http://www.faz.net/-gyl-83w8f

Arbeitskräftelücke : Kindermangel gefährdet den Standort

  • Aktualisiert am

Seltenes Glück: In Deutschland sind die Geburtenzahlen extrem gering. Bild: Picture-Alliance

Dass hierzulande eine Arbeitskräftelücke droht, ist bekannt. Doch eine Vielzahl neuer Studien untermauert nun noch einmal das Problem: Mittlerweile ist Deutschland das Land mit den wenigsten Geburten auf der ganzen Welt. Ist das noch aufzufangen?

          Die extrem niedrige Geburtenrate wird mehreren Studien zufolge zum Standortproblem für Deutschland. An diesem Freitag veröffentlichten die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO und die Unternehmensberatung BCG fast zeitgleich neue Studien, die vor den Folgen des demographischen Wandels für den Standort Deutschland warnen. Schon Ende Mai hatte die F.A.Z. über eine Prognos-Studie zum Thema berichtet. Der Tenor: Die Digitalisierung und Vernetzung in der Produktion können nicht annähernd aufhalten, was Deutschland in den nächsten zwei Jahrzehnten blüht: eine beträchtliche Lücke an qualifizierten Arbeitskräften.

          Kein Wunder: Hierzulande werden im weltweiten Vergleich mittlerweile die wenigsten Kinder je Einwohner geboren. So jedenfalls heißt es in der Studie von BDO und des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). Danach kamen in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt 8,2 Kinder je 1000 Einwohner zur Welt. Das liegt unter dem Niveau des bisherigen Schlusslichts Japan von 8,4 Kindern je 1000 Einwohner.

          Unter den EU-Ländern schneiden nur Portugal (9,0) und Italien (9,3) ähnlich schlecht ab. Die anderen großen EU-Länder haben dagegen deutlich höhere Geburtenraten; Frankreich und Großbritannien kommen im gleichen Zeitraum auf durchschnittlich 12,7 Geburten je 1000 Einwohner. Die höchsten Geburtenraten weisen die afrikanischen Länder auf, allen voran Niger mit 50 Geburten je 1000 Einwohner.

          Deutschland als Wirtschaftsstandort wird leiden

          Aus der Entwicklung in Deutschland ergeben sich nach Ansicht von HWWI-Direktor Henning Vöpel erhebliche Nachteile und Konsequenzen für den Wirtschaftsstandort. Weniger attraktiv, weniger leistungsfähig, so die Bilanz. Die Altersgruppe der Erwerbsfähigen von 20 bis 65 Jahren werde von aktuell 61 Prozent bis zum Jahr 2030 auf 54 Prozent schrumpfen. „In keinem anderen Industrieland verschlechtert sich dieser Trend trotz des Zustroms an jungen Arbeitsimmigranten so stark wie in Deutschland“, sagte Vöpel.

          Als unmittelbare Folge drohten in Deutschland höhere Lohnnebenkosten, mittelbar Mangel an Fachkräften. „Ohne starke Arbeitsmärkte als zentralen Standortfaktor kann Deutschland seinen wirtschaftlichen Vorsprung auf Dauer nicht aufrechterhalten“, sagte BDO-Vorstand Arno Probst. „Die Zuwanderung junger Fachkräfte erscheint vor diesem Hintergrund als unverzichtbares Stabilisierungsinstrument.“ Auch die Erwerbsarbeit der Frauen müsse verstärkt gefördert werden, um die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit zu sichern.

          Auch die Unternehmensberatung „The Boston Consulting Group“ (BCG) sorgt sich weiter um den demographischen Wandel. Zeitgleich mit der HWWI-Studie veröffentlichte BCG eine Studie, der zufolge Deutschland in 15 Jahren zwischen 5,8 und 7,7 Millionen Arbeitskräfte fehlen könnten. BCG prognostiziert einen Verlust an Wirtschaftsleistung im Jahr 2030 von bis zu 550 Milliarden Euro. „Von dieser Arbeitskräftelücke sind alle Bundesländer betroffen“, sagte BCG-Partner Rainer Strack. Unser Wohlstand stehe auf dem Spiel.

          Weitere Themen

          Talentsuche auf dem Campus

          Fachkräftemangel : Talentsuche auf dem Campus

          In vielen Branchen fehlen kompetente Nachwuchskräfte. Hochschulen müssten dem Fachkräftemangel verstärkt entgegenwirken, sagen Kritiker. Dabei passiert an den Universitäten schon einiges.

          Wer stürmt den Fußball-Olymp? Video-Seite öffnen

          Frankreich oder Kroatien : Wer stürmt den Fußball-Olymp?

          Es ist das wohl größte Fußballspiel dieses Planeten. Alle vier Jahre ermittelt die Fußballwelt einen neuen Weltmeister. Der heißt dieses Jahr weder Brasilien, noch Deutschland oder Argentinien und schon gar nicht Italien. Setzt sich mit Frankreich der Favorit durch? Oder setzt sich das vier Millionen Einwohner starke Kroatien erstmals die Fußballkrone auf?

          Der Brexit als Fluch der Karibik Video-Seite öffnen

          Insel Anguilla : Der Brexit als Fluch der Karibik

          Das britische Überseegebiet Anguilla stellt sich gegen den geplanten Austritt aus der EU. Die Einwohner wurden beim Brexit-Referendum nicht gefragt. Sie befürchten Handelsschranken zu den Nachbarinseln und überlegen, aus dem Commonwealth auszutreten.

          Topmeldungen

          „Made In USA“ : Seht her, so toll ist Amerika

          Cowboy-Stiefel, Kampfjet, Waffenschränke: Trump plant eine Ausstellung heimischer Produkte, um seine Handelspolitik zu untermauern. Währenddessen stapelt sich in amerikanischen Kühlhäusern immer mehr Fleisch.
          Uniform einer Hilfspolizistin in Magdeburg.

          Polizeibefugnisse : Gefährlich und verrufen

          Wegen einer Anfrage der Grünen ist in Sachsen eine Debatte über Polizeibefugnisse entbrannt. Die Attraktivität von Städten werde durch „Panikmache“ zerstört.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.