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Marshmallow-Test : Nimm mich!

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Die Schaumzucker-Leckerei kann Psychologen als Probe dazu dienen, ob ihre Probanden zum „Belohnungssaufschub“ fähig sind - genannt wird das dann „Marshmallow-Test“. Bild: Picture-Alliance

Was haben Marshmallows mit der Karriere zu tun? Eine ganze Menge, wie der berühmte Test von Walter Mischel beweist. Warum Sie nicht gleich nach dem erstbesten Bonbon greifen sollten, das der Chef Ihnen vor die Nase hält.

          Das Experiment, mit dem der Neuropsychologe Walter Mischel von der Columbia University in New York zu einer Art Pop-Star in der Wissenschaft geworden ist, klingt so einfach wie simpel: In den sechziger Jahren hat er amerikanische Vorschulkinder vor einen Marshmallow gesetzt und ihnen erklärt, dass sie eine zweite Süßigkeit als Belohnung bekommen, wenn sie zwanzig Minuten den Marshmallow unberührt lassen. Wenn sie allerdings den Snack vor Ablauf der Zeit aufessen oder eine Klingel betätigen, um das Aufsichtspersonal in das Labor zu holen, müssen sie sich mit nur einem Marshmallow zufriedengeben. Der Test fiel unterschiedlich aus: Einige Kinder aßen den Marshmallow sofort auf oder scheiterten schon nach wenigen Minuten; andere hielten ohne Probleme die vorgeschriebene Zeit durch - und wieder andere setzten ausgeklügelte Methoden ein, um sich abzulenken und das hochgesteckte Ziel zu erreichen. Das Experiment ist zum Klassiker geworden und wird auch von der Werbung kopiert.

          Über das Experiment und seine Folgen hat Walter Mischel jetzt nach all den Jahren ein Buch geschrieben: „The Marshmallow Test. Mastering Self-Control“. Dabei stellt der Psychologe, der 1933 in Wien geboren wurde und in die Vereinigten Staaten emigriert ist, nicht nur die bekannten Ergebnisse der ersten Studie dar. Mischel erklärt auch, wie die Resultate mit den späteren Lebensleistungen der Versuchspersonen zusammenhängen, und genau das macht das Werk so spannend. Die Kinder, denen es gelang, durchzuhalten und die süße Schaumzuckerware nicht zu essen, haben Jahrzehnte später erfolgreichere Wege im Berufs- und im Familienleben eingeschlagen als jene Kinder, die weniger Willensstärke zeigten. Mischels Hypothese lautet deshalb: Wer über eine starke Willenskraft verfügt und sich auf langfristige Ziele konzentriert, hat bessere Chancen, ein erfolgreiches und zufriedenes Leben zu führen.

          Nun könnte man davon ausgehen, dass Mischel mit seinen Thesen einen biologischen Determinismus propagiert: Entweder wir werden mit Willensstärke geboren - oder wir sind verdammt dazu, unserem genetischen Hang zur Faulheit zu erliegen. Doch das ist nicht der Schluss, den der Neurowissenschaftler zieht. Ganz im Gegenteil: Obwohl er davon ausgeht, dass die genetische Apparatur eine Tendenz zu hoher oder niedriger Willensstärke vorgibt, macht er ebenso deutlich, dass es von der Freiheit jedes Einzelnen abhängt, die Fähigkeit zur eigenen Selbstkontrolle zu verbessern. Auch jene Menschen, die nicht das Glück hatten, mit der richtigen Genetik ausgestattet zu sein, eine gute Schule zu besuchen oder aufmerksame und motivierende Eltern zu haben, können ihr Gehirn auf Erfolgskurs bringen.

          Reizobjekte aus Fühl- und Sichtweite verbannen

          Und hier kommen die Kinder aus dem Marshmallow-Test ins Spiel: Aufschlussreich für Mischels Analyse sind besonders jene, die verschiedene Tricks einsetzten, um die zwanzig Minuten zu überstehen. Sie haben dem Wissenschaftler gezeigt, was man tun muss, um den „inneren Schweinehund“ auszutricksen und ein Ziel zu erreichen. Man kann den Test deshalb symbolisch verstehen und auf alle Lebensbereiche übertragen: Im Alltag kann der zweite Marshmallow für eine Beförderung stehen, die mehr Zeit, Geduld oder Arbeit erfordert; oder für einen kleineren Bauch, für den man auf Süßigkeiten verzichten will; oder für einen Partner, dem man trotz Verlockungen treu bleiben möchte.

