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Im Gespräch: Dietmar Fink : „Fingerspitzengefühl lässt sich nicht digitalisieren“

Dietmar Fink lehrt BWL mit Schwerpunkt Unternehmensberatung an der Hochschule Rhein-Sieg. Bild: Graham Trott

Die Künstliche Intelligenz ändert das Berufsbild der Unternehmensberater. Aber wie? Der BWL-Professor Dietmar Fink hat da ganz genaue Vorstellungen.

          Werden Unternehmensberater künftig durch Künstliche Intelligenz ersetzt?

          Tillmann Neuscheler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Völlig ersetzt werden sie sicherlich nicht. Denkbar ist aber, dass es in einigen Jahren so eine Art „Beratungs-App“ gibt. Manager fragen dann nicht mehr einen Berater, was sie strategisch tun sollen, sondern ein Computerprogramm mit Künstlicher Intelligenz.

          Ist das nicht Science-Fiction?

          Na ja, die großen Beratungshäuser nutzen heute ja schon selbst viele Programme, die ihnen bei Einzelfragen helfen.

          Aber sie nutzen die Programme doch nur als Hilfsmittel. Beraten wird immer noch von Beratern.

          Bislang schon. Interessant wird die Frage, ob sie irgendwann diese Programme verkaufen und aus der Hand geben, damit der Kunde direkt darauf zugreifen kann.

          Können Sie ein Beispiel nennen, was solche Apps können?

          Ja. Stellen Sie sich vor, ein Handelsunternehmen aus Amerika will auf den deutschen Markt und fragt: In welchen Städten soll ich zuerst Filialen eröffnen? Früher haben Berater dafür monatelang recherchiert und analysiert. Heute gibt es dafür Programme, die auf umfangreiche Datenbanken zugreifen, die etwa demographische Daten mit Erfahrungen ähnlicher Fälle aus der Vergangenheit verknüpfen und daraus lernen und somit gute Empfehlungen abgeben können.

          Wie denken die Berater darüber?

          Das ist faszinierend. Sie können heute viel schneller beraten als früher.

          Aber Sie glauben, solche Programme könnten die Berater irgendwann auch überflüssig machen?

          Darüber machen sich die Berater jedenfalls selbst auch schon Gedanken. Die Jüngeren sind da ganz offen. Die Älteren sind tatsächlich eher skeptisch und fürchten die Kannibalisierung. Sie fürchten: Wenn wir unser Wissen in einer App verkaufen, dann braucht uns der Kunde irgendwann nicht mehr in Einzelprojekten. Die Frage, wie man damit künftig umgehen soll, beschäftigt derzeit tatsächlich viele Berater.

          Und wie wird es gehandhabt?

          In den meisten Fällen dürfen nur Kunden, die eine Beratungsdienstleistung einkaufen, eine Zeitlang auf die Apps mit Künstlicher Intelligenz zugreifen. Die Programme selbst werden nur selten aus der Hand gegeben.

          Aus Angst, der Kunde braucht die Berater sonst nicht mehr?

          Ja, zum Teil. Aber tatsächlich muss man mit den neuen Technologien auch umgehen können. Man muss die richtigen Fragen stellen. Und die Antworten richtig interpretieren. Das braucht viel Erfahrung.

          Die Berater bleiben also doch unersetzlich?

          Nicht ganz. Vieles, was bislang teure Berater gemacht haben, werden künftig Maschinen tun können – vor allem das Sammeln von Daten, das Systematisieren von Daten und das Erkennen von Mustern in diesen Daten. Auch wenn es darum geht, aus diesen Mustern Empfehlungen abzuleiten, werden Programme mit Künstlicher Intelligenz menschliche Arbeit teilweise ersetzen, weil sie viel größere Massen von Informationen verarbeiten können.

          Aber?

          Wenn Empfehlungen in die Praxis umgesetzt werden müssen, geht es immer auch darum, Menschen zu überzeugen. Oft sind das ja schwierige Entscheidungen, von denen viele Manager und Mitarbeiter betroffen sind. Die wollen nachvollziehen, wieso eine bestimmte Strategie eingeschlagen wird. ANTWORT: Da ist viel Psychologie und Fingerspitzengefühl gefragt. Das lässt sich nicht digitalisieren.

          Wenn datenbasierte Analysen wichtiger werden, fürchten die großen Beratungshäuser dann nicht, dass irgendwann die Internet-Giganten wie Google oder Amazon auf den Geschmack kommen und auch ins Beratergeschäft einsteigen?

          Ja, richtig. Mit ihrem Datenschatz und ihren Algorithmen könnten sie sicherlich vielen Unternehmen und Managern beratend helfen. Wenn etwa Google in die Managementberatung einsteigen würde, könnten sie rasch zu einer echten Größe im Beratungsgeschäft werden. Sie haben wertvolle Daten und auch die Technologien, diese Daten zu verarbeiten.

          Klingt fast bedrohlich.

          Ob sie das machen wollen, ist eine andere Frage. Die Aussagen von Google dazu sind widersprüchlich.

          Was glauben Sie?

          Das ist hochspekulativ. Die traditionellen Beratungshäuser könnten Glück haben, dass Google das Feld der Unternehmensberatung nicht groß genug ist. Die arbeiten schließlich an den ganz großen Fragen unserer Zeit: an selbstfahrenden Autos und so.

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