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Probleme der Digitalisierung : Wir lassen uns helfen, bis wir dumm sind

  • -Aktualisiert am

Schnell im Callcenter anrufen, schnell um IT-Hilfe bitten: Das ist zu einfach! Bild: dpa

Kennen Sie Digital-Noobs? Leute, die nur immer dringend wissen wollen, welchen Knopf sie jetzt gerade drücken müssen. Und am nächsten Tag sagen sie: „Ich hab vergessen, wie das ging.“ Genau so benehmen sich hierzulande ganze Unternehmen!

          Kinder möchten alles sehr früh selbst können. „Lass mich das allein machen!“ „Nein, das kannst du noch nicht. Warte, später bringen wir es dir bei – wenn du so weit bist!“ Später: „Schau, ich kann es! Ich kann es gleich, warte!“ Das Kind jubelt. „Nein, so ist es ganz falsch. Ich mache es jetzt einfach für dich, sonst dauert es zu lange.“ Das Kind wird rasend zornig und gebührend zurechtgewiesen, dann weint es bitterlich. Es weint von jetzt ab sehr oft, wohl, bis es groß ist. Dann kommen keine Tränen mehr, die haben sich mit der Zeit verhärtet und sich in tiefe Angst auskristallisiert – Angst, etwas selbst können zu müssen, ohne dass es tausendmal unter Aufsicht geübt worden ist.

          Ich möchte die digitale Inkompetenz speziell in unseren Unternehmen erhellen, die als dunkle Wolke über uns hängt. Kennen Sie Digital-Noobs? Also Leute, die nur immer gerade jetzt total dringend wissen wollen, welcher Knopf genau in diesem Moment gedrückt werden muss, damit ihr Problem sofort behoben ist? Und die beim selben Problem am nächsten Tag wieder um denselben Rat fragen? „Ich hab vergessen, wie das ging.“

          Maria Montessori ist berühmt dafür geworden, dass sie den kleinen Kindern zuhörte, die laut riefen: „Hilf mir, es selbst zu tun!“ Diesen brennenden Wunsch zu erfüllen ist der Kern der Montessori-Pädagogik. Die Kinder rufen: „Zeig mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld, meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger. Vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir auch Fehler zu, denn aus ihnen kann ich lernen.“ Was folgt daraus für den Erwachsenen? Er sieht sich gegenüber den Kindern in der Verantwortung des „Hilf ihnen, es selbst zu tun“. Na, das klingt zu einfach. Man muss es heute verschwurbeln. Ich meine: Fangen Sie doch bitte mit kompetenzverstärkender selbsthilfhelfender Enablement-Pädagogik an, die kompromisslos auf Empowerment mit dem Ziel des Self-Empowerment aus ist.

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          „Ich bin zu alt. Ich mache bestimmt alles falsch.“

          Lesen Sie diesen Kindesappell ein paarmal. Alles klar? So sehr sehnt sich ein unverdorbenes Kind – so waren Sie früher doch auch, glauben Sie es oder nicht. Und nun bringen Sie einmal einem erwachsenen Digital-Neuling Kniffe auf dem Smartphone bei. Er lässt sich alles installieren, dann etwas ungeduldig vormachen und muffelt schließlich rum: „Ich weiß ja nicht, ob ich das kann, ich bin zu alt. Ich mache bestimmt alles falsch.“

          So benehmen sich heute viele Unternehmen. Noob-Enterprises! Sie wollen absolut nichts selbst können, sie sind schließlich erwachsen. Sie haben Angst, eigene Wege zu gehen, sogar mehrere Versuche zu machen, mehr Zeit zu brauchen oder gar Fehler zu machen. Sie sehen aber rundum verwundert, dass die neugeborenen Kind-Unternehmen, die man Start-up nennt, genau wie Kinder handeln. Aber die Etablierten sind nicht mehr unverdorben, sondern profitabel. Wenn diese erwachsenen Unternehmen etwas Neues lernen sollen, dann warten sie, bis es für das Neue konkrete Anleitungen gibt, die sich an noch Unfähigeren schon tausendmal bewährt haben. Kurz, sie warten, bis es ohne Lernen geht. Vorher holen sie zu ihrer Beruhigung Berater, die ihnen unermüdlich gegen sehr viel Geld die neuen digitalen Kompetenzen predigen.

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