          Mischel erteilt denn auch handfeste Ratschläge auf Basis seiner Beobachtungen. Jene Kinder, die besonders erfolgreich waren, lenkten sich ab. Sie drehten sich vom Objekt der Begierde weg, fingen an zu zappeln, zu lachen, Musik zu machen oder eine andere Beschäftigung im Raum zu suchen, um den Marshmallow zu vergessen. „Wenn die Belohnung sichtbar war, war es für die Kinder höllisch schwer, auf den zweiten Marshmallow zu warten. Wenn die Belohnung bedeckt war, war es viel einfacher, der Versuchung zu widerstehen.“

          Das funktioniert auch bei Erwachsenen, behauptet Mischel. Wenn wir etwa an der Dokumentation eines Projekts arbeiten, aber ständig an unseren Facebook-Account denken, dann sei es hilfreich, entweder das Smartphone wegzulegen, den Internet-Browser zu schließen oder das Telefon auf Flugmodus zu schalten, um der Versuchung bewusst zu widerstehen. Bei einer Diät funktioniere das Prinzip ähnlich - und auch bei dem schönen Kollegen, den wir bei einem Kongress kennenlernen, ebenso. Wenn wir mögliche Reizobjekte aus der Fühl- und Sichtweite verbannen und uns unsere eigentlichen Ziele bewusst vor Augen führen, haben wir eine größere Chance, unsere Vorsätze auch erfolgreich einzuhalten.

          Einfach mal eine Fliege hinzudenken

          Zudem zeigt die Marshmallow-Studie, dass es hilfreich ist, wenn man sich die abstrakte, größere Belohnung, auf die man lange hinarbeitet, ganz konkret vorstellt. Zugleich sollte man sich die falsche, kurzweilige Belohnung schlechtreden. „Wenn wir im Restaurant sitzen, der Kellner kommt und uns einen Nachtisch präsentiert, müssen wir uns einfach eine Fliege hinzudenken - und schon vergeht uns der Appetit.“ Darüber hinaus empfiehlt der Psychologe Mischel, sich das zukünftige „Ich“ mit der höheren Belohnung bildlich auszumalen. Wenn wir also in einem Beruf feststecken, den wir nicht mögen, motiviert uns wahrscheinlich der Gedanke, dass wir durch konzentrierte Arbeit, Geduld und Ausdauer in zehn Jahren auf einem ganz anderen Platz sitzen werden. „Diese bewussten Vorstellungen wirken Wunder.“

          Besonders wichtig sei hierbei eine positive Motivation. Ob beim Sport, bei der Diät, bei der Projektarbeit oder im Umgang mit Kindern - wenn wir optimistisch nach vorn schauten, seien wir einfach motivierter, einen zielstrebigen Weg zu gehen, behauptet Mischel. „Wir müssen uns vorstellen, dass wir es schaffen können, wenn wir nur hart genug dafür arbeiten. Es klingt banal: Aber pessimistische Menschen tendieren dazu, nach den sofort verfügbaren Belohnungen zu greifen, anstatt sich für ein hochgestecktes Ziel zu entscheiden.“

          Arbeitspsychologen sind sich einig, dass Mischels Strategien den Berufserfolg zwar nicht garantieren, aber die Chancen darauf um ein Vielfaches erhöhen. Seine Experimente zeigen, welche Energie die Phantasie als Motor für Motivation freisetzen kann. Auch deutsche Wissenschaftler wie etwa der Verhaltensökonom Matthias Sutter machen darauf aufmerksam, dass Geduld für die erfolgreiche Karriereplanung eine enorm wichtige Fähigkeit ist: Wer sich nicht sofort für das Erstbeste entscheidet, sondern mit Hilfe der Phantasie sich auf die Zukunft konzentriert und sofortige Belohnungen aussetzt, ist eher dazu bereit, hart zu arbeiten und ein „besseres Später“ anzusteuern. Geduldige Menschen machen weniger Schulden, planen realistischer, erliegen nicht den ersten, falschen Impulsen, sind zukunftsorientiert und insgesamt zufriedener. Das fängt bei der Berufsausbildung an und hört bei der Rente auf.

