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Ingenieurmangel : Die verschwundene Lücke kommt wieder

Mekka für Forscher und Technikbegeisterte: Teilchenbeschleuniger des europäischen Kernforschungszentrums Cern in Genf. Bild: AFP

Der Ingenieurmangel galt jahrelang als Mantra der Industrie und der Berufsvertreter. Jetzt hat er sich auf subtile Weise aus dem Staub gemacht - und wird in zehn Jahren zurückerwartet.

          Die Ingenieurlücke ist verschwunden, kommt aber bald wieder. So könnte man jüngste Aussagen zum Arbeitsmarkt für Ingenieure zusammenfassen. Das ist vor allem deshalb überraschend, weil gerade jetzt durch die Digitalisierung, durch die Globalisierung und durch die Energiewende ein unverhältnismäßig hoher Bedarf an Ingenieuren bestehen müsste. Aber die jahrelang von Interessenverbänden gepflegte Ingenieurlücke, also die zunehmende Zahl nicht besetzbarer Stellen, scheint auf wundersame Weise verschwunden. Der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) hat die Ingenieurlücke jahrelang berechnen lassen. Er ließ sich von volkswirtschaftlichen Instituten hochrechnen, wie viel Umsatz, Gewinn und Wachstum der Volkswirtschaft dadurch entgeht, dass viele Stellen für Ingenieure mangels Bewerber frei bleiben. Und jetzt: Schweigen. Die Lücke sei geschlossen, heißt es lapidar. Der Laie wundert sich: Im März 2012 fehlten noch 110 400 Ingenieure - ein historischer Höchststand.

          Georg Giersberg

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Der Betriebswirt“.

          Eine Verbesserung der Situation sei nicht absehbar, hieß es vor drei Jahren. Vor zwei Jahren war man schon vorsichtiger. Die Lücke zwischen der höheren Nachfrage und dem niedrigeren Angebot sei auf 70 000 geschrumpft. In einem Streit, ob es überhaupt eine Ingenieurlücke gebe, warfen sich die volkswirtschaftlichen Institute sogar mangelnde handwerkliche Fertigkeiten vor. Personalberater wie der Hamburger Kay Tangermann bezweifelten immer die Lücke. „Ich habe bisher jede freie Ingenieurstelle besetzt“, behauptet er. Und offene Stellen für Ingenieure gibt es auch weiterhin; mehr offene Stellen als arbeitslose Ingenieure allemal.

          Die Arbeitsplatzsituation ist also für junge Hochschulabsolventen weiterhin absolut positiv und entspannt. Von einer Lücke wird kaum noch gesprochen. Das hat nach den Worten von Michael Schwartz, Bereichsleiter Strategie und Kommunikation beim VDI, vor allem zwei Gründe. Zum einen sei die Abbrecherquote in den ingenieurwissenschaftlichen Studiengängen binnen zwei Jahren von 45 Prozent auf 35 Prozent gesunken. Zum anderen habe sich das Werben um Frauen gelohnt. Sie sind bei technischen Berufen zwar immer noch zahlenmäßig ihren männlichen Kollegen unterlegen. Aber ihr Anteil steige doch langsam. Und mittelfristig macht sich bemerkbar, dass vor einem Jahr zwei Abiturjahrgänge die Schule abgeschlossen und ein Studium aufgenommen haben. Daher werde wohl in fünf Jahren ein großer Jahrgang junger Ingenieure auf den Arbeitsmarkt drängen.

          Es gibt auch Bereiche, in denen entlassen wird

          Die entsprechende Statistik ist nie ganz falsch, aber eben oft nur reine Theorie. Der alte Statistikerspruch „Wer mit den Füßen im Feuer liegt und mit dem Kopf in der Tiefkühltruhe, der hat statistisch die richtige Durchschnittstemperatur“ ist selten so zutreffend wie in der Berufsstatistik für Ingenieure. Es gibt nämlich bei aller Entwarnung „im Durchschnitt“ am Arbeitsmarkt für Ingenieure Bereiche, in denen sogar entlassen wird - neben solchen mit starker Nachfrage. „Wir haben 100 offene Stellen für Softwareentwickler, aber der Markt ist leergefegt“, beklagt Eberhard Veit, Vorstandsvorsitzender der in der Automatisierungstechnik tätigen Festo AG. „Die Anzahl der Mitarbeiter im Softwarebereich wird künftig weiter zunehmen“, hebt auch der Automobilzulieferer Bosch hervor mit Blick auf die Vernetzung aller Lebensbereiche, wie sie unter „Internet der Dinge“ im Konsumbereich und unter dem Stichwort ,Industrie 4.0‘ in der Fertigung Einzug hält. Softwareingenieure und Informatiker sind auch für Heinz Martin Esser der Engpass auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure.

          Esser spricht dabei nicht nur für sein Unternehmen Roth & Rau-Ortner in Dresden, sondern auch als Vorstandssprecher des Silicon Saxony e.V., also für die Mikro- und Nanoelektronik Sachsens: „Bei Softwareingenieuren und Informatikern ist der Bedarf der Region größer als der entsprechende Ausstoß der örtlichen Universitäten“, beobachtet Esser. Die Nähe zu Hochschulen oder die Verbindung in einem Branchencluster (Kooperation branchengleicher Unternehmen und Forschungseinrichtungen) vereinfacht die Mitarbeitersuche. Auch für das Fotobearbeitungsunternehmen Cewe in Oldenburg ist die Suche nach Softwareingenieuren nur deshalb erfolgreich, weil man in der Nähe einer Hochschule und in ein IT-Cluster eingebunden ist. Die Ansammlung mehrerer potentieller Arbeitgeber auf einem engen Raum minimiert das Risiko für Bewerber. Falls es bei dem einen Arbeitgeber nicht für eine längere Zusammenarbeit reichen sollte, kann man den Arbeitgeber wechseln, ohne gleich wieder umziehen zu müssen. IT-Ingenieure spüren die große Nachfrage auch auf dem Gehaltskonto. Sie gehören nach den Chemie- und Pharmaingenieuren zu den Bestverdienern der Ingenieurberufe.

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