http://www.faz.net/-gyl-93uif

Wer braucht noch Dolmetscher? : Englisch kann doch jeder!

  • -Aktualisiert am

Einsatz mit Zwischentönen: Gerade im Englischen kommt es auf die richtige Wortwahl durch die Dolmetscherin an. Bild: AFP

Viele Beschäftigte sprechen gut Englisch und stehen permanent in Kontakt mit Kollegen und Geschäftspartnern rund um die Welt. Wozu braucht es da noch professionelle Übersetzer?

          München wird gerne ein Millionendorf genannt. Was, bitteschön, ist ein Millionendorf? Kürzlich hat Weihua Li dieses Wort den etwa 30 Unternehmern aus China erklärt, die er durch die bayerische Landeshauptstadt geführt hat. Wenn der 40 Jahre alte Dolmetscher den Begriff einfach so ins Chinesische übertragen hätte, hätten seine Zuhörer ihn wohl nicht verstanden. Die Städte im Reich der Mitte funktionieren anders. Weihua Li, der in einem armen Dorf in China zur Welt kam und mit sechs Jahren zum ersten Mal eine Stadt betrat, ist das wohl bewusst. Sein Anspruch ist, dass seine Kunden die deutsche Kultur besser verstehen. Er erlebt oft Situationen, in denen das Dolmetschen sehr anspruchsvoll ist. „Menschen, die eine Rede mit vielen Begriffen halten, die sie selbst nicht verstehen“, nennt er ein Beispiel. Er versucht, sich gut auf das Thema und die Personen vorzubereiten, um für alle Fälle gewappnet zu sein.

          Weihua Li hat in China Germanistik und in Bayern Vergleichende Kulturwissenschaft studiert. Er ist als „Öffentlich bestellter und allgemein beeidigter Dolmetscher und Übersetzer für Chinesisch“ tätig. Mit diesem Titel darf der Münchner zum Beispiel für ein Gericht oder einen Notar dolmetschen oder beglaubigen, dass ein Dokument wie etwa ein Uni-Zeugnis korrekt übersetzt wurde. 80 Prozent seiner Kunden kommen aus der freien Wirtschaft. Stadtführungen, sagt Li, bietet er nur selten an, „denn das gängige Honorar entspricht nicht meinen Erwartungen“.

          Der Geruch der großen, weiten Welt

          Dolmetscher: Dem Wort haftete früher der Geruch der großen, weiten Welt an. Man dachte an Menschen, die viel reisen und Prominente persönlich kennenlernen, an Geheimverhandlungen und wichtige Konferenzen. „Das ist der beste Beruf der Welt – vielseitig, man kommt viel herum und lernt immer wieder etwas Neues“, sagt Regina Baumert aus Berlin, die wie die meisten Menschen ihrer Zunft selbständig tätig ist. Sie ist Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin für Englisch. Andere Dolmetscher wollen mit dem Übersetzen nichts zu tun haben, da die Honorare deutlich schlechter sind. Übersetzer befassen sich mit schriftlichen Texten, während bei Dolmetschern das Mündliche im Vordergrund steht. Sie sind bei Verhandlungen dabei, übertragen Interviews live im Fernsehen oder sitzen während einer Konferenz in einer Dolmetscherkabine. Dort sind sie übrigens meist zu zweit oder dritt tätig: Eine Kollegin übernimmt einen Vortrag, die andere nach 20 Minuten den nächsten. Eine Dolmetscherin stellt dafür Teams zusammen, wobei die persönliche Chemie stimmen muss.

          Viele Dolmetscher sind ständig in Erwartung des nächsten Auftrags. „Ich reagiere in der Regel innerhalb von zwei Stunden auf die Anfrage eines Kunden“, sagt Karin Walker, Konferenzdolmetscherin für Englisch. Eine Kollegin von ihr, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, klagt: „Als Dolmetscherin hast du keine Zeit fürs Familienleben. Deshalb sind viele Kolleginnen Singles.“

          Weitere Themen

          Aufruhr in der Perle Afrikas

          Ugandas Jugend : Aufruhr in der Perle Afrikas

          Die Ugander rebellieren gegen den betagten Machthaber Yoweri Museveni. Ihr Idol ist der Rapmusiker Bobi Wine. Der wurde verhaftet und gefoltert – und steht nun vor einer schweren Entscheidung.

          Düstere Winterreise

          Tenor : Düstere Winterreise

          Bevor er singt, will er ganz genau wissen worüber und fühlt sich in den Text ein: Der junge portugiesische Tenor probt intensiv.

          Topmeldungen

          Superschnelles Internet : Warum mit 5G die Funklöcher nicht verschwinden

          Der neue Mobilfunkstandard für superschnelles Internet soll vieles besser machen. Die Politik will den Ausbau vorantreiben. Doch die Netzbetreiber haben Angst vor hohen Kosten – sie drohen, an anderer Stelle zu sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.