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Doppelspitze : Mein Chef, dein Chef

Demonstranten thematisieren den Abgang der Deutsche-Bank-Doppelspitze auf einem Plakat. Bild: Reuters

Die Linkspartei führt sie ein, die Deutsche Bank schafft sie gerade ab: Die Doppelspitze. Aber warum braucht man überhaupt zwei Chefs? Und wie kann das gutgehen?

          Eine der ersten bekannten Doppelspitzen ist deutlich älter als zweitausend Jahre. Im alten Rom wählte das Volk jährlich zwei Konsuln, die das höchste militärische und zivile Amt der Republik bekleideten. Das Tandem stand dem Senat vor und befehligte die Armee, wobei sie sich im Kriegsfall sogar täglich abgewechselt haben sollen. Irgendwann setzte dann wohl der schleichende Machtverfall ein, und schließlich nahm der Imperator die Zügel in die Hand.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für Unternehmen.

          Die Idee der Doppelspitze, einer kollegialen Führung, ist also keinesfalls neu. Immer wieder ist die Führungsrolle in Wirtschaft, Politik oder Sport nicht in zwei, sondern in vier gleichberechtigte Hände gelegt worden. Befürworter dieser Strategie wie Sörge Drosten von der Personalberatung Kienbaum sagen, dass funktionierende Doppelspitzen in der heutigen Zeit eine Antwort auf die rasant wachsende Komplexität des Alltags sein können. Gerade für Unternehmen bestehe ein zu großes Risiko, wenn die Strategie für die Zukunft von einer einzigen Person abhängig ist. Drosten sagt außerdem: „Die Ära der großen Zampanos geht zu Ende.“ Moderne Führungskräfte seien vielmehr Teamplayer.

          Die Parteivorsitzenden von Bündnis 90/Die Grünen, Cem Özdemir und Simone Peter 2014 in Hamburg.

          Zurzeit steht die Idee besonders im Blickpunkt: Während die Linkspartei gerade die Inthronisierung ihrer neuen Doppelspitze in der Fraktion begeht, stellte Grünen-Ko-Chef Cem Özdemir unlängst das eigene Konstrukt in der F.A.Z. grundlegend in Frage. Das Deutschland-Geschäft der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs wird von einem Duo geführt, die Doppelspitze der Deutschen Bank hat dagegen gerade öffentlichkeitswirksam ihren Rückzug bekanntgegeben. Die große Frage lautet deshalb, wer es eigentlich besser kann: ein Chef, oder zwei?

          Verschiedene Logiken legen Aufgabenteilung nahe

          „Wissenschaftliche Studien über die Erfolge von Doppelspitzen gibt es bislang nicht“, sagt Torsten Biemann, Professor für Personalmanagement und Führung in Mannheim. In der Praxis tauche diese Konstruktion besonders dann auf, wenn verschiedene „Logiken“ in der Organisation existieren, die eine Rollenverteilung nahelegen, etwa bei künstlerischen Organisationen mit künstlerischem Direktor und geschäftsführendem Direktor. Oder bei Zeitungen mit Chefredakteur und Geschäftsführer. So könne man auch im Fall der Linkspartei argumentieren, findet Biemann. Hier die als brillante Rednerin geltende und in vielen Talkshows erprobte Sahra Wagenknecht für den linken Parteiflügel, dort der Stratege und Reformer Dietmar Bartsch.

          Auch die Deutsche Bank hatte solche Erwägungen, als sie dem polyglotten Anshu Jain, der zuvor die Investment-Sparte in London leitete, den eher bodenständigen und deutlich älteren Jürgen Fitschen als Partner an die Seite stellte. Fitschen sollte Jain auch sprachlich und kulturell die Eingewöhnung in Frankfurt erleichtern. Zumal die Deutsche Bank in der Vergangenheit schon gute Erfahrungen mit Doppelspitzen gemacht hatte. Doch Anfang Juni gab das aktuelle Führungsduo nach nur drei Jahren im Amt seinen vorzeitigen Rückzug bekannt. Vorgänger Josef Ackermann stand immerhin sechs Jahre als alleiniger Vorstandsvorsitzender an der Spitze, nachdem er schon vier Jahre als Vorstandssprecher hinter sich hatte. Laut einer Untersuchung der Strategieberatung Booz & Company sind Vorstandschefs im deutschsprachigen Raum im Durchschnitt etwas länger als sechs Jahre auf ihrem Posten.

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