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Babypause „Wer Karriere will, muss Präsenz zeigen“

 ·  Immer früher kehren junge Mütter in ihren Beruf zurück. Doch das allein fördert die Karriere noch nicht. Viele Frauen stecken in der Teilzeitfalle.

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© dpa Zeigt Präsenz: Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) kam im September 2011 nach nur 14 Wochen Babypause wieder zur Arbeit.

„Wie sag ich’s meinem Chef?“, „Was mach ich nur ohne sie?“ Eine Schwangerschaft sorgt in jedem Arbeitsleben für Unordnung. Von Monat zu Monat wird sichtbarer, dass die Mitarbeiterin auch ein Privatleben hat. Typischerweise sind sowohl Vorgesetzte als auch werdende Mütter unsicher, wie viel Raum das Kind der Frau für den Beruf lassen wird.

Isabelle Heidinger, Leiterin des Personalmanagements beim Arznei- und Naturkosmetikhersteller Weleda weiß, wie schnell junge Mütter gedanklich ganz woanders sind. Daher habe man Abläufe entwickelt, um schwangere Mitarbeiterinnen sehr früh abzuholen. „Wir wollen das Thema Kinder besprechbar machen. Frauen werden frühzeitig über alle Möglichkeiten informiert und suchen sich eine Patin aus, um über sie den Kontakt zu uns zu halten.“

Ziel sei es, gerade Hochqualifizierte möglichst schnell wieder vollzeitnah einzusetzen. Bald nach der Geburt des Kindes wird ein Rückkehrgespräch mit dem Vorgesetzten vereinbart, um individuelle Lösungen für den Wiedereinstieg zu besprechen. Meist rangiert - wie bei allen anderen Arbeitgebern auch - der Wunsch der Eltern nach reduzierten und flexiblen Arbeitszeiten ganz oben.

Wertschätzung der neuen Lebenssituation durch das Unternehmen

Mit einem Schwangerentreff im Unternehmen und der 2007 eingeführten Baumpflanzaktion schlägt Weleda charmant Brücken zwischen Berufs- und Privatleben: Zweimal im Jahr wird für jedes Mitarbeiterkind eine Birke gepflanzt. „Die Eltern erleben dies als Wertschätzung ihrer neuen Lebenssituation“, sagt Heidinger.

Neben dem offenen Dialog und einer familienfreundlichen Kultur erleichtert die steigende Anzahl der Betreuungsangebote für Kleinkinder Müttern heute den Einstieg. „Die Unternehmen haben ein wachsendes Interesse, ihre Mitarbeiter zu halten, und fahren ganz viele Programme“, beobachtet Stefan Becker, Geschäftsführer der Hertie-Stiftung für die Initiative Beruf und Familie. Von Angeboten wie Weiterbildung in der Elternzeit mit Kinderbetreuung habe er vor zehn Jahren noch nichts gehört. „Wir erkennen einen klaren Wunsch zum schnelleren Wiedereinstieg der Frauen.“

Das Elterngeld lässt die Babypause schrumpfen

Treiber sind für ihn nicht nur der drohende Fachkräftemangel, sondern auch die Einsicht der Frauen, durch zu lange Pausen den Anschluss zu verlieren. Das Elterngeld mit seinem Auszahlungsende nach 12 bis 14 Monaten hat hier eine enorme Schubkraft entwickelt. „Seit der Einführung 2007 hat sich bei uns die Dauer der Elternzeit fast halbiert auf 1,7 Jahre“, heißt es bei Weleda. Markus Dinslacken, Leiter des Bereichs Global Diversity&Inclusion des Konsumgüterherstellers Henkel weiß ähnliches zu berichten: „Der Trend geht dahin, die 12 bis 14 Monate bezahlte Elternzeit stärker auszuschöpfen, dann aber, wenn die Kinder ein bis zwei Jahre alt sind, zurückzukommen. Länger als drei Jahre setzen bei uns nur noch 10,5 Prozent der Mitarbeiter aus, 2005 waren es noch 47 Prozent.“

Dazu passt der aktuelle Familienreport des Bundesfamilienministeriums: Danach sind seit Einführung des Elterngelds nur noch 12 statt vorher 17 Prozent der Mütter im ersten Jahr erwerbstätig. Sobald die Kinder ein bis zwei Jahre alt sind, steigt die Quote von 33 auf 40 Prozent an. Im Folgejahr kehren 51 Prozent der Mütter in ihre Betriebe zurück (2007: 45 Prozent).

