http://www.faz.net/-gyl-7gucn

Doppel-Karrieren : Zwischen Rampenlicht und Kreißsaal

Bild: Cyprian Koscielniak

Architekt und Fotograf, Kinderarzt und Schauspieler, Sänger und Anwalt: Zwei Berufe auf einmal auszuüben, ist nicht immer eine doppelte Belastung. Es kann auch die Chance bieten, mehrere Talente gleichzeitig zu nutzen.

          Mit 20 hat man Ideen, mit 30 sind aus den einstigen Möglichkeiten meist Wirklichkeiten geworden. Hat man einen beruflichen Pfad eingeschlagen, ist der weitere Weg vorgezeichnet. Karrieren verlaufen in Linien, in Wellen oder mit Unterbrechungen. Wem der eingeschlagene Weg nicht gefällt, der kann nach neuen Möglichkeiten suchen. Auch sie werden später Wirklichkeit. All diese Modelle aber bedeuten Festlegung.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die wenigsten dagegen denken daran, mehreren Neigungen gleichzeitig professionell nachzugehen. Dabei gibt es viele Beispiele: den Juraprofessor, der plötzlich zum Bestsellerautor wird. Den Arzt, der nebenbei Gesellschaftsspiele erfindet. Oder die Drehbuchautorin, die ihre Passion durch eine Stelle als Stewardess finanziert. Für sie heißt es: Rollenerwartungen in zwei verschiedenen Welten zu erfüllen, aber auch: Autonomie durch Leidenschaft zurückzugewinnen. Und: durch fortlaufendes Experimentieren erstarrende Rollen zu vermeiden.

          „Zwei Seelen in der Brust“

          So geht es zum Beispiel Martin Plantikow. Der Frankfurter ist in einem Architekturbüro angestellt. Von 8 bis 17 Uhr plant und entwirft er Bürogebäude. Danach ist seine bald dreijährige Tochter dran. Und irgendwo ist noch Platz für die Fotografie. „Man glaubt nicht, wie viel leistbar ist“, sagt der 37-Jährige. Zwar gesteht er ein, im Zweifelsfall besser ohne die Architektur als ohne die Fotografie leben zu können. Doch sagt er auch: „Es ist sehr angenehm, dass ich über ein fertiges Foto nicht diskutieren muss. Das kann ich mir herausnehmen, weil ich von der Fotografie nicht abhängig bin.“

          Schon im Studium entwickelte sich seine Leidenschaft. An der neu gegründeten Uni in Wismar lagen die Fotostudios der Designer gleich neben den Ateliers der Architekten. Von der Gebäudefotografie tastete er sich langsam in Richtung Porträt. In Frankfurt fand er anschließend eine Stelle. Zwei Jahre später übernahm er einen Fotoauftrag für eine gut vernetzte Spa-Hotel-Managerin. „Ich habe einmal die richtige Person fotografiert“, erinnert er sich. „Das hat mir den weiteren Weg sehr erleichtert.“

          Ganz unweigerlich erfüllen Menschen mit zwei Jobs Rollenerwartungen, die von außen an sie herangetragen werden. Für seine erwachsenen Deutschschüler sei er immer der Kommunikative mit Führungsstärke, berichtet ein Doppelberufler, der auch als Drehbuchautor arbeitet. Als Schreiber werde er dagegen als versonnener Nerd wahrgenommen. „Ich habe zwei Seelen in meiner Brust. Mal dominiert die eine, mal die andere“, erzählt auch Thomas Bartling, der sich als Kinderarzt in einer Klinik um Frühgeborene kümmert und als Schauspieler sein Geld mit Fernsehauftritten und über Einsätze als Sprecher verdient. „Ich habe die zwei schönsten Berufe der Welt aus meiner Sicht.“

          Mit Disziplin und Einfühlungsvermögen

          Als Jugendlicher tönte Bartling mit einem Freund vor dem Fernseher: Was Gottschalk und Jauch zeigen, das können wir auch. Auf keiner Familienfeier ließ der Mediziner einen gespielten Sketch aus. Doch erst als eine Freundin ihm die Teilnahme an einem Schauspiel-Workshop schenkte, machte der heute 44-Jährige mehr aus seinem Talent. „Das war eine Initialzündung für etwas, das lange brach lag.“ Nach dem Workshop empfand er eine Leere, die nur die Schauspielerei füllen konnte. Ein befreundeter Profi stellte sich fünf Jahre lang als persönlicher Lehrer zur Verfügung. So holte Bartling eine Berufsausbildung nach - nur ohne Bühnenfechten. Für erste Einsätze wurde er als Model in der Printwerbung gebucht. Fernsehauftritte bei „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ und anderen Serien folgten. Theatereinsätze dagegen lassen sich wegen der zeitlichen Beanspruchung nicht mit dem Arztberuf verbinden.

          Beide Berufe befruchteten sich gegenseitig, sagt Bartling. Die Disziplin und die Lebenserfahrung aus der Medizin nutzten dem Schauspielen. Ein besseres Verständnis für die eigene Rolle helfe ihm als Arzt. Vom Improvisationstheater habe er die Fähigkeit mitgenommen, auf das Gegenüber einzugehen. „Außerdem merke ich besser, wann Patienteneltern wirklich bei mir sind“, sagt er. Seit er zwei Berufe ausübt, spürt er es, wenn sie seinen Befund nicht verstanden haben.

          Weitere Themen

          „Ich tauge nicht zum Prinzen“

          Schauspieler Ludwig Trepte : „Ich tauge nicht zum Prinzen“

          Zweiter Weltkrieg, deutsche Teilung, Wiedervereinigung: Nicht nur in „Deutschland 86“ spielt Ludwig Trepte sich durch die jüngere deutsche Geschichte. Dabei überragt er oft alle anderen – auch in seinen Nebenrollen. Ein Treffen.

          Die Sonne als Komplizin

          Sigrid Neuberts Fotografien : Die Sonne als Komplizin

          Sigrid Neubert hat viele Ikonen der Nachkriegsarchitektur richtig ins Licht gerückt und mit der Wirkung scharfer Kontraste gespielt. In Ingolstadt wird das Werk der im Herbst verstorbenen Fotografin ausgestellt.

          Topmeldungen

          Vereinigte Staaten : Wer kann Donald Trump besiegen?

          Sollen die Demokraten nach links rücken oder doch lieber die Mitte besetzen? Die Welt verfolgt gebannt den Ausgang des Richtungskonflikts in den Vereinigten Staaten. Nicht wenige hoffen auf eine Empfehlung des ehemaligen Präsidenten Obama.

          „Totale Verwüstung“ : Trump besucht Brandgebiet in Kalifornien

          Häuser, von denen nur noch die Schornsteine stehen und mehr als tausend Vermisste: Das Ausmaß der Brände in Kalifornien ist gewaltig. Donald Trump besucht einen besonders schwer betroffenen Ort – und zeigt sich erschüttert.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.