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„Charta der Vielfalt“ : Ein bisschen bunter, bitte

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Die tausendste Unterschrift: DFB-Präsident Theo Zwanziger unterschreibt die „Charta der Vielfalt” Bild: obs

Gemischte Teams sind erfolgreicher - das glauben tausend Unternehmen und Organisationen, die die „Charta der Vielfalt“ unterschrieben haben.

          Die tausendste Unterschrift unter der „Charta der Vielfalt“ sollte etwas Besonderes sein, fand Aletta Gräfin von Hardenberg, die seit März den gleichnamigen Verein in Berlin führt. Mit einer Unterzeichnung der Charta verpflichten sich Unternehmen, Behörden und Vereine, die Vielfalt ihrer Mitarbeiter gezielt zu fördern - Geschlecht, Nationalität, Alter oder sexuelle Orientierung sollen bei den Charta-Mitgliedern also kein Karrierehindernis sein. Im Gegenteil. Durch gezieltes „Diversity Management“ wollen die Unternehmen möglichst bunt gemischte Teams fördern. Die Idee dahinter ist: Je mehr Vielfalt ein Unternehmen in der Belegschaft zulässt, desto erfolgreicher ist es - weil sich jeder Mitarbeiter mit seinen individuellen Stärken einbringen kann.

          Die tausendste Unterschrift unter dieses Bekenntnis zur Vielfalt setzte gerade der Deutsche Fußball-Bund (DFB) in Gestalt seines Präsidenten Theo Zwanziger. Für Aletta von Hardenberg war der Fußballverband ein „Wunschkandidat“ für die tausendste Unterschrift, denn gerade der Fußball zeige eindrucksvoll, dass Leistungsbereitschaft und Können wichtiger seien als etwa die Herkunft der Spieler. Darin stimmt ihr DFB-Präsident Zwanziger zu. Der Jurist sieht seinen Verband als idealen Botschafter für die Diversity-Initiative: „In den deutschen Auswahlmannschaften wird Vielfalt schon lange gelebt und ist ein echter Erfolgsfaktor“, sagte er nach der Unterzeichnung der Charta im Frankfurter DFB-Haus. Immerhin habe fast die Hälfte des WM-Kaders im vergangenen Jahr einen Migrationshintergrund gehabt, bei der Jugendauswahl U 17 liege der Prozentsatz sogar noch höher.

          Gemischte Teams sind erfolgreicher - diesen Gedanken unterschreiben auch Konzerne wie BASF, Daimler, die Deutsche Bank und McDonald's. In der Charta heißt es: „Wir können wirtschaftlich nur erfolgreich sein, wenn wir die vorhandene Vielfalt erkennen und nutzen.“ Die Vielfalt der Mitarbeiter soll also nicht als Selbstzweck gefördert werden, sondern vor allem den Unternehmensgewinn steigern. Die Beratungsgesellschaft Roland Berger rechnet in harten Zahlen vor, dass sich Diversity Management auszahlt: Rund 21 Milliarden Euro könnte die deutsche Wirtschaft sparen, wenn sie auf mehr Vielfalt in den Unternehmen setze.

          Nur eine Frau im DFB-Präsidium

          So gelten Betriebe mit einem toleranten Arbeitsklima als attraktivere Arbeitgeber, Mitarbeiter fühlen sich ihrem Unternehmen stärker verbunden und wechseln deshalb weniger häufig den Arbeitsplatz. Und nicht zuletzt können Unternehmen durch Diversity Management gerichtlichen Streitigkeiten mit ihren Mitarbeitern vorbeugen - oder auch abwehren. Denn ist die Belegschaft bunt gemischt, haben es klagende Arbeitnehmer oder Bewerber schwerer, eine Diskriminierung mit Indizien zu untermalen. Und muss der Arbeitgeber den Gegenbeweis erbringen, hilft ein wohldokumentierten Diversity Management. 80 Prozent der von Roland Berger befragten Unternehmen sehen Diversity deshalb als wichtig für ihren Geschäftserfolg an.

          Doch ob Bewerber und Mitarbeiter wirklich auf bessere Aufstiegschancen hoffen können, wenn ihr Arbeitgeber Diversity Management betreibt, ist fraglich. Denn zumindest in den Führungsetagen der Unternehmen ist von Vielfalt und gemischten Teams bisher wenig zu sehen.

          Das gilt selbst für die Unternehmen, die öffentlichkeitswirksam die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet haben. So findet sich im 18-köpfigen DFB-Präsidium zum Beispiel nur eine einzige Frau: die Verantwortliche für Frauen- und Mädchenfußball. Von den 13 Unternehmen, die im neu gegründeten Verein aktiv sind, haben acht gar keine Frau im Vorstand. Eine Studie der Managementberatung Boston Consulting Group belegt den Verdacht, dass im Top-Management doch noch alle gleich aussehen: 93 Prozent der Vorstandsmitglieder in 40 zufällig ausgewählten europäischen Großkonzernen sind männlich, 86 Prozent stammen aus Europa, und 49 Prozent sind zwischen 51 und 60 Jahren alt. Auch die öffentliche Diskussion um Frauenquoten und die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte zeigt, dass die meisten Unternehmen von einem funktionierenden Diversity Management noch weit entfernt sind.

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