Teilzeit ist immer noch das gängigste Modell

Hochqualifizierte Frauen heben den Schnitt laut aktuellen Zahlen des Prognos-Instituts: 57 Prozent arbeiten schon wieder nach einem Jahr, 69 Prozent sobald die Kinder zwei sind. Ein Drittel der Qualifizierten mit kleinen Kindern arbeitet Vollzeit oder vollzeitnah (mehr als 32 Stunden). Für rund die Hälfte der Frauen ist allerdings Teilzeit das gängigste Modell - und zwar langfristig, also unabhängig vom Kindesalter. Bosch hat sich darauf eingestellt und schreibt schon hochqualifizierte Stellen in Teilzeit aus. Ob Teilzeit zur beruflichen Erfüllung taugt, darüber kann man streiten. Die aber sucht die jüngste Müttergeneration.

“Die Zeiten, in denen man sich zwischen Beruf und Karriere entscheiden musste, sind für die jungen Mütter vorbei“, sagt Markus Dinslacken von Henkel. Die Generation der nach 1980 Geborenen erwarte von einem attraktiven Arbeitgeber, dass er ihnen die Möglichkeit gebe, beides zu verbinden - und zwar rund um die Welt. „Unsere Aufgabe ist es, das Umfeld dafür zu schaffen und von einer Präsenzkultur weg dahin zu kommen, dass Familienaufgaben völlig selbstverständlich in den Berufsalltag integriert werden können.“

Die Psychologin: „U3-Betreuung ist gesellschaftlich noch nicht akzeptiert“

Quantensprünge in der Vereinbarkeitsfrage kann die Psychologin Kathrin Dewender hierzulande bislang noch nicht erkennen. Als „Spezialistin für den Wiedereinstieg“ berät sie Unternehmen, Eltern und Betreuungseinrichtungen und kennt die Nöte aller Beteiligten sehr gut: Die einen wollen zufriedene motivierte Arbeitskräfte, die anderen können das nur sein, wenn ihr Kind optimal betreut ist. Die Erzieher wiederum fühlten sich manches Mal von den Erwartungen der Eltern überfordert, die ihnen ihre Einjährigen samt Bildungs- und Erziehungsauftrag 40 Stunden pro Woche überlassen.

“Die Rahmenbedingungen in Deutschland machen es nach wie vor schwer, Beruf und Familie zu vereinbaren“, behauptet Dewender. „U3-Betreuung ist gesellschaftlich noch nicht akzeptiert, die Plätze reichen vielerorts nicht, und was an Krippen angeboten wird, entspricht nicht immer den Wünschen der Eltern.“ Man müsse das Beste daraus machen, und das gehe nur in Kooperation. Dann würden Unternehmen lernen, dass eine Krippe mit Öffnungszeiten von 6 bis 23 Uhr für Mütter genauso wenig ein Argument ist, Vollzeit zu arbeiten, wie für Verkäuferinnen, dass sie nicht nur vormittags antreten können, wenn abends das Geschäft brummt. „Ein familienfreundliches Unternehmen ist für mich daher eines, in dem Frauen wie Männer private Wünsche besprechen und neue Arbeitsmodelle ausprobieren können.“

Die Mutter: „Es ist schon hart, wenn alles über einen hereinbricht“

Jutta Nagel, 41 Jahre, macht bei Weleda die Probe aufs Exempel. Seit zweieinhalb Jahren leitet sie das Marketing Pharma Deutschland und Österreich mit einer 80-Prozent-Stelle, die ihr einige Nachmittage für die fünfjährige Katharina und den vierjährigen Leonhard lässt. „Als die Stelle frei wurde, habe ich mir gedacht, dass die Chance so schnell nicht wiederkommt“, sagt sie. „Bis heute habe ich es nicht bereut. Denn wenn ich arbeite, dann möchte ich auch Herausforderung und nicht Verwaltungsarbeit“, sagt Nagel, die zuvor eine 50-Prozent-Sachbearbeiterstelle hatte.

