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Azubis im Ausland Streuselkuchen für Vicenza

 ·  Nur wenige Auszubildende gehen in der Lehrzeit ins Ausland. Aber gerade in Handwerksberufen können sie dort viel Neues lernen – und heimisches Wissen in die Fremde tragen.

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© Cyprian Koscielniak

Sandro Kohnke hat ein Stück Italien nach Brandenburg gebracht. Ein weißes, weiches Stück: das perfekte italienische Ciabattabrot. „Wenn man einen Ciabattateig nicht nur vier bis fünf Stunden ruhen lässt, wie in Deutschland üblich, sondern 17 Stunden wie in Italien, schmeckt das fertige Brot vollkommen anders“, erzählt er begeistert. Kohnke, 21 Jahre alt, Geselle in der Bäckerei Plentz im brandenburgischen Oberkrämer, hat im Herbst 2010 drei Wochen im norditalienischen Vicenza verbracht. Damals noch Auszubildender, lernte er auf Geheiß seines Chefs in einem kleinen italienischen Familienbetrieb das Teigkneten noch einmal neu.

“Die Kunden wollen heute immer etwas Neues haben. Und mein Chef wollte ihnen ein Ciabatta nach typisch italienischem Rezept anbieten“, sagt Kohnke. Das echt italienische Ciabatta stellte sich zwar als zu fade für den deutschen Durchschnittsgaumen heraus. Als essbares Ergebnis des Auslandspraktikums hat die Bäckerei Plentz aber heute Pizzaschnitten mit original italienischem Teig im Sortiment. „Auch der Pizzateig wird in Italien nämlich ganz anders zubereitet als in Deutschland“, sagt Kohnke.

Nur wenige wissen davon und ziehen in die Welt

Mit seinem Interesse für ausländische Handwerkstraditionen steht der Bäckergeselle bislang noch ziemlich allein da. In den Jahren 2007 bis 2009 gingen im Schnitt gerade einmal 3 Prozent eines Ausbildungsjahrgangs für Praktika oder andere Fortbildungen in die Fremde, zeigen Zahlen der Nationalen Agentur Bildung für Europa.

Die Zahlen dürften eher Unwissenheit als Unwilligkeit geschuldet sein: „Vielen Menschen ist überhaupt nicht bewusst, dass auch Azubis ins Ausland gehen können“, sagt Jacqueline März, Referentin für Mobilitätsberatung beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Vor allem in kleinen Unternehmen fehlt es zudem oft an Zeit, Geld und Personal, um Auslandsaufenthalte zu organisieren.

Selbständigkeit und Flexibilität fördern

Nach dem Willen von Politik und Wirtschaft sollen sich Azubis häufiger jenseits der deutschen Grenzen fortbilden. Zahlreiche Programme unter Beteiligung von EU, Ländern oder Handwerks- sowie Industrie- und Handelskammern helfen Unternehmen dabei, Auslandspraktika zu organisieren und zu finanzieren. Das bekannteste von ihnen ist das EU-Bildungsprogramm „Leonardo da Vinci“, das die europäische Zusammenarbeit in der Aus- und Weiterbildung stärken soll.

„Azubis sollen mit Auslandsaufenthalten den europäischen Gedanken leben und in ihrer Persönlichkeit reifen“, erklärt März. Das Durchschnittsalter bei Abschluss eines Ausbildungsvertrags beträgt in Deutschland 19,5 Jahre, viele Lehrlinge wohnen noch im Elternhaus. Ein Auslandspraktikum bedeutet für viele von ihnen den ersten längeren Aufenthalt allein in der Fremde und soll sie zu mehr Selbständigkeit und Flexibilität führen.

„Auslandspraktika sind gelebte Handwerkstradition“

Vor allem für Auszubildende aus handwerklichen Berufen dienen Auslandspraktika aber noch einem anderen Zweck: Die angehenden Gesellen sollen fremde Traditionen, Materialien und Arbeitsabläufe kennenlernen. Bäckerlehrlinge gehen deshalb besonders häufig nach Frankreich oder Italien, den Ländern von Croissant und Ciabatta. Bootsbauern raten Kammervertreter zu einem Aufenthalt in Skandinavien. Stuckateure, Fliesenleger und Restaurateure wiederum sind mit einem Praktikum in Polen gut bedient, wo diese Handwerkszweige eine lange und lebendige Geschichte besitzen.

„Auslandspraktika sind gelebte Handwerkstradition. Und Impulse aus anderen Ländern ausgesprochen wichtig fürs Geschäft“, sagt Bäcker Karl-Dietmar Plentz, Chef des umtriebigen ehemaligen Lehrlings Kohnke.

Auch Tamara Schymura lässt alte Handwerkskunst wieder aufleben - rund 1000 Kilometer vom heimatlichen Berlin entfernt, wo sie eine schulische Ausbildung zur Steinmetzin absolviert hat. „Ich war nicht sicher, ob ich in Berlin einen Job finden würde“, erzählt die Gesellin. „Berlin ist nicht gerade das Zentrum der klassischen Steinmetzerei.“ Mit Pressluft und Steinsäge, wie so viele Kollegen, wollte Schymura nicht arbeiten. Sondern klassisch mit Hammer und Meißel, oder wie die Fachleute sagen: mit Knüppel und Eisen. Die Gelegenheit dazu fand die 27-Jährige im britischen York.

Am Yorker Münster die britische Handwerksart lernen

Seit August vergangenen Jahres absolviert Schymura dort ein mehrmonatiges Praktikum und darf an Englands größter mittelalterlicher Kirche zeigen, was sie in Deutschland gelernt hat. Gemeinsam mit Berufskollegen restauriert sie das Münster von York, fertiggestellt im Jahr 1472. „Bei Restaurierungen kommt es weniger auf ein schnelles Arbeitstempo an als in normalen Betrieben“, sagt sie. „Hier lernt man die alte Handwerksart. Es ist großartig, auf dem Gerüst zu stehen.“

Mit traditionellen Mitteln restauriert Schymura die rund 2500 Steine rund um das Ostfenster der Kathedrale, eines der größten mittelalterlichen Fenster der Welt. Seit 2008 ist die Restauration des riesigen Fensters bereits im Gange, fünf Jahre sind für das gesamte Projekt veranschlagt.

Die Handwerkskammern helfen bei der Organisation

Bei ihrem Gang ins Ausland war Schymura nicht allein, sondern hatte Unterstützung von einer Mobilitätsberaterin der Handwerkskammer Berlin. Die Berater sind ein Versuch des Bundes, mehr Auszubildende zu Auslandspraktika zu bewegen. Sie klären kleine und mittelständische Unternehmen im Auftrag der Kammern über die Möglichkeit eines Auslandsaufenthalts für Lehrlinge auf, sie helfen, den Papierberg rund um den Aufenthalt zu bewältigen, vermitteln finanzielle Unterstützung aus EU- und anderen Programmen und stehen den Lehrlingen auch ganz praktisch zur Seite, indem sie etwa bei der Suche nach einem Praktikumsplatz, beim Bewerbungsschreiben oder bei Problemen mit dem Chef auf Zeit helfen.

„Berufsbildung ohne Grenzen“ heißt das 2009 ins Leben gerufene Projekt. Das Geld dafür stammt zu 80 Prozent vom Bundesarbeitsministerium und aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds ESF, zu 20 Prozent von den Kammern.

Mit Hilfe der Mobilitätsberater sind im Jahr 2010 rund 1500 deutsche Auszubildende im Durchschnitt für jeweils vier Wochen ins Ausland gegangen. Die Zahlen für 2011 liegen noch nicht vor. „Die Tendenz ist eindeutig steigend. Aber nicht alle beratenen Jugendlichen geben uns eine Rückmeldung“, sagt DIHK-Mitarbeiterin März.

Auszubildende lernen Neues, Arbeitgeber profitieren

Auch Vera Freermann hatte Unterstützung von einer Mobilitätsberaterin, sowohl in Deutschland als auch vor Ort im fremden Betrieb. Die 21 Jahre alte Maßschneiderin aus Münster hat im vergangenen Sommer drei Wochen in Finnland verbracht und dort in einem kleinen Atelier Kleider für modebewusste Finninnen angefertigt und geändert.

„Die Änderungen waren etwas ungewohnt, weil ich so etwas in Deutschland kaum mache“, erzählt sie. „Aber ich durfte viel helfen. Meine Chefin in Finnland hat gesehen, dass ich etwas kann.“ Dank der Mobilitätsberaterin, die Freermann in Finnland am Zug abholte, ihr eine Wohnung und ein Fahrrad besorgte, fiel auch der Start nicht allzu schwer.

Der Auslandsaufenthalt hat Freermann nach Überzeugung ihrer deutschen Chefin Sabine Deckenbrock, Betreiberin der Münsteraner Maßschneiderei „Die Kleidermacher“, gutgetan. „Vera ist viel selbstbewusster zurückgekommen“, sagt die Unternehmerin. „Sie wurde in dem bestärkt, was sie vorher bei uns gelernt hatte.“ Um lokale Techniken zu erlernen, sei der Aufenthalt in Finnland zwar zu kurz gewesen.

Trotzdem sollten insbesondere Handwerksunternehmen ihren Azubis Auslandspraktika ermöglichen, meint Deckenbrock. Denn solche Angebote können Berufsbilder, die unter Jugendlichen heute als angestaubt gelten, attraktiv machen. „Maßschneiderei ist ein archaischer Beruf. Wir halten alte Techniken am Leben“, sagt Deckenbrock. Ist der Beruf auch alt: Die Ausbildungspraktiken müssen es nicht sein.

Im besten Fall ist der Kontakt zwischen deutschen Azubis und ausländischen Handwerkern keine Einbahnstraße, sondern ein grenzüberschreitender Austausch von Wissen. Bäckergeselle Sandro Kohnke, der auf Weisung seines Chefs ein Ciabatta-Rezept mit heimbringen sollte, ist deshalb nicht mit leeren Händen nach Italien aufgebrochen, sondern hat einen Quarkstollen mitgenommen, ein typisch deutsches Gebäck. „In Vicenza habe ich dann Streuselkuchen gebacken“, erzählt er. „Die Italiener waren begeistert davon.“

Wer Auslandspraktika für Azubis fördert

Leonardo da Vinci:
Das Programm wird von der EU finanziert und fördert europäische Bürger, die sich in Betrieben oder Berufsbildungseinrichtungen in einem anderen europäischen Land fortbilden wollen. Neben Auslandsaufenthalten fördert es unter anderem die Einrichtung von Bildungsnetzwerken und grenzüberschreitende Innovationsprojekte. In den Jahren 2007 bis 2009 stammten 37 Prozent der Mittel für Azubi-Auslandsaufenthalte aus diesem Programm.

Bilaterale Austauschprogramme des Bundes:
Das Bundesministerium für Bildung und Forschung stellt ebenfalls Geld bereit, um Azubis den Auslandsaufenthalt zu ermöglichen. Diese können nach Norwegen, Frankreich, Israel, Großbritannien oder in die Niederlande gehen. Die Programme trugen zwischen 2007 und 2009 rund 8 Prozent zur Finanzierung von Azubi-Auslandsaufenthalten bei und waren damit die zweitwichtigste Finanzierungsquelle.

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