeweise eine unpassende Mail: „Bei Aldi sind die Bananen billiger als bei Lidl.“ Sofort erhielt er Antworten wie „Was soll das, Herr Kollege?“ oder „Ihre Mail erinnert mich daran, dass ich mit Ihnen noch die Angelegenheit XY klären will.“ Nach einer Stunde bekam der Mann sogar Nachrichten von Personen, an die er gar nicht geschrieben hatte.

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