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Topmanager : Einsam an der Spitze

Omnipräsent und doch allein: Jeder zweite Unternehmensführer leidet bisweilen seelisch unter seiner Position. Bild: Corbis

Viele träumen vom Chefsessel, vom üppigen Gehalt und von der Macht. Doch der Preis, den Spitzenmanager bisweilen dafür zahlen, ist hoch: Termine beim Psychotherapeuten und einsame Nächte.

          „Melden macht frei!“ Das bekommt jeder Bundeswehrsoldat schon in der Grundausbildung eingetrichtert. Gemeint ist: Wer auf ein Problem stößt, das er nicht lösen kann, meldet es seinem Vorgesetzten. Der muss sich dann kümmern, und man selbst ist die Sorge los. So ähnlich läuft es in vielen Betrieben: Wer überhaupt nicht weiterkommt, geht zu seinem Vorgesetzten. Ist das Problem groß genug, landet es irgendwann beim Vorstandsvorsitzenden oder Geschäftsführer. Der kann es nicht weiter nach oben durchreichen. Was auch immer er jetzt unternimmt (oder unterlässt): Er bleibt verantwortlich. In sonnigen Zeiten ist das kein Problem oder macht sogar Freude. Wer repräsentiert nicht gerne ein Unternehmen, das hohe Gewinne erwirtschaftet, gute Löhne zahlt und ordentliche Dividenden überweist? Doch je mehr Gewitterwolken aufziehen, desto heftiger pfeift der Wind an der Bergspitze - und die Sehnsucht nach dem Basiscamp steigt.

          Christoph Schäfer

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Einen ausgewachsenen Orkan hat Marco Thomsen erlebt. Der Betriebswirt stand noch vor wenigen Jahren an der Spitze eines großen Solarunternehmens mit Milliardenumsatz und Hunderten Mitarbeitern. Doch es waren schlimme Zeiten für die Branche. Staatlich subventionierte Konkurrenten aus China drückten die Preise in den Keller. Ein Solarunternehmen nach dem anderen meldete Konkurs an, und auch Thomsens Unternehmen machte hohe Verluste.

          Für den Firmenchef war es ein täglicher Kampf mit sich selbst: Einerseits habe er an eine erfolgreiche Zukunft geglaubt. „Andererseits habe ich mich öfter gefragt, ob ich mir die Situation nicht schön male, um nicht ernsthaft über die Insolvenz und deren Konsequenzen nachdenken zu müssen.“ In besonders dunklen Stunden sah er seine bürgerliche Existenz gefährdet, denn die Verschleppung einer Insolvenz ist eine Straftat. Und für wirtschaftliche Schäden haftet der Vorstand dann persönlich. „Wenn ich mich damit beschäftigt habe, waren das echte, physische Schmerzen.“

          Thomsen ist niemand, der so etwas einfach dahinsagt. Er ist kein wehleidiger Mensch, im Gegenteil. Viele Kollegen und Mitarbeiter sehen in ihm einen idealen Manager. Sein Gang ist aufrecht, seine Stimme fest. Er verfügt über großen Ehrgeiz, einen scharfen Verstand und kann knallhart verhandeln. Nach drei Jahren Krise aber war er fertig: „Das hat sich in den letzten Monaten in einer extremen Schlaflosigkeit bemerkbar gemacht. Ich konnte nicht mehr abschalten, war in einer Endlosschleife.“ Permanent habe er gegrübelt, ob er nicht etwas übersehen habe. Einen Weg, das Unternehmen zu retten. „Das war eine Extremsituation mit realen gesundheitlichen Folgen.“

          „Das tue ich mir nicht mehr an!“

          Der 48-Jährige hat seine Lektion gelernt und den Besuch eines Psychotherapeuten hinter sich. Er ist zwar wieder Vorstand in einem der größten Unternehmen Deutschlands. An die Unternehmensspitze strebt er aber nicht mehr. „Wenn Sie nicht völlig verrückte Vorstellungen vom Leben haben, dann gibt es ein Einkommensniveau, ab dem es nicht sinnvoll ist, noch mehr Geld zu verdienen und dafür mehr Stress in Kauf zu nehmen.“

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          Überhaupt sei es eine Illusion zu glauben, dass man freier werde, je höher man aufsteige. Der Mann an der Spitze habe den Aufsichtsrat im Nacken, die Anteilseigner, die Mitarbeiter und die Medien. Bei Aktiengesellschaften kämen die Analysten hinzu, die Quartalszahlen und Transparenzpflichten. „Da sind Sie ein Getriebener.“ Viele erstklassige Kollegen sähen es genauso, beteuert Thomsen. „Die sagen: Ich gehe nicht mehr in ein börsennotiertes Unternehmen, das tue ich mir nicht mehr an!“

          Wegen seiner offenen Worte will Thomsen seinen wahren Namen nicht in der Zeitung lesen. De facto aber steht er mit seiner Sicht der Dinge keineswegs allein. Wenige Unternehmenslenker haben so krasse Erfahrungen gemacht wie er. Die Nachteile des Lebens an der Spitzenposition aber kennen alle.

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