Home
http://www.faz.net/-gyl-70fh7
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Bayerische Eliteakademie Die etwas andere Elite

 ·  An der Bayerischen Eliteakademie feilen Studenten an ihrer Persönlichkeit. Sie sollen später - anders als viele Führungskräfte - nicht nur um sich selbst kreisen.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mit dem Namen der Einrichtung tun sie sich schwer. Der Begriff Elite sei in Deutschland negativ besetzt und erklärungsbedürftig, sagt der Geschäftsführer. Der akademische Leiter hätte den Namen bei der Gründung nicht gewählt. Und die Studenten berichten, dass er sie auf den ersten Blick fast von einer Bewerbung abgehalten habe. Immer noch erwähnten sie nur ungern, dass sie an einer Eliteakademie studieren. „Wir schmücken uns hier nicht mit dem Elitebegriff“, sagt Ava Mulla. „Wir sehen ihn eher kritisch.“ In den ersten Seminaren habe man intensiv über den Elitebegriff diskutiert, sagt die 25 Jahre alte Münchener Wirtschaftsingenieur-Studentin, die unter 850 Bewerbern einen der begehrten Studienplätze an der Bayerischen Eliteakademie in München ergattert hat.

Damit ist sie eine von rund 35 Studierenden von bayerischen Hochschulen, die jedes Jahr das strenge Auswahlverfahren der Akademie erfolgreich abschließen. Einen halben Tag lang müssen die Bewerber von einer Station zur nächsten eilen, Interviews führen, sich vor Publikum vorstellen und in vier Minuten Fragen beantworten wie „Warum soll die Bayerische Eliteakademie ausgerechnet Sie auswählen?“. „Total geschafft“ sei sie danach gewesen, sagt die 22 Jahre alte Viktoria Krastel, die an der TU München Bauingenieurwesen studiert. Sie sei sicher gewesen, es nicht geschafft zu haben - eine Prognose, die sich als falsch herausstellte. Trotz des stressigen Auswahlverfahrens hatte Ava Mulla schon im Assessment Center gespürt, „dass es ein ehrliches Interesse gab, mich kennenzulernen und mich nicht auseinanderbrechen zu lassen“.

Interdisziplinäre Seminare und Workshops

Mulla und Krastel haben gerade ihre Ausbildung an der Bayerischen Eliteakademie begonnen. Sie wurde vor 14 Jahren als Stiftung der bayerischen Wirtschaft gegründet und hat ein Vermögen von rund 20 Millionen Euro. Die Ausbildung eines Studenten kostet 28.000 Euro; die Teilnehmer zahlen davon 1950 Euro. Kern des Studiums neben dem Studium sind drei Präsenzphasen in den Semesterferien, in denen die Teilnehmer jeweils für vier Wochen in abgeschiedener Atmosphäre zusammenkommen, um in interdisziplinären Seminaren und Workshops Kenntnisse in Unternehmens-, Mitarbeiter- und Selbstführung zu erlangen. Sie diskutieren auch über Wirtschaftsethik und Gesellschaftspolitik und versuchen, den Begriff der Nachhaltigkeit mit Inhalt zu füllen. „Vier Wochen lang muss man sich mit anderen auseinandersetzen, seine Position finden und ständig reflektieren“, erklärt Ava Mulla und lässt erkennen, wie wertvoll die erste Präsenzphase für sie war. Zur Ausbildung gehört außerdem, dass jedem Student ein Mentor, eine Führungskraft aus der Wirtschaft, zur Seite steht, mit dem er sich alle ein oder zwei Monate trifft, um in vertrauter Atmosphäre über berufliche Optionen und Persönliches zu sprechen.

Der Unterschied zum Studium an der Hochschule sei riesig, sagt Ava Muller. Kein Frontalunterricht, man müsse vor Ort sein und könne sich nicht aus dem Weg gehen. „Etwas davon kann man auch an der Uni in den Soft-Skill-Seminaren lernen“, erklärt Viktoria Krastel. Doch die Dimension sei eine ganz andere. „Die Eliteakademie hört nicht auf, nur weil es 17.30 Uhr ist.“ Nach den Seminaren werde noch bis weit in den Abend weiterdiskutiert. Mullas Fazit nach der ersten Präsenzphase: „Überwältigend.“ Es gehe weniger um Fachwissen als „um die Bereitschaft, an sich zu arbeiten“.

„Persönlich und charakterlich gestärkt“

Die Eliteakademie diene vor allem der Persönlichkeitsbildung, findet auch Niklas Nolzen, der schon zwei Präsenzphasen hinter sich hat. „Man geht persönlich und charakterlich gestärkt aus den Seminaren heraus - und entwickelt sich weiter.“ Sein bisheriges Fazit: „Was für eine tolle Zeit, was für eine einmalige Chance.“ Der 22-Jährige studiert an der Universität Erlangen-Nürnberg Betriebswirtschaft im sechsten Semester, er hat einen amerikanischen Schulabschluss und ein deutsches Abitur mit der Note 1,6 in der Tasche, an der Hochschule ist er Jahrgangsbester. Nach dem Bachelor will er im Ausland arbeiten und dann berufsbegleitend einen Master machen. Zu seinem Studium gehört, dass er in einem Unternehmen arbeitet; in Tschechien hat er schon ein Projekt geleitet.

