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Aufschieberitis : Was du heute kannst besorgen

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak

Dass Menschen Arbeit aufschieben, ist völlig normal - und sorgt auch für wichtige Pausen im Alltag. Zum Problem wird es dann, wenn der Verzögerer darunter leidet.

          Der eine drückt sich vor einem heiklen Gespräch, der andere schiebt Papierberge vor sich her, ohne dass sie je kleiner werden. Der Nächste nimmt sogar seine Aktenordner mit nach Hause, verärgert seine Familie, nur um festzustellen, das es dort auch nicht besser geht. Beliebt ist auch das Warten auf den richtigen Zeitpunkt. Alles soll perfekt sein, und dann wird es doch wieder nur Mittelmaß, weil man Sachen aufschiebt und dann auf den letzten Drücker erledigt. Manche verzweifeln am Aufschieben, andere schieben ständig auf ganz ohne schlechtes Gewissen und sehen darin sogar noch einen Vorteil. Wieder andere sagen: Aufschieben? Das machen immer nur die anderen.

          „Für jeden ist das Aufschieben anders“, sagt Johannes Storch, Selbstmanagementtrainer in Konstanz. Grundsätzlich sieht er kein Problem darin, die Dinge nicht immer sofort anzugehen. „Schwierig wird es erst, wenn die Leute unter ihrem Aufschieben leiden.“ Er unterteilt die Aufschieber in vier Typen: der tägliche, ganz normale Aufschieber, der hartnäckige und leidende Aufschieber, der problematische Aufschieber und der Totalblockierer.

          „Voll im Hamsterrad“

          „Ich schiebe nie etwas auf“, sagt Cornelius Krause, „das ist ja mein Problem.“ Der tatkräftige Jungunternehmer hat vor kurzem eine Apotheke mit acht Angestellten übernommen. Nun arbeitet er täglich zwölf bis vierzehn Stunden. „Voll im Hamsterrad“, sagt er leicht resigniert. Schon gibt es erste Anzeichen von Erschöpfung, Schlaflosigkeit und Kopfschmerzen. „Auch das ist ein Aufschieber“, findet Coach Storch, „was der meines Erachtens aufschiebt, ist, gut für sich zu sorgen, das Sorgen um die eigene Gesundheit.“ Es sei nicht selten, dass notwendige Entscheidungen hinausgezögert werden, wenn es um das Thema „Verantwortung delegieren“ geht.

          Viele Beschäftigte klagen über zunehmende Arbeitsbelastung. Sie spüren einen ständigen Zwang zur Kommunikation und kommen kaum noch richtig zur Ruhe. Dabei sind sich Psychologen und Hirnforscher schon lange einig: Momente des Nichtstuns sind notwendig für die Regeneration. Kleine Auszeiten stärken das Gedächtnis, fördern Kreativität und sogar die Höchstleistung. Auch das unbewusste, kleine Aufschieben von Arbeiten, die nicht sofort erledigt werden müssen, kann da Erholung bieten.

          Schnelles Handeln birgt Fehlerquellen

          Mit Leuten, die alles sofort und gleich machen wollen, hat auch Bauleiter Carlo Jost reichlich Erfahrung. „Auf dem Bau hast du viele, die gleich anpacken, ohne groß zu überlegen. Aber das schnelle Handeln birgt manchmal enorme Fehlerquellen.“ Er hat schon oft die Energien bremsen müssen. Nicht selten war es dann gut, eine Entscheidung hinauszuzögern, alles noch mal aufzuschieben. „Erst mal eine Nacht drüber schlafen“, hat er dann zu seinen Mitarbeitern gesagt. Manchen habe das gar nicht geschmeckt, sie haben ungeduldig getrampelt. Aber am nächsten Tag habe vieles schon ganz anders ausgesehen, sagt Jost.

          „In der Ruhe liegt die Kraft“, sagt auch Gerhard Kagel. Er ist Antiquar, und die Bücher in seinem Laden stapeln sich wüst durcheinander. Ja, Ordnung machen müsste er, irgendwann mal wieder einiges sortieren, räumt er ein. Doch dann schiebt er das unliebsame Tun doch wieder auf, setzt sich lieber auf den einzig freien Stuhl und stöbert in einem Buch. „Ordnung hat für mich definitiv nicht den gleichen Stellenwert wie für manch andere Leute“, sagt Kagel, schaut aber schuldbewusst drein. Das Problem bei der Sache: Er hat einen Teilhaber, der am Wochenende im Laden steht und dann immer kräftig räumen muss, weil Ordnung ihm viel mehr bedeutet. In diesem Fall ist Aufschieben also mit der Hoffnung verbunden: Ein anderer wird das schon für mich machen.

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