http://www.faz.net/-gyl-z556

Der Stellvertreter : „Harry, hol schon mal den Wagen“

Bild: Cyprian Koscielniak

Loyal, talentiert und bescheiden soll er sein, der ideale Stellvertreter. Doch eines muss die Nummer zwei besonders gut können: die Schwächen des Chefs ausgleichen.

          Fast hätte es keiner gemerkt, aber dann lief er doch noch mit seinem Rotschopf durchs Fernsehbild. Josef Eichkorn, genannt Seppo, nahm in diesem Jahr am Halbfinale der Fußball-Champions-League teil. Schalke gegen Manchester United. Zwei bittere Abende gegen den englischen Vizemeister. Als Co-Trainer - als was auch sonst? Seit Eichkorn eine öffentliche Person ist, ist er die Nummer zwei. Das fing 1987 als Assistent von Helmut Schulte beim FC St. Pauli an. Horst Wohlers, Michael Lorkowski, Hannes Bongartz, Friedhelm Funkel, Wolfgang Frank: All diesen Platzhirschen diente er, bis er 2004 in Felix Magath seinen Traumpartner fand. Nur zwei Jahre war er selbst Cheftrainer. Seinem Vorgesetzten Magath folgte er nach Stuttgart und München, wurde Meister in Wolfsburg. „Auf“ Schalke endete in dieser Saison die Zusammenarbeit, weil Eichkorn es nach Magaths Entlassung vorzog, dem Verein statt dem langjährigen Partner die Treue zu halten.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Fußball ist es wie im Unternehmen: Eine kompetente Nummer zwei zu finden, die der Führungskraft als Sparringspartner dient, gleichzeitig aber nicht zu ehrgeizig ist, stellt sich oft als nahezu unmöglich dar. Und hat man erst einmal eine gefunden, will man sie nicht wieder hergeben. Meistermacher Ottmar Hitzfeld, der genauso wenig wie Bundestrainer Joachim Löw zu einem Gespräch über dieses Thema bereitstand, arbeitete jahrelang mit Michael Henke zusammen. Als dieser kurzzeitig die Verantwortung beim 1. FC Kaiserslautern übernahm, dauerte die Kooperation gerade viereinhalb Monate. Der Verein stieg anschließend aus der Bundesliga ab.

          Eine seltene Spezies

          Eine gute Nummer zwei ist eine äußerst seltene Spezies, hat Heiner Thorborg beobachtet. Seit 30 Jahren empfiehlt der Personalberater Unternehmen geeignete Führungskräfte. „Top ausgebildet, international erfahren, aber ohne Ehrgeiz - diesen Typus kenne ich nicht“, sagt er. „Niemand will sein Leben lang dienen.“ Fähige Vorstandsassistenten blieben gerade so lang, wie sie auf ihrer Position noch etwas lernen könnten. Gute Leute in der Reserve zu halten, sei praktisch unmöglich. Vor Jahren habe er am Markt Ersatz für einen Finanzvorstand gesucht, weil das Unternehmen intern keinen Stellvertreter aufgebaut hatte. „Aber niemand mit der angemessenen Qualifikation wollte auf den unwahrscheinlichen Fall warten, dass der andere ausscheidet.“

          Dennoch sind auch Vorstandsvorsitzende auf den Rat enger loyaler Mitarbeiter angewiesen. „Eine geeignete Nummer zwei suchen Sie nicht, die finden Sie in der Zusammenarbeit. Das ergibt sich im Laufe der Zeit“, sagt Hermut Kormann, Honorarprofessor der Zeppelin-Universität in Friedrichshafen. Ein Jahrzehnt lang war er „Vize“ des Maschinenbauers Voith, bis sein Vorgesetzter Michael Rogowski 2000 Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie wurde. „Ich war seine Nummer zwei und später sein Nachfolger, ohne dass die Organisation das bedauert hätte“, sagt Kormann. Unter ihm wurde Voith zu einem weltumspannenden Konzern mit mehr als 30.000 Mitarbeitern. „Solange der Vorgesetzte da ist, muss man die Rangfolge akzeptieren. Die Nummer eins sein zu wollen, ist dann die falsche Denkkategorie.“ Meist verzichteten Konzerne darauf, einen offiziellen Assistenten ins Amt zu heben. Doch einen Widerpart brauche jeder Chef.

          Keiner muss so enden wie Harry

          Keine Nummer zwei muss so enden, wie Harry Klein, der für einen Satz („Harry, hol schon mal den Wagen“) berühmt wurde, der so nie gefallen ist. „Harry, wir brauchen den Wagen, sofort“, weist Oberinspektor Stephan Derrick (gespielt von Horst Tappert) seinen Assistenten Klein (Fritz Wepper) in Folge zwei der berühmten Krimiserie an. „Ich kümmere mich drum“, erwidert der gehorsam. 24 Jahre lang kam er nicht aus dieser Rolle heraus. Derrick blieb der Chef, Klein der Assistent. „,Harry, hol schon mal den Wagen' wird sein Leben lang den Wagen holen“, sagt Personalberater Thorborg. Solche Harrys brauche ein Unternehmen nicht. Vielmehr müsse die Nummer zwei etwas haben, was der Chef nicht bieten könne, sagt der Soziologe Torsten Groth. „Anerkannte Komplementarität“ nennt der Geschäftsführer des Management Zentrums Witten das. „Wenn die Nummer zwei etwas kann, das die Nummer eins nicht beherrscht und dafür Anerkennung erhält, kann das eine äußerst stabile Beziehung sein“, sagt er. Manche Unternehmenslenker aber konzentrierten sich auf strategische Fragen, während die Nummer zwei die Firma operativ führe. „Läuft es gut, lag es am Chef, läuft es nicht, war es die Nummer zwei“, beschreibt Groth diese unproduktivste Art von Verbindungen.

          Weitere Themen

          Ryanair-Piloten streiken noch im Juli Video-Seite öffnen

          Mitten in der Urlaubsphase : Ryanair-Piloten streiken noch im Juli

          Am Donnerstag hatten etwa hundert Ryanair-Piloten erstmals überhaupt in Irland gestreikt. Es geht vor allem um ein transparenteres Lohn-, Beförderungs- und Versetzungs-System. Die Gewerkschaft kritisiert, die Karrieren der Piloten hingen stark vom Wohlwollen der Vorgesetzten ab.

          Kiebitz Video-Seite öffnen

          Kiebitz : Kiebitz

          Der Kiebitz ist in Hessen selten geworden. Doch Tierschützer wollen dem bedrohten Vogel nun helfen.

          Topmeldungen

          Nach Treffen mit Putin : Amerikas Rechte stehen hinter Trump

          Donald Trump muss für sein Treffen mit Wladimir Putin Kritik von allen Seiten einstecken. Der rechte Teil seiner Basis steht hinter ihm – auch, weil viele Unterstützer der „Alt-Right“ eigene Verbindungen nach Russland haben.
          Hier werden sie hinter einer Panzertür aufbewahrt: Goldbarren lagern in einem Tresor

          Mehr Sicherheit : Das Gold im Garten vergraben

          An welchem sicheren Ort lagern Sie Ihr Gold? Anleger wollen im Hinblick auf Risikofaktoren wie einen drohenden Handelsstreit eigentlich Sicherheit – doch Gold lassen sie bisher links liegen und der Preis fällt auf Ein-Jah­res-Tief. Was ist da los?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.