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Berlins Bürgermeister Müller : „Man kann auch als Handwerker glücklich sein“

Ein Mitarbeiter der Druckerei Schindler in Heidelberg füllt blaue Farbe in eine Bogen-Offset-Druckmaschine. Auch Michael Müller, Bürgermeister von Berlin, arbeitete vor seinem Gang in die Politik als Drucker. Bild: dpa/dpaweb

Michael Müller ist einer der wenigen deutschen Spitzenpolitiker ohne Abitur. Manchmal könnte er sich deshalb in den Hintern beißen, sagt er. Doch dass er den Abschluss nicht hat, bringt ihm auch Vorteile.

          Im Dezember 2014 hat Michael Müller seinen Parteigenossen Klaus Wowereit als Regierenden Bürgermeister in Berlin abgelöst. Mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung spricht er über sein Scheitern auf dem Gymnasium, die Jahre als Drucker und den Reiz, in der Politik Karriere zu machen.

          Ralph Bollmann

          Korrespondent für Wirtschaftspolitik und stellvertretender Leiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Herr Müller, Sie sind einer der wenigen Spitzenpolitiker in Deutschland ohne Abitur. Haben Sie es je bedauert, dass Sie den Abschluss nicht gemacht haben?

          Klar habe ich manches Mal gedacht: Ich könnte mir in den Hintern beißen wegen meiner schulischen Karriere. Es ist leider in unserer Gesellschaft nun mal so, dass dann aus formalen Gründen einige Türen zu sind. Heute beschäftigt mich das persönlich natürlich nicht mehr allzu sehr.

          Auch Ihre Eltern hatten nicht studiert: Ihr Vater war Drucker, Ihre Mutter hatte einen Kosmetiksalon. Gab es eine Erwartung, was Sie beruflich machen würden?

          Ursprünglich wollte ich gerne etwas Naturwissenschaftliches machen. Das war auch durchaus der Wunsch meiner Eltern. Bedrängt habe ich mich aber nie gefühlt.

          Nach der Grundschule gingen Sie aufs humanistische Gymnasium, mit Latein und Altgriechisch. Das ist auch unter Bildungsbürgern ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

          In der Tat: Das hatte es in meiner ganzen Familie noch nicht gegeben. Die Hoffnung war, dass mit dieser umfassenden Bildung dann wirklich alle Türen offenstehen. Dass nicht schon in der fünften Klasse eine Richtung vorgegeben wird, sondern dass man mit dieser humanistischen Bildung alles machen kann - von der Theologie bis zur Raumfahrt.

          War das ein großer Kulturschock, von der Tempelhofer Grundschule aufs humanistische Gymnasium?

          Na klar. Unter den Mitschülern waren vielleicht fünf, bei denen die Eltern nicht studiert hatten. In meinem Freundeskreis gab es einen Polizisten als Vater und einen Postbeamten. Die anderen hatten Akademiker als Eltern.

          Woran sind Sie auf dem Gymnasium gescheitert?

          Leider an meiner eigenen Faulheit. Das will ich auf niemanden abschieben. In Deutsch, Geschichte oder Biologie war ich sehr gut. Latein war dafür schwierig. In der Neunten kam noch Altgriechisch dazu. Da war dann Schluss. Die Lehrer meinten, es sei besser, dann einen Schnitt zu machen - damit ich mich noch ein Jahr lang auf die mittlere Reife vorbereiten kann. Auch für mich selbst war schnell klar: Ich will die Schule jetzt beenden und arbeiten gehen.

          Wie kamen Sie dann auf die Gesamtschule?

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Meine Eltern haben sich im Umfeld erkundigt, sich Rat geholt. Und die Gustav-Heinemann-Schule hat einen sehr guten Ruf, führte zur mittleren Reife und zum Abitur. Auch wenn ich das Abitur ja gar nicht mehr machen wollte, sondern lieber eine Ausbildung.

          Diese Schule war ein Monument sozialdemokratischer Bildungspolitik in den siebziger Jahren.

          Allerdings. Das war eine Lernmaschine, so haben wir es selbst genannt. Von außen sah es aus wie das Centre Pompidou in Paris: ein bunter, riesiger Kasten. Das Ganze musste ja groß sein, weil alle Schulformen unter einem Dach vereint waren. Die Gänge hießen „Schulstraße“, jeder Schüler hatte seinen eigenen Spind. Es gab einen Jugendclub, eine Bibliothek, eine Disco. Auch eine Mensa.

          Haben Sie sich dort wohlgefühlt?

          Nach dem humanistischen Gymnasium war es wieder ein Einschnitt. Ohne Klassenverband und in teils fensterlosen Räumen, das war schon auch merkwürdig. Andererseits war es eine sehr viel freiere, offenere Atmosphäre, durchaus mit Anspruch. Ich war dann ein guter Schüler, sogar in Latein.

          War das Konzept dieser Schulen denn richtig?

          In der Umsetzung war nicht alles perfekt, aber der Anspruch bleibt bis heute richtig: dass nicht schon in der fünften Klasse der restliche Lebensweg festgelegt wird, und dass es einen Ganztagesbetrieb gibt. In vielen Fällen hat es sehr gut funktioniert. Einige meiner Freunde kamen mit einer Realschul-Empfehlung dorthin - und machten dann das Abitur.

          War es schwierig, eine Lehrstelle zu bekommen?

          Viele Freunde haben damals 30 oder 40 Bewerbungen geschrieben. Nachdem ich gemerkt hatte, wie schwer ein Ausbildungsplatz zu bekommen ist, bin ich zum Arbeitsamt gegangen und habe dort direkt um Kontakte gebeten. Ich wollte ja etwas Kaufmännisches machen. Nach einer Woche lag eine Liste mit zehn Adressen bei mir im Briefkasten.

          Da haben Sie dann Bewerbungen hingeschickt?

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