Nolzen war in der Schule - wie viele andere Akademiestudenten - über längere Zeit Klassensprecher. Wie alle anderen hat er schon als Schüler Führungsaufgaben übernommen. Er war Fußballtrainer und in den Vereinigten Staaten Lehrerassistent. Für ihn ist genauso wie für die anderen klar: Er will später einmal Mitarbeiter führen.

Die Wahrscheinlichkeit, dass dies gelingen wird, ist nicht gering. 2008, neuere Zahlen gibt es nicht, hatten 30 Prozent der Absolventen Führungsverantwortung übernommen. Damals waren die ältesten kaum mehr als 30 Jahre alt. Nach derselben Statistik führte nach einer Berufserfahrung von drei Jahren schon jeder zweite Mitarbeiter.

Teamarbeit sei ihm sehr wichtig, beteuert Nolzen, Ellbogendenken fremd. „Alle sind hier sehr teamorientiert“, ergänzt Viktoria Krastel, „niemand ist total karrieregeil.“ Die Akademiestudenten seien ehrgeizig und wüssten, wo sie hinwollten, erklärt Ava Mulla. Sie hätten aber viel mehr im Blick. „Sie wollen zur Verantwortungs-, nicht zur Geld- oder Machtelite gehören.“ Doch woher bringen sie diese Werteorientierung mit? „Erziehung und Freundeskreis“, glauben die Studenten.

Gute Noten reichen nicht

Vor allem wegen dieser Werteorientierung - gute Noten sind nur eine notwendige, keine hinreichende Bedingung - werden die Studenten ausgewählt. Man suche nicht nur Leistungs-, sondern auch Verantwortungselite, sagt der akademischen Leiter Dieter Frey. „Die Studenten sollen fachlich kompetent sein, Ausstrahlung und Persönlichkeit haben und ein stabiles Wertesystem“, erklärt der an der Münchener LMU lehrende Psychologieprofessor. Frey räumt aber ein, dass es trotz des ausgeklügelten Auswahlverfahrens in etwa 20 Prozent der Fälle nicht gelinge, die richtigen Leute herauszufiltern. „Wir wollen aber nicht die Egoleute haben.“ Gebraucht würden führungsbereite Persönlichkeiten, die Teamplayer und bereit seien, dazuzulernen. Und die andere groß werden lassen könnten. „Anständige Persönlichkeiten mit starkem Gestaltungswillen.“ Sie müssten erkennen, dass man allein wenig erreiche. „Narzissten, Egoisten und Machiavellisten gibt es schon genügend in den Führungsetagen“, sagt Frey. Auf etwa 50 Prozent werde ihr Anteil geschätzt. Denen gehe es vielmehr um ihre eigene Macht als um die Zukunft der Organisation - und sie scharten lauter Jasager um sich.

Doch müssen auch die Absolventen der Eliteakademie nach dem Studium in das nicht immer angenehme Berufsleben eintauchen - und mit Egozentrikern um den Aufstieg konkurrieren. „Viele erleben einen Realitätsschock“, räumt Frey ein. Er hofft, dass es dann einigermaßen gelungen ist, sie im geschützten Raum der Akademie auf die Widrigkeiten des Berufslebens vorzubereiten. Dafür übe man in Rollenspielen, wie man mit Narzissten und Machiavellisten umgehe. „Doch da können wir noch besser werden“, sagt Frey. „Was ich noch machen will, ist Alumni einladen, die über ihre Erfahrungen berichten.“ Ein wichtiger Teil der Seminare sei auch, über Niederlagen zu sprechen. „Wir fragen, was ist das Negative, was auch das Positive an Niederlagen.“

Tränenreiche Selbstreflexionsrunden

In der zweiten Präsenzphase nimmt sich Frey mit den Teilnehmern vier Tage Zeit für eine Selbstreflexion in der großen Gruppe. Zuerst versucht jeder darzulegen, warum er so ist wie er ist. Dann geht es um die Stärken jedes Einzelnen. Heikel wird es im dritten Teil. Da gibt es die „Geschenke“: Jeder sagt jedem, wie er ihn oder sie wahrnimmt. „Das war zum Teil auch hart“, erinnert sich Niklas Nolzen. „Komplett ehrlich“ sei es zugegangen. Und tränenreich. Die Atmosphäre sei aber „sehr wertschätzend“ gewesen. „Von 35 Leuten, die man toll findet, ein so direktes Feedback zu bekommen: Eine solche Chance bekommt man nicht noch mal.“

Auch Verena Rappel erinnert sich noch gut an die Teamreflexion. Jeder Student schreibe für jeden Kommilitonen eine Karte, erklärt die 25-Jährige, die es in das begehrte Vorstandsassistenten-Programm der Allianz Deutschland geschafft hat. Diese Karten schaue sie sich heute noch an. In der Akademie habe sie viel darüber gelernt, warum jemand so ist, wie er ist, sagt sie. „Dass jeder seine Punkte hat, mit denen er kämpft.“ Diese Erkenntnis helfe ihr auch im Berufsleben weiter. „Ich weiß, es hat oft einen Grund, warum sich jemand auf eine bestimmt Weise verhält - und es hat vielleicht nichts mit mir zu tun.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteurin in der Wirtschaft

Jüngste Beiträge