Zweifel hatte sie nur zu Beginn. „Wenn alles über einen hereinbricht, kranke Kinder, Stress im Büro und kurze Nächte, ist es schon hart, morgens voll da zu sein.“ Die Voraussetzungen sind nahezu ideal: „Als ich die Stelle annahm, wurde die Verantwortung auf meine Initiative hin auf mehrere Leute verteilt. Ich kann die Firmen-Kita nutzen, die sehr flexible Abholzeiten bietet und habe ein gutes privates Netzwerk für die Kinderbetreuung.“ Entscheidend aber sei die Firmenkultur. „Ich weiß diesen Luxus gar nicht mehr zu schätzen, aber viele Bekannte beneiden mich, darum, wie selbstverständlich hier damit umgegangen wird, dass viele Mitarbeiter eben auch Kinder zu versorgen haben.“

Der „Arbeitnehmermarkt“ wird Forderungen der Eltern erleichtern

Stefan Becker ist optimistisch, dass sich mehr und mehr Unternehmen bemühen, Mitarbeitern Brücken zwischen Privat- und Arbeitsleben zu bauen. Natürlich gebe es immer noch die männerdominierten Organisationen, die nur Mitarbeiter haben wollen, die rund um die Uhr verfügbar sein wollen. „Aber auch sie kommen an ihre Grenzen, weil die Männer plötzlich Elternzeit nehmen oder Standortwechsel ablehnen mit Rücksicht auf die Karriere ihrer Frau.“

Der entscheidende Punkt für ihn: „In den nächsten Jahren bekommen wir einen Arbeitnehmermarkt.“ Dann werde es für Männer wie Frauen leichter, Lösungen einzufordern, die sowohl arbeitnehmer-, karriere- als auch kinderfreundlich seien. Dabei sollten sie ihre Belastbarkeit im Auge behalten. Denn auch wenn ihnen zugestanden wird, fünf oder zehn Stunden weniger zu arbeiten: Ihre „Freizeit“ wird sich viele Jahre erheblich von der ihrer kinderlosen Kollegen unterscheiden.

Im Gespräch: Hans Bertram, Soziologe und Berater des Familienministeriums

Herr Bertram, woran liegt es, dass die Babypause schrumpft?

Die jungen Mütter von heute sind sehr gut ausgebildet und wollen aus ihrer beruflichen Qualifikation etwas machen. Es ist die erste Generation, die zum großen Teil selbst Mütter mit Beruf hatte.

Wovon hängt es heute ab, wann eine Frau nach der Geburt ihres Kindes wieder zurückkehrt an ihren Arbeitsplatz?

Von ihrer Qualifikation - je besser die Ausbildung, desto schneller die Rückkehr - und von der Haltung zu ihrem Kind. Kinder sind sehr verführerisch und attraktiv - für Mütter immer noch viel mehr als für Väter. Es liegt an den Unternehmen, gegenzuhalten mit attraktiven Beschäftigungsangeboten.

Was ist wichtiger? Eine schnelle Rückkehr oder eine vollzeitnahe Arbeitszeit?

Ich glaube, dass eine zweijährige Auszeit mit 30 Jahren viel weniger karrierehemmend ist, als wenn man mit 35 immer noch 20 Stunden arbeitet. Wer eine Karriere will, muss in Deutschland Präsenz zeigen und das bedeutet, vollzeitnah arbeiten.

Welche Maßnahmen unterstützen die Rückkehr der Frauen in den Beruf am meisten?

Krippen, die von 7 bis 15 Uhr offen haben, nützen nichts, wenn der Schichtdienst um 16 Uhr beginnt. Außerdem tun sich, spätestens wenn das Kind in die Schule kommt, neue Betreuungslücken auf, solange darauf gesetzt wird, dass Eltern Hilfslehrer spielen. Ganztagsschulen sind für mich die nächste politische Herausforderung. Solange es keine für alle passende Rundumbetreuung gibt, sind Unternehmen gefragt, Karrierepläne zu unterstützen, in denen Fürsorgepflichten - übrigens auch für alte Menschen - ihren Platz bekommen.

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