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Neue Ansprüche an Hochschulen : Dienstleister für den Lebenslauf

Bild: Peter v. Treschkow

Die Hochschulen bekommen es mit einer anspruchsvollen Generation zu tun. Der „gute Ruf“ einer Uni wird als Entscheidungskriterium für junge Studenten immer wichtiger.

          Die Generation Y, die als werte-, freizeit- und gemeinschaftsorientiert beschrieben wird, zeigt diese Eigenschaften meist erst im Berufsleben, also nach dem Studium. Denn während des Studiums ist es kaum möglich, ausgedehnte Sabbaticals zu nehmen oder Feinjustierungen an der Work-Life-Balance vorzunehmen, besteht es doch aus zunehmend vorgegebenen Modulen und Prüfungen. Trotzdem wirken die Eigenarten der Post-1980er-Geburtsjahrgänge auch auf die Hochschulen. Denn deren Motive für die Hochschulwahl ändern sich: Die Anspruchshaltung der Studenten steigt. Und zwar nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich der Karrierechancen, die das Studium bietet.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Der „gute Ruf“ einer Hochschule wird als Entscheidungskriterium für ein Studium immer wichtiger, wie die Daten des Hochschul-Informationsdienstes (HIS) zeigen. Für 65 Prozent der Erstsemester war dies zuletzt ein wichtiges Kriterium, zehn Prozentpunkte mehr als noch einige Jahre zuvor. Auch wie die Hochschule in den standardisieren Rankings abschneidet, wird zunehmend als Entscheidungskriterium herangezogen. Welche Inhalte genau gelehrt werden, ist den Studienanfängern demnach vergleichsweise weniger wichtig. So erscheint diese freiheitsliebende Generation im Licht der Statistik erstaunlich fremdbestimmt.

          Der gute Ruf soll wohl seinen Lichtkegel auch auf den eigenen Lebenslauf werfen, womit das Studium erst als Eingangstor in eine „Gen Y“-Existenz begriffen wird. Denn um später beim Arbeitgeber Vierstundentage und Auszeiten, etwa für eine wissenschaftliche Arbeit, einfordern zu dürfen, sollte ein Bewerber Besonderes bieten. Gefragt ist weiterhin das Übliche: Exzellenz, Ausland, Highpotential. Die ideale Hochschule der Generation Y wird damit zur Druckmaschine, die das Wort „Exzellenz“ in die Lebensläufe stanzt. Die Hochschule soll das Sicherheitsnetz spannen, auf dem sich der Absolvent später manchmal ausruhen darf.

          Lebenslaufoptimierungsdruck wie selten zuvor

          Tatsächlich steht diese Generation unter einem Lebenslaufoptimierungsdruck wie keine zuvor. Das Grundmotiv ihres jungen Berufslebens ist, aus der Masse herauszustechen. Aus der größer werdenden Menge der Abiturienten, Hochschulabsolventen, „Young Professionals“. Auch die Abstiegsangst ist ihr Treibstoff, Rastlosigkeit und biedermeierliche Angepasstheit des Lebens steht in merkwürdigem Kontrast zu den Eigenschaften, die der Generation zugeschrieben werden.

          Wie passt das zusammen? Eine Erklärung ist, dass die Eigenschaften nicht in ihrem Wortsinn zu nehmen sind, sondern als „Labels“. Formale Etiketten ohne Entsprechung innerer Erfahrung: Bildung, Exzellenz, Elite. Weil es den Studenten oft an Lebenserfahrung mangelt, wenn sie jung, aber schon halb ausgebrannt aus den G8-Gymnasien zum Studium wechseln, mangelt es gewissermaßen am Brennstoff, auf den die idealerweise angenommene Begeisterung eines Professors für die Inhalte überspringen könnte. Das Strebertum, das etwas Besonderes sein will, beklagen Professoren zunehmend.

          Die Hochschulen werden als Dienstleister für das Lebenslaufdesign missbraucht. Ausflüchte aus späteren Berufskarrieren muss man sich leisten können. Dazu ist es wichtig, an einer Universität studiert zu haben, die Absolventen den Anstrich des Besonderen verleiht. Auslandsaufenthalte an Hochschulen mit exzellentem Ruf. Exzellenter Ruf in Forschung und Lehre. Kooperationen mit Unternehmen mit exzellentem Ruf. Diese Dinge sollen bitte schön die Hochschulen erfüllen. Für die ist das eine schwierige Aufgabe. Es können unmöglich die Mehrheit der Unis herausragen, auch wenn ihnen längst eine Reihe an Hochschulmarketingfachleuten und Reputationsmanagern dabei hilft.

          Die Generation Y und die Personalabteilungen der Unternehmen frönen dem Fetisch der Leistungsgesellschaft, dem sie gleichzeitig laut abschwören. Die neuesten Daten des HIS zeigen, dass die sogenannten extrinsischen Motive der Hochschulwahl und auch der Studienfachwahl an Bedeutung gewinnen. Nie in den vergangenen zehn Jahren war die Verdienstmöglichkeit, die von einem Abschluss erwartet wird, ein wichtigeres Entscheidungskriterium - diese bezeichneten 68 Prozent der Befragten als wichtig. Ebenso wurde der Status des später ausgeübten Berufs öfter als wichtig empfunden (55 Prozent). Allerdings wurden ein Interesse am Fach und eigene Fähigkeiten insgesamt immer noch weitaus häufiger genannt, wenn auch diese eben nicht mit steigender Tendenz.

          Der Standardisierung der Studienabschlüsse nach der Bologna-Reform hat den Vergleichbarkeitsdruck erhöht. Indikatoren trennen angeblich die Spreu vom Weizen. Für junge Wissenschaftler ist das der „Impact Factor“, der die Anzahl ihrer Veröffentlichungen in Zeitschriften „mit gutem Ruf“ misst, für Absolventen die Abschlussnote sowie der Name ihrer Hochschulen, für junge Arbeitgeber Name und Renommee des Arbeitgebers. Solche Labels wie Sammelsticker in den Lebenslauf zu heften ist paradoxerweise eine der Hauptbeschäftigungen der Generation Y. Es ist ein Sammeln von (Schein)-Sicherheiten.

          Die Hyperaktivität geht auf die Hochschulen über. Von „Zumutungen“ durch diese neue Generation war in einem Aufsatz für die Hochschule Reutlingen die Rede. Ein Studium mit scharfem Verwertbarkeitsblick. Das impliziert Grausamkeit gegenüber denen, die nicht dazugehören. Denn wer sich selbst nach dem Gelingen des Lebenslaufdesigns beurteilt, wird diese Kriterien auch für andere anlegen.

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