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Berufswechsel : Nie mehr eigentlich

  • -Aktualisiert am

Bootsverleih statt Handyvertrieb: Ein Berufswechsel birgt viele Risiken, kann aber auch sehr glücklich machen Bild: picture-alliance/ dpa

Der Ingenieur wäre eigentlich lieber Arzt geworden, die Sekretärin lieber Lehrerin. Manche wagen einen zweiten Anlauf - und bereuen es nie. Denn trotz der Risiken kann eine zweite Karriere richtig glücklich machen.

          Acht harte Jahre hatte Karen Degorce im Vertrieb des französischen Handyherstellers Sagem hinter sich. Das Unternehmen hatte die fröhliche Dolmetscher-Studentin aus der Bretagne als Messe-Hostess in Deutschland kennengelernt und vom Fleck weg für den Aufbau seines Deutschland-Geschäfts engagiert. „Das war eine Riesenchance ohne Grande Ècole. Ich wollte es ein Jahr lang ausprobieren“, sagt Karen Degorce im Rückblick. Mutterseelenallein begann sie von Paris, später von Köln aus Kontakte zu Netzbetreibern, Großhändlern und Kunden aufzubauen. „Für einen allein war das viel zu viel. So etwas kann man wirklich nur jungen Leuten zumuten.“ Sie war offenbar jung genug, jedenfalls hatte sie Erfolg – bis 2008. Da stagnierte das Geschäft, Degorce sehnte sich nach ihrem Heimatland. „Als ich frisch verliebt drei Monate an Venezuelas Küsten entlang segelte, da habe ich verstanden, dass es mit dem Mobilfunk aus war.“

          Damit erfüllt sie ein typisches Muster für Berufswechsler: Eine innere Veränderung – hier der Wunsch, nicht mehr ständig zu reisen, sesshaft zu werden – mündet in eine äußere. „Ich wäre in Paris untergekommen, aber ich bin ein Naturmensch, der mit Segeln, Surfen und Wellenreiten aufgewachsen ist. Mein Traumjob ist am Wasser“, berichtet die fünfunddreißigjährige Französin. Ein Bekannter bot ihr an, mit ihm den Motorbootverkauf und -verleih seiner Eltern an einem See in den französischen Hochalpen zu übernehmen. Sie schlug ein. Die beiden neuen Partner nahmen einen Kredit auf, wurden ein Paar und traten besagte Segeltour an. „Wir müssen niemanden mehr fragen, wie wir unseren Betrieb führen“, schwärmt Degorce von ihrem neuen Berufsleben. „Und unsere Kunden sind Urlauber mit einem strahlenden Lächeln und etwas Geld.“ Sie verdiene jetzt zwar nur noch ein Drittel ihres früheren Gehalts. „Dafür habe ich aber auch nicht das Gefühl, dass ich arbeite.“ Die Lebensqualität stimme. Zusammen mit ihrer kleinen Tochter und deren Vater will sie diesen Winter wieder zwei Monate auf Segeltour gehen.

          Kunstgalerie statt Kinderklopapier

          Wolfram Schnelle führte die Leidenschaft für Kunst zum Richtungswechsel. Als BWL-Student entdeckte er seine Liebe zu Bildern. „Ich verbrachte Stunden in den Museen, danach hatte ich mehr Energie als vorher.“ Seine Praktika machte er im Auktionshaus Sotheby’s und in der Galerie Mummery in London, startete dann aber eine klassische Managerkarriere im Konsumgüterkonzern Procter & Gamble, kümmerte sich um die Markenpflege von Pampers und Kinderklopapier. „Das professionelle Umfeld gefiel mir, die Verantwortung.“ So gehörte zu seinen Aufgaben, aus den Verkaufsdaten von Windeln Werbemaßnahmen abzuleiten und zu budgetieren. „Dafür, dass ich zwölf Stunden am Tag arbeitete, füllte mich das aber nicht genug aus.“

          Deshalb profitiert inzwischen die Galerie, die er als Praktikant kennengelernt hatte, von Schnelles Marketing-Knowhow. 2007 tat er sich mit dem Galeristen zusammen, Mummery+Schnelle heißt das Unternehmen nun. Gemeinsam trommelten sie Geld von privaten Investoren zusammen, um vom szenigen Osten in den etablierteren Westen Londons umziehen zu können. Das erste Jahr war extrem erfolgreich, dann kam die Finanzkrise. „Ich habe die Realität eines Selbständigen kennengelernt“, sagt der Einunddreißigjährige dazu. „Trotzdem bereue ich meinen Schritt keine Sekunde. Das Leben hier ist wunderbar.“

          Finanziell bedeutet der Neustart oft einen Rückschritt

          Keine Frage: Wer neu anfängt, braucht Mut, um sicheres Terrain aufzugeben. Gerade in Deutschland ist es schwierig, eine Aufgabe zu übernehmen, ohne „per Urkunde und Berufserfahrung Kenntnisse darin nachweisen zu können“, sagt der Heidelberger Berufsberater Frank Daalmann. „Auch viele Tarifstrukturen basieren auf Berufsjahren, so dass ein Neustart finanziell oft einen Rückschritt bedeutet.“ Nicht umsonst machen sich viele Berufswechsler selbständig, nicht umsonst bilden Familienväter mit Eigenheimhypothek unter ihnen eher die Ausnahme. „Ein gewisser Leidensdruck sollte da sein, bevor man alles über den Haufen wirft“, sagt Daalmann. Der nächste Schritt in seiner Beratung sei es, sich über die eigenen Stärken und Lebensziele klarzuwerden, über den Wert von Sicherheit und Freiheit, Geld und Erfüllung.

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