          Das heiße System ist wenig alltagstauglich

          Das lässt sich neurowissenschaftlich erklären: Mischel unterscheidet zwischen heißen und kalten Zonen in unserem Gehirn. Das limbische System, das sich im Zentrum des Gehirns befindet, sei für primitive Bedürfnisse wie den Sexualtrieb, Hunger und Angst zuständig. Es sagt uns, dass wir besser sofort nach der Schokolade, dem Sex, dem schnellen Geld oder dem erstbesten Job greifen sollten. Als Ausgleich fungiere das kalte System im präfrontalen Cortex. Es ist im Vorderhirn verortet und reguliert schwer aktivierbare Prozesse wie rationales Denken, langfristige Entscheidungen und die Selbstkontrolle. Das heiße System steht im ewigen Widerstreit mit dem kalten. Es hat tendenziell eine höhere Wirkung auf uns, weil es jahrtausendelang eine wichtige Funktion im Überlebenskampf gespielt hat. Es ist der Teil im Kopf, der uns sagt, dass wir Fernsehen schauen statt joggen sollten.

          In vielen Situationen ist es gut, dass wir über dieses heiße System verfügen: Es macht uns bewusst, dass wir die Schokolade essen müssen, bevor wir verhungern. Oder weglaufen, wenn wir ein Raubtier sehen. Das heiße System denkt an das Hier und Jetzt. Es ist in gefährlichen Situationen lebensrettend. In vielen Alltagssituationen hingegen, die im Beruf oder in der Familie eine große Rolle spielen, steht es im Widerspruch mit unseren langfristigen Zielen: etwa gesund zu leben, anstatt Süßigkeiten zu essen; oder auf eine Beförderung zu warten, anstatt sich mit dem Status quo zufriedenzugeben.

          Mischel behauptet, dass wir das kalte System aktiv trainieren können. Dazu sei vor allem die mentale Einstellung wichtig: Der Neurowissenschaftler rät, wichtige Entscheidungen nicht in Stress- oder Ausnahmesituationen zu treffen, sondern seine Optionen in ruhiger Umgebung nüchtern abzuwägen. Stress aktiviere unser heißes System. Es hilft, sich nach dem Aufstehen, wenn ein neuer Tag beginnt, die Tagesziele ganz bewusst vorzusagen. Wer sich vor den Spiegel stellt und sich laut davon überzeugt, ein Projekt realisieren zu wollen, anstatt seine Zeit auf Facebook zu vergeuden, hat höhere Chancen, seine Tagespläne umzusetzen - wie die Kinder beim Test, die sich laut vorsagten, den Marshmallow auf keinen Fall anzurühren.

          Die richtige Erziehung erspart viel Training im Erwachsenenalter

          Einen ähnlichen Ratschlag gibt Gabriele Oettingen, Psychologin an der New York University und an der Universität Hamburg. Sie ergänzt Mischels Ansatz und plädiert dafür, positives und realistisches Denken zu kombinieren. Dabei gibt sie folgenden Tipp auf Basis ihrer Untersuchungen: „Man muss an sein Ziel denken, das man ansteuern will. Man muss sich für einige Minuten vorstellen, das Ziel zu erreichen. Und dann muss man den Gang wechseln und sich vorstellen, welche Hindernisse man dafür überwinden muss.“ Dieser zukunftsorientierte, realistische Brückenschlag „von jetzt auf morgen“, bei dem man positiv denkt und sich zugleich die Hürden bewusst macht, sei die beste Strategie, um seine Karriere erfolgreich zu planen.

          Alle wissenschaftlichen Ansätze sind sich in einer Überlegung einig: Wer seine Willenstärke verbessern will, muss über die richtige Einstellung verfügen. Glaube versetzt ja bekanntlich Berge. Das Gehirn ist ein enorm flexibles Organ, das wir unabhängig von unserer Herkunft trainieren können. Diesen Spielraum gilt es auszunutzen. Gleichzeitig lässt sich aus Sicht der Forschung nicht bestreiten, wie wichtig eine gute Schulbildung und eine kritische Erziehung für berufliche sowie familiäre Erfolge sind. Institutionen und Eltern geben die wichtigsten Impulse für die lang anhaltende Entwicklung von Neugier und Wissensdurst.

          Die richtige Erziehung erspart viel mentales Training im Erwachsenenalter. Dabei wird jedem Elternteil geraten, seine Schützlinge nicht zu bemuttern, sich der Kuschelpädagogik zu widersetzen und zu lernen, auch mal „nein“ zu sagen. Auf diese Weise lernen Kinder, sich auf ein Leben zwischen Autonomie und Selbstkontrolle vorzubereiten, wo man Geduld aufbringen und Stolpersteine aus dem Weg räumen muss, um seine Lebensträume zu realisieren - und Süßigkeiten mal links liegenlassen muss. Zumindest eine Weile lang.

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