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Arbeitszeit : Schuften bis zum bitteren Ende

Bild: Cyprian Koscielniak

Nächtelanges Durcharbeiten, Überstunden bis zum Umfallen, immer den Gedanken im Kopf: Wer schafft am meisten, wer ist am härtesten? Besonders im Investmentbanking ist ein Arbeitszeiten-Wettbewerb ausgebrochen, der sogar tödlich enden kann. Und nicht nur dort.

          Voller Ehrgeiz war der 21 Jahre alte deutsche BWL-Student bei der Investmentbank Bank of America Merrill Lynch in London gestartet. Nächtelang hat er durchgearbeitet, weil er herausragende Leistungen erbringen wollte. Dann starb er. Die Untersuchung der Ursachen dauert an, doch der Skandal ist in der Welt: „Sklaverei in der City“, titelte die Tageszeitung „The Independent“.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Damit ist die Geschichte jedoch allenfalls in Teilen erzählt. Solche tragischen Ereignisse haben stets viele Ursachen: ein extremes Arbeitsumfeld, gedankenlose, manchmal gar skrupellose Vorgesetzte, eine ungewöhnliche Persönlichkeitsstruktur, eine besondere Krankengeschichte oder auch nur ein dummer Zufall. Doch vor allem: Sie geschehen häufiger, als man denkt - und betreffen nicht nur die grelle Welt des Investmentbankings. Im vergangenen Jahr verursachte eine Ärztin aus Krefeld nach einer 26-Stunden-Schicht einen tödlichen Unfall, bei dem sie und eine andere Frau ihr Leben verloren. In Japan gibt es für den Tod durch Überarbeitung gar ein eigenes Wort - „Karoshi“ - und für die Angehörigen einen Anspruch auf Schadensersatz. Der technologische Fortschritt, ursprünglich als Entlastung gedacht, tut sein Übriges: Paradoxerweise gibt es noch immer eine Hemmschwelle, einen Mitarbeiter nach 20 Uhr auf dem Festnetz anzurufen. Aber Handy oder E-Mails? Kein Problem.

          Dicke Egos, Gruppendruck, gnadenlose Selbstüberschätzung

          Nicht alle spektakulären Fälle finden ihren Weg in die Öffentlichkeit, doch dann werfen sie ein Schlaglicht auf strukturelle Probleme. Nicht selten betrifft es das Investmentbanking, viel kommt in diesem Bereich zusammen: dicke Egos, Gruppendruck, gnadenlose Selbstüberschätzung. Banker reden viel und gerne über ihre Arbeit, über den Nervenkitzel bei milliardenschweren Transaktionen. Nur in der Zeitung wollen sie damit nicht stehen. Viele Arbeitsverträge verbieten den Kontakt zu Journalisten - und das aus gutem Grund. Der Charme der Branche besteht auch in ihrer abgehobenen, geradezu mysteriösen Aura. „Ein Praktikum im Bereich Fusionen und Übernahmen war sehr beliebt“, erzählt einer, der nach seinem Uni-Abschluss mehrere Jahre bei einer großen Investmentbank arbeitete. „Es hieß, die nehmen nur die allerbesten. Dadurch wurde es spannend. Man fragte sich plötzlich: Kann ich das?“ In der Bank sorgten die Vorgesetzten mit psychologischen Tricks dafür, dass man sich über die Maßen einsetze. „Die erzählen einem: Du bist gut. Du bringst uns voran. Wir brauchen dich. Dann darf man mit zu einem Strategie-Meeting, einem Dax-Vorstand die Zahlen erläutern - danach fühlt man sich eine Woche lang wie der mächtigste Mann im Raum.“

          „Das ist wie Sport“, bestätigt ein anderer, auch er ehemaliger Praktikant im Investmentbanking. „Es war ein Wettbewerb im Freundeskreis: Bin ich gut genug, um in diesen elitären Zirkel aufgenommen zu werden?“ Die Lust am ständigen Vergleich nimmt teils absurde Züge an. „Einmal waren wir mit der Abteilung Gokart fahren“, erzählt er. „Da saßen die Partner, die Millionen verdienen, in diesen kleinen Autos und versuchten, schneller als der Praktikant zu sein.“

          17.000 Bewerber, 350 durften kommen

          Dabei hat Investmentbanking in der breiten Öffentlichkeit schon lange seinen Glanz verloren. Seit der Finanzkrise entlassen Banken ihre Mitarbeiter, die Boni schrumpfen, die Arbeitszeiten sind mies, und die vormals selbsterklärten Herren des Universums landen in Umfragen über respektierte Berufsgruppen regelmäßig auf den letzten Plätzen. Man sollte meinen, die Banken hätten mittlerweile Nachwuchsprobleme. Aber weit gefehlt: Jedes Jahr aufs Neue unterziehen sich Tausende junger Leute einem zermürbenden Auswahlprozess, um einen der begehrten Praktikumsplätze in der Londoner City, an der New Yorker Wall Street oder auch im Frankfurter Bankenviertel zu ergattern. 17.000 Bewerber wollten allein in diesem Sommer ein Praktikum bei der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs machen. 350 durften kommen.

          Warum tut sich ein junger Mensch das an? „Ich mache das, weil ich etwas leisten will und weil die Lernkurve extrem steil ist. Wenn ich mal eine Nacht durcharbeite, dann nur, weil ich extrem hohe Ansprüche an mich selbst habe“, sagt ein Praktikant, der derzeit in der Investmentbanking-Abteilung einer großen Bank arbeitet. „Nirgendwo sonst kriegt man so tiefe Einblicke in strategische Entscheidungsprozesse.“ Das sei eine gute Grundlage für die spätere Karriere in der Branche oder in einem großen Konzern. Den Zeitaufwand relativiert er: Man arbeite zwar viel, aber auch projektabhängig. „Ich gehe an manchen Tagen auch um fünf nach Hause.“

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