03.03.2010 · Vera Holl verkauft ihren Freundinnen, Nachbarinnen und allen, die sonst noch Interesse haben, duftende Cremes, Lippenstifte und Maskara. Den Job als Avon-Vertreterin hat sie sich ausgesucht, weil sie ihn gut neben der Betreuung ihrer fünf Kinder erledigen kann.
Um einfach bei wildfremden Leuten an der Tür zu klingeln und ihnen etwas verkaufen zu wollen, dafür wäre Vera Holl früher zu schüchtern gewesen. „Viel von meinem Selbstbewusstsein habe ich erst durch meine Tätigkeit gelernt“, sagt die 46 Jahre alte Duisburgerin, die nun schon seit 17 Jahren von Tür zu Tür geht und mit Kosmetikprodukten der Firma Avon handelt. „Anfangs war ich weder eine großartige Nutzerin von Schminke noch eine typische Verkäuferin“, sagt sie offen. Doch nach der Geburt ihres zweiten Kindes suchte die mittlerweile fünffache Mutter einen Nebenjob - und antwortete auf eine Zeitungsannonce, ohne zu wissen, dass sich Avon dahinter verbarg. „Darauf habe ich mich nur zögerlich eingelassen“, sagt sie. „Aber es war so verlockend.“
Denn mit dem Job im Direktvertrieb konnte sie sich ihre Zeit frei einteilen und zwischendurch Mittagessen kochen, bei den Hausaufgaben helfen oder aufgeschlagene Kinderknie verarzten. Noch heute berät sie Nachbarinnen von ihrem grünen Plüschsofa im Wohnzimmer aus, während die Katze um ihre Beine streicht. Oder sie besucht die Frauen in den umliegenden alten Bergarbeiterhäuschen der Duisburger Siedlung Hochfeld. Ein bunt gemischtes Netzwerk von fast 100 Stammkundinnen hat sie sich mittlerweile aufgebaut. Türkische Migrantinnen sind dabei, die viel Parfüm und Modeschmuck kaufen, Rentnerinnen, die teure Gesichtscremes gegen Fältchen mögen, und junge Mädchen, die Maskara und Lippenstifte bestellen.
Mittlerweile ist Vera Holl ziemlich erfolgreich - trotz ihrer zurückhaltenden Art. Oder vielleicht sogar deswegen: „Ich spreche Freundinnen an oder erwähne beim Elternabend in der Schule, dass ich Kosmetik verkaufe. Oder ich werfe den Nachbarinnen einfach einen Katalog in den Briefkasten. Während der Beratung lasse ich die Kunden erst mal fragen und höre ihnen genau zu, was sie wollen.“ Mit der einfühlsamen Strategie macht Vera Holl fast 10.000 Euro Umsatz im Jahr.
Freilich bleiben davon nur 20 bis 25 Prozent, wie sie sagt. „Es reicht, um mir ein paar schöne Dinge zu gönnen. Einen Urlaub oder ein Schmuckstück. Seit ich bei Avon bin, weiß ich sogar die Vorzüge von duftenden Cremes und schöner Schminke zu schätzen.“