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Floskeln über Floskeln : Managersprache aus dem Satzbaukasten

  • -Aktualisiert am

Sprache: Manager scheinen sie nach bestimmten, vorgefertigten Schemata zusammenzubauen. Bild: Rainer Wohlfahrt

Viele Manager begnügen sich mit bloßem Beratersprech und schwelgen in verquasten Floskeln. Wie weit kommt man mit einer solch verschlafenen, nichtauthentischen Sprache?

          Na, zuerst einmal beobachtet Erik Flügge, „Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ – so der Titel seines Buches. Die Predigten sind einheitlich saft- und glaubenslos geworden. Wir gehen kaum noch hin. Im Autoradio gibt es noch rhetorisch wertvolle Kostproben. Man plaudert über eine seltsame menschliche Situation, die uns „hineinziehen soll“, dann folgen ein paar Brückensätze, und plötzlich erkennen wir, was Jesus dazu sagen würde: „Glaube, und alles wird gut.“

          „Neulich ging ich im Herbstwald spazieren, da prangte ein voller Ahornbaum unvergleichlich wunderschön in sonnig hellem Gelb. Aber da! Wie soll ich sagen? Ach, mein Herz pochte ganz überwältigt. Da sah ich ein Blatt, ein einziges Blatt, und das war rot, das war ganz feuerrot. Oh! Warum ist es anders als all die Myriaden der anderen Blätter? Böse Menschen würden nun ein Foto posten, aber mir selbst, ich war ganz verzückt, mir kam Jesus in den Sinn . . .“ Erst ein bisschen gefühlvolles Leben, dann fast übergangslos zum rührenden „Jesuspunkt“ – das war’s.

          Solch Predigtgeplätscher mag wohlgefällig in Ohren wallen, aber es ist vor allem wohlanständig und fühlt sich nicht verantwortlich, den Hörer im Glauben aufzurütteln. Der Prediger hat mit seinem Text kaum selbst zu tun. Er redet aus beruflicher Pflicht zu den wenigen Kirchenbesuchern, für die Aufwand kaum lohnt. Die Kirchen leeren sich, weil kein starker authentischer Glaube mehr in ihnen lebt. Wer leer spricht, wird nicht voll ernten.

          Verquaste Floskeln

          Wer sich als Manager mit bloßem Beratersprech begnügt, wer in verquasten Floskeln schwelgt, spricht ebenso leer und wird nicht voll ernten. Analog zum „Glaube, und alles wird gut!“ ist der Jesuspunkt im Unternehmen das „Motiviert euch, und alles wird gut!“ In den Kick-off-Reden freut man sich stets zuerst über das tolle Unternehmen und die Chancen der Welt, um an einem bestimmten Punkt wieder auf „Tut mehr, damit wir wachsen“ zu kommen.

          Erster Teil der Liturgie, die globale Lage: „Wir stehen vor einer Revolution. Die Globalisierung ist omnipräsent. Die Digitalisierung lässt keinen Stein auf dem anderen. Kostensenkungen sind das Gebot der Stunde, Innovation wird zur Überlebensfrage. Der Kunde steht im Mittelpunkt, Mitarbeiter sind das größte Gut, Exzellenz regiert unser Herz.“

          Gunter Dueck

          Zweiter Teil, die sogenannte Strategie: „Wir müssen wachsen. Das sind wir den Investoren schuldig. Wir wollen die Nummer eins werden, wir haben die besten Produkte und in Ihnen die besten Mitarbeiter. Der Markt ist da, die Kunden haben viel Geld. Unsere Chancen sind gigantisch, wir müssen nur nachhaltig ernten.“

          Dritter Teil, halbherzig routinierte Danksagungen zum Steigern der Spannung: „Das letzte Jahr haben wir gemeistert, es war aber etwas durchwachsen. Wir haben heroisch gekämpft, aber die großen Erfolge blieben aus, obwohl das Board hohen Druck auf Sie ausgeübt hat. Dafür danke ich allen Managern und natürlich auch den etlichen unermüdlichen Mitarbeitern, die wir ja auch haben, auch wenn das Ziel knapp verfehlt wurde.“

          Mitarbeiterkaltdusche

          Vierter Teil, jetzt mit der Mitarbeiterkaltdusche: „Wir erwarten in diesem Jahr einen ,Fast Start‘, ganz ohne Anfangsprügelei durch Ihren noch nicht operativen Chef. Schließlich bekommt ja jeder Manager zum Jahresanfang eine neue Aufgabe, in die er hineinwachsen muss. Wir müssen also tendenziell ahnungslos lange nachdenken, wie stark wir für Sie die Zielvorgaben anheben können, ohne Sie zu demotivieren. Das ist der Kern guten Managements und braucht seine Zeit, vor allem wegen unseres achtsamen Hinhörens auf die üblichen Entsetzensschreie. Los, los! Wir wollen nicht immer das verschlampte erste Quartal aufholen müssen. Das ist inakzeptabel, weil es uns nervt. Wenn die Ergebnisse nicht schnell besser werden, werden wir Ihnen in Meetings und Einzelgesprächen so lange helfen, bis Sie Ihren Widerstand gegen unmenschliches Leistungserbringen aufgeben.“

          Fünfter Teil, Awards: „Wir wollen jetzt einzelnen Mitarbeitern danken, die sich nicht zu schade waren. Wir ehren ein paar Innovatoren, die Ihnen unsere Zukunftskraft vor Augen halten sollen. Sie sehen, dass Hochleistung für jeden Einzelnen möglich ist, wenn er nur will. Erfolg ist kein Geheimnis, sondern eine Charakterhaltung. Wir müssen unsere Hausaufgaben machen. Das Management gibt Ihnen erreichbare Ziele. Es ist nun an Ihnen. Wir wollen nicht wieder ein Jahr sehen, in dem es an der Umsetzung hapert. Schuften Sie ohne Angst um Ihren Arbeitsplatz. Den garantieren wir jedem, der seine Ziele erfüllt.“

          Sechster Teil, das Motto: „Wir haben als Motto des Jahres ,Passion!‘ ausgewählt, dieses Wort muss mindestens bis zum Juli englisch ausgesprochen werden.“

          Alles klingt nach Routine

          Diese Liturgie folgt einem anderen Rhythmus als in der Kirche, die uns stereotyp mit seltsam gestelzten Wendungen und Betonungen ein etwas fremdes Gottesreich schildert. Der enttäuschte wirklich Gläubige bleibt fern, alle anderen bald auch. Aber ein nicht authentisches Zielprügelmanagement muss ertragen werden. Warum fasst das Management nicht einige der vielen sinnvollen inhaltlichen Entschlüsse, die man als Mitarbeiter jeden Tag heftig nickend in der Zeitung lesen kann? Warum ist immer von abstraktem Prozent-Wachstum die Rede, zu dem sich das Managementsprech unentrinnbar angezogen fühlt, warum wird nicht konkret über Glasfasern, Brennstoffzellen oder Precision Farming gesprochen? Warum hört sich nichtauthentisches Managersprech verschlafen an, so laut es auch ist?

          Das Management verreckt zunehmend an seiner routinierten Sprache. Es genügt zum Erfolg, Managementsprech im Stakkato zu bieten – so wie der Pfarrer routiniert predigt. Es kommt kein wirklicher Glaube auf, hier wie da. Gibt es denn keine Hoffnung? Die Politik ist schon an ihrer Sprache verreckt, aber es geht doch auch untot irgendwie weiter, ganz